Meine Beichte

von Leo Tolstoi (Gekürzte Fassung)

KAPITEL 1

Ich bin im orthodoxen christlichen Glauben getauft und erzogen worden. In diesem Glauben wurde ich von Kindheit an und während meiner Knaben- und Jünglingsjahre unterrichtet. Als ich aber mit achtzehn Jahren nach dem zweiten Kursus die Universität verließ, glaubte ich an nichts mehr von alle dem, was man mich gelehrt hatte. Wenn ich nach manchen Erinnerungen urteilen darf, war ich auch nie ernsthaft gläubig gewesen, ich hatte nur Vertrauen zu dem gehabt, was man mich gelehrt hatte, und zu dem, was die Erwachsenen in meiner Gegenwart bekannten; dieses Vertrauen war aber sehr schwankend gewesen.

Ich erinnere mich, als ich elf Jahre alt war, kam ein Knabe, der nun längst gestorben ist, Wolodja M., ein Gymnasiast, eines Sonntags zu uns und erzählte uns als größte Neuigkeit eine Entdeckung, die am Gymnasium gemacht worden war. Die Entdeckung  bestand darin, dass es keinen Gott gebe und dass alles, was man uns lehrt, nichts als leere Erfindung sei. (Das war im Jahre 1838.) Ich erinnere mich, wie meine älteren Brüder sich für die Neuigkeit interessierten und auch mich zur Beratung zuzogen, und wir alle, erinner ich mich, gerieten in lebhafte Erregung und nahmen diese Mitteilung als etwas höchst Interessantes und durchaus Mögliches auf.

Ich erinnere mich ferner, dass wir alle, auch die Älteren, als mein älterer Bruder Dmitrij während seiner Universitätsstudien plötzlich mit der ihm eigenen Leidenschaftlichkeit sich dem Glauben hingab, jeden Gottesdienst besuchte, fastete und ein reines und sittliches Leben führte, ihn unaufhörlich verspotteten und ihm den Beinamen “Noah” gaben. Ich erinnere mich, wie Mussin Buschtin, der damals Kurator der Universität von Kasanj war, uns zu einem Balle einlud und meinen Bruder, der absagte, in spöttischer Weise zuredete, da ja auch David vor der Bundeslade getanzt habe. Diese Späße der Älteren hatten damals meinen Beifall, und ich zog aus ihnen den Schluss, dass man den Katechismus lernen und in die Kirche gehen müsse, dass man alles aber nicht allzu ernst zu nehmen brauche. Ich erinnere mich ferner, dass ich in sehr jungen Jahren Voltaire las und dass mich seine Spöttereien nicht nur nicht empörten, sondern sogar erheiterten.

Mein Abfall vom Glauben vollzog sich ganz so, wie er sich stets bei Leuten von unserer Bildungsschicht vollzogen hat und noch gegenwärtig vollzieht.

Ich hörte aus eigenem Antrieb auf, die Kirche zu besuchen und mich zum Abendmahl vorzubereiten. Ich glaubte nicht an das, was man mir von Kindheit an überliefert hatte, aber ich glaubte an etwas. An was ich glaubte, hätte ich unmöglich in Worte fassen können. Ich glaubte auch an Gott, oder richtiger, ich leugnete Gott nicht; aber an was für einen Gott ich glaubte, hätte ich nicht sagen können; ich leugnete auch Christus und seine Lehre nicht, aber worin seine Lehre bestand, hätte ich auch nicht sagen können.

Wenn ich jetzt an diese Zeit zurückdenke, sehe ich klar, dass mein Glaube – das, was neben den animalischen Instinkten mein Leben bewegte – mein einziger wahrer Glaube zu jener Zeit der Glaube an die Vervollkommnung war. Worin aber die Vervollkommnung bestand und was ihr Ziel war, hätte ich nicht sagen können. Ich bemühte mich, mich geistig zu vervollkommnen – ich lernte alles, was ich konnte und was mir das Leben zuführte: ich bemühte mich, meinen Willen zu vervollkommnen; ich stellte mir Lebensregeln zusammen und bemühte mich, sie zu befolgen; ich vervollkommnete mich körperlich durch allerlei Übungen, indem ich meine Kraft und meine Geschicklichkeit förderte, und mich durch allerlei Entbehrungen zu Ausdauer und Geduld erzog. Und all dies betrachtete ich als Vervollkommnung. Die Grundlage bildete selbstverständlich die sittliche Vervollkommnung. An ihre Stelle trat aber bald die Vervollkommnung im Allgemeinen, d.h. der Wunsch, nicht vor mir selber oder vor Gott, sondern vor anderen Menschen besser zu sein. Und sehr bald trat an die Stelle dieses Strebens, vor den Menschen besser zu sein, der Wunsch, stärker zