Traktat wider die Mysterienspiele

Der folgende Traktat eines unbekannten wyclifitischen Verfassers befasst sich mit einem sonst selten behandelten Thema. Mit Nachdruck und Geschick werden hier sechs mögliche Einwände von Befürwortern der kirchlichen Mysterienspiele widerlegt: Die Mysterien Christi, die Taten des Heilands auf Erden, sind eine so ernste und heilige Sache, dass man mit ihnen kein Spiel treiben darf! Darum sind die Mysterienspiele zu verwerfen. Es geht um die Ehre Gottes! Nicht auf die Zeichen, sondern aufs Tun der Liebe kommt es an und nicht auf eine scheinbare, sondern auf die echte Bekehrung, die nur vom Wort Gottes und von den Sakramenten gewirkt werden kann, nicht von den Mysterienspielen. Hier spricht sich ohne Polemik eine schlichte, strenge biblizistische Frömmigkeit aus, die in ruhiger Gewissheit ihrer Grundsätze über das Kirchentum ihrer Zeit hinausgewachsen war. Keiner äußeren Verfolgung konnte es gelingen, eine solche Frömmigkeit je wieder auszulöschen. Sie erinnert an den puritanischen Einschlag in der englischen Reformation des 16. Jahrhunderts und von ferne gar schon an deren Weiterführung im 17. Jahrhundert.

Mittelengl. Text: A Sermon against Miracle-plays. Altenglische Sprachproben, … hg. von E. Mätzner 1/2 (1869) 222—242.

Traktat wider die Mysterienspiele

Wisset, ihr Christenmenschen: Wie Christus Gott und Mensch ist und der Weg, die Wahrheit und das Leben, wie das Evangelium Johannis sagt — der Weg für die Irrenden, die Wahrheit für die Unwissenden und Zweifelnden, Leben für die, welche müde sind von ihrem Ringen um den Eingang ins Himmelreich —, so tat Christus nichts, was nicht wirksam war auf dem Weg durch Gnade, in der Wahrheit durch Gerechtigkeit und im Leben dadurch, dass er unser beständiges Klagen und Trauern im Tale der Tränen mit ewiger Freude vergilt. Darum sind die Mysterien, die Christus hier auf Erden, sei es in eigener Person oder durch seine Heiligen, getan hat, so wirksam und ernstlich vollbracht, dass sie den irrenden Sündern die Vergebung der Sünde brachten und sie auf den Weg des rechten Glaubens führten; den unbeständigen Zweiflern brachten sie Weisheit, Gott wohlgefälliger, und die wahre Hoffnung, in Gott beständiger zu sein; und denen, die des Weges Gottes müde waren (um der Pein und des Leidens der Mühsal willen, welche sie auf diesem Weg haben müssen), brachten sie die inbrünstige Liebe, der alles leicht ist, selbst der Tod, welchen die Menschen sonst aufs höchste fürchten, und zwar um des ewigen Lebens und der Freude willen, welche die Menschen über alles lieben und ersehnen und die, wenn sie sie wahrhaft erhoffen, aller Müdigkeit hier auf dem Wege Gottes ein Ende macht. Darum, weil die Mysterien Christi und seiner Heiligen so wirksam waren, wie wir durch unseren Glauben gewiss sind, sollte kein Mensch im Spaß und Spiel von den Mysterien und Taten Gebrauch machen, die Christus so ernstlich zu unserem Heil vollbracht hat. Denn jeder, der das tut, irrt im Glauben, verkehrt Christus und verachtet Gott … Wahrlich, er hat uns befohlen, seinen Namen zu heiligen und seinen Werken von Herzen Furcht und Ehre entgegenzubringen, ohne Spiel oder Spott, so wie in ganz ernsten Menschen vollkommene Heiligkeit ist. Darum, wenn sie mit dem Namen von Gottes Wundern Spiel treiben, so unterlassen sie mit Willen, was ihnen Gott gebietet, und so verachten sie seinen Namen und verachten ihn selbst.

Aber hiergegen sagen sie (1), dass sie diese Mysterien zur Ehre Gottes aufführen, während die Juden nicht so handelten, die Christum verspotteten. Auch sind oftmals, so sagen sie (2), durch solche Mysterien Menschen zu einem guten Lebenswandel bekehrt worden, da Männer und Frauen an diesen Mysterien sehen, dass durch ihren Aufzug, durch den sie einander zu böser Lust und Hochmut verführen, der Teufel sie zu seinen Knechten macht und sie und viele andere in die Hölle bringt und dass sie durch ihren stolzen Aufzug hier dereinst weit mehr Schande haben werden, als sie hier Ehre haben. Und sie sehen fernerhin (3), dass dieses ganze weltliche Treiben nichts ist als eine kurzlebige Eitelkeit, wie die Mysterien es sind, wodurch sie ihren Hochmut fallen lassen und danach den demütigen Wandel Christi und seiner Heiligen auf sich nehmen, und so bringt das Mysterienspiel die Menschen zum Glauben und führt sie nicht davon ab. Auch werden (4) durch solche Mysterienspiele Männer und Frauen, welche die Passion Christi und seiner Heiligen sehen, zu Mitleid und Anbetung bewegt und weinen bittere Tränen, und so verachten sie Gott nicht, sondern sie ehren ihn. Auch ist es für die Menschen und für die Verehrung Gottes förderlich, alle möglichen Mittel zu gebrauchen und zu suchen, wodurch sie die Sünde fliehen und Tugend annehmen, und während es Leute gibt, welche nur durch eine ernste Tat zu Gott bekehrt werden, sind doch auch andere da, die nur durch Spiel und Spaß zu Gott bekehrt werden wollen, und da heutzutage die Menschen nicht durch eine ernste Tat Gottes oder der Menschen bekehrt werden, ist es an der Zeit und richtig, wenn man versucht, das Volk durch Spiel und Spaß, wie zum Beispiel durch Mysterienspiele und andere Arten von Vergnügen, zu bekehren. Auch müssen (5) die Menschen irgendein Vergnügen haben, und es ist besser oder doch weniger schädlich, wenn sie sie hier an den Mysterienspielen haben als an der Aufführung von anderen Späßen. Desgleichen (6): Da es erlaubt ist, die Mysterien Gottes gemalt abzubilden, warum soll es dann nicht ebenso erlaubt sein, sie aufzuführen, da doch die Menschen den Willen Gottes und seine wunderbaren Taten durch deren Aufführung besser wahrnehmen können als durch deren Abbildung. Und sie werden durch die Aufführung besser dem Gedächtnis der Menschen eingeprägt und öfter wiederholt als durch die Abbildung, denn diese ist ein totes Buch, jene ein lebendiges.

(1) Auf den ersten Einwand entgegnen wir, dass solche Mysterien nicht der Ehre Gottes dienen, denn sie werden eher dazu aufgeführt, dass die Welt sie sieht und Gefallen an ihnen findet als dass Gott sie sieht und Gefallen an ihnen findet; so wie uns Christus kein Beispiel für sie gab, sondern nur die Heiden, welche Gott immerdar entehren und zur Ehre Gottes das zu sagen meinen, was ihm zur Schmach gereicht. Wie daher die Bosheit des Unglaubens der Heiden sich selbst belügt, wenn sie behaupten, dass ihr Götzendienst Gottesdienst ist, so belügt die Lust der Menschen heutzutage sich selbst, wenn sie sagen, solche Mysterienspiele dienen der Ehre Gottes. Denn Christus sagt, dass das ehebrecherische Geschlecht solche Zeichen sucht, wie ein Unzüchtiger Zeichen wahrer Liebe sucht, aber keine Taten wahrer Liebe. Da diese Mysterienspiele nur Zeichen der Liebe sind ohne Taten, sind sie nicht nur der Ehre Gottes zuwider, die sowohl auf Zeichen als auch auf der Tat beruht, sondern sie sind Ränke des Teufels, um die Menschen zum Glauben des Antichrists zu verführen, so wie die Worte der Liebe ohne wahre Tat nur Ränke des Unzüchtigen sind, womit er seinen Mitmenschen verführt, um seine Unzucht zu vollbringen.

(2) Und was das zweite Argument betrifft, sagen wir . . .: Ein Mysterienspiel kann, obwohl es Sünde ist, zum Anlass der Bekehrung werden, aber da es Sünde ist, ist es weit mehr ein Anlass, Menschen zu Fall zu bringen, nicht nur den einzelnen, sondern eine ganze Gemeinschaft, da es ein ganzes Volk in Eitelkeit verstrickt gegen das Gebot des Psalters, was allen Menschen und namentlich den Priestern befiehlt, die es jeden Tag zu ihrem Gottesdienst lesen: „Wende meine Augen ab, dass sie keine Eitelkeiten sehen” (Ps. 119,37) und wiederum „Herr, du hassest, die da halten Eitelkeiten” (Ps. 31,7) . . . Diejenigen, die da sagen: „Lasst uns ein Spiel vom Antichrist und vom Jüngsten Tag spielen, auf dass dadurch einige Leute bekehrt werden”, fallen daher in die Häresie jener, die das Wort des Apostels verdrehen und sagen: „Lasset uns Übles tun, auf dass Gutes daraus komme; welcher Verdammnis”, wie der Apostel sagt, „ist ganz recht” (Rom. 3, 8).

(3) Die dritte Begründung beantworten wir, indem wir sagen: Ein solches Mysterienspiel gibt keinen Anlass zu echtem und notwendigem Wehklagen. Denn das Wehklagen, das beim Anblick solcher Mysterienspiele über Männer und Frauen kommt und nicht vornehmlich aus ihren Sünden und aus ihrem Glauben und ihrer inneren Trauer entspringt, sondern mehr aus dem äußeren Anblick ohne Trauer, ist vor Gott nicht recht, sondern vielmehr tadelnswert. Denn da Christus die Frauen tadelte, die bei seiner Passion über ihn weinten, sind diejenigen, welche über ein Spiel von der Passion Christi weinen, weit mehr zu tadeln, weil sie nicht um ihrer und ihrer Kinder Sünden willen weinen, wie Christus den Frauen befahl, die über ihn weinten.

(4) Und folgendermaßen beantworten wir die vierte Begründung und sagen: Nur durch die ernste Tat Gottes wird jemand zu Gott bekehrt, nicht durch eitles Spiel, denn wenn das Wort Gottes oder seine Sakramente das nicht bewirken können, wie sollte das Mysterienspiel es bewirken, welches keine Kraft besitzt, sondern ganz mangelhaft ist? . . . Darum sind Priester, welche sich heilig nennen und sich mit solchen Spielen abgeben, wahrhaft Heuchler und Lügner.

(5) Das fünfte Argument beantworten wir folgendermaßen: Wahres Vergnügen ist rechtmäßig, wenn es sich zum Ziel setzt, statt böser Taten mit brennendem Eifer größere Taten zu tun, und darum ist die Darstellung oder auch der Anblick solcher Mysterienspiele kein wahres Vergnügen, sondern falsch und weltlich, wie die Taten der Befürworter solcher Spiele beweisen . . . Und wenn man fragt, welches Vergnügen der Mensch nach seiner heiligen Anbetung in der Kirche haben soll, so sagen wir zwei Dinge, einmal: wenn er zuvor aufrichtig angebetet hätte, so würde er weder diese Frage stellen noch hätte er den Wunsch, Eitelkeit zu sehen; zum anderen sagen wir: sein Vergnügen sollten die Werke der Barmherzigkeit an seinen Mitmenschen sein und die Freude an jeglichem gutem Verkehr mit ihnen, so wie er sich vorher an Gott gefreut hat, ebenso seine Freude an allen notwendigen Werken, die von Vernunft und Natur gefordert sind.

(6) Und zum letzten Argument sagen wir, dass gemalte Bilder, sofern sie der Wahrheit entsprechen und nicht mit Falschheit vermischt und nicht zu kurios sind, um die Sinne der Menschen zu füttern, und dem Volk keinen Anlass zum Götzendienst geben, für einen Gelehrten nur gleichsam Buchstaben sind, mit denen er die Wahrheit lesen kann. Mit den Mysterienspielen verhält es sich aber nicht so, welche viel eher ein leibliches Vergnügen sind als „Laienbücher”, und darum sind sie, sofern sie „lebendige Bücher” sind, eher lebendige Bücher des Bösen als des Guten. Gute Menschen sind sich daher bewusst, wie ihre Zeit zu kurz ist für gute, ernste Taten und wie der Tag der Rechenschaft rasch herbeikommt, und da sie den Tag ihres Abscheidens nicht kennen, fliehen sie solche Eitelkeit in dem Wunsch, mit Christus, ihrem Gemahl, in der Seligkeit des Himmels zusammen zu sein.
Ein halber Freund, der weniger eifrig ist für sein Seelenheil, der das Böse entschuldigen möchte und, wie Thomas von Indien, schwer zu überzeugen ist, erklärt, er wolle die besagte Meinung vom Mysterienspiel nur dann aufgeben, wenn man ihm das mit der Heiligen Schrift und mit unserem Glauben beweist. Damit aus der halben Freundschaft eine ganze werde, bitten wir ihn, zuerst das zweite Gebot Gottes zu betrachten, das da lautet: „Du sollst Gottes Namen nicht missbrauchen!” . . .

Darum, mein Freund, ist das Mysterienspiel heute ohne Zweifel nichts anderes als die zuverlässige Androhung einer Strafe, die plötzlich über uns kommen wird. Und darum, lieber Freund, wollen wir weder unsere Sinne noch unser Geld auf das Spiel von Mysterien verwenden, sondern wir wollen sie tun in der Tat, in großer Furcht und Pein, denn wahrlich, das Wehklagen und die leibliche Andacht darin sind nichts anderes als die Hammerschläge ringsum, die den Nagel unserer Furcht vor Gott und dem Jüngsten Tag austreiben und den Weg Christi schlüpfrig und schwer für uns machen, wie Regen auf Erde und Löß. Darum, mein Freund, wenn wir überhaupt spielen wollen, so lasst uns spielen wie David vor der Lade Gottes, und wie er sprach vor seiner Frau Michal, die sein Spiel verachtete, weshalb er zu ihr sagte: „So wahr der Herr lebt, ich will vor dem Herrn spielen, der mich erwählt hat vor deinem Vater und vor allem seinem Hause, dass er mir befohlen hat, ein Fürst zu sein über das Volk des Herrn, über Israel, und ich will noch geringer werden denn also und will niedrig sein in meinen Augen, und vor den Mägden, von denen du geredet hast, werde ich ehrenvoller erscheinen” (2. Sam. 6,21). Dieses Spiel hat drei Teile: Der erste ist: Gewahr werden, in wie vielen Dingen uns Gott mehr Gnade verliehen hat als unseren Nachbarn, auf dass wir ihm um so mehr Dank sagen, indem wir seinen Willen tun und mehr auf ihn trauen im Angesicht allerlei Tadels unserer Feinde. Der zweite ist: beständige Ergebung in Gottes Allmacht und niedrig und gering erscheinen in den Augen der Welt, wie Christus und seine Apostel und wie David sprach. Der dritte Teil ist: Vor uns selbst niedriger erscheinen als vor anderen und am wenigsten auf uns selbst setzen, da wir unsere eigenen Sünden besser kennen als diejenigen anderer. Und dann werden wir vor allen Heiligen des Himmels und vor Christus am Jüngsten Tag und in der Seligkeit des Himmels umso herrlicher erscheinen, je besser wir die besagten drei Teile spielen. Die Heilige Dreieinigkeit verleihe uns, diese drei Teile hier recht zu spielen und dereinst in den Himmel zu kommen. Amen.

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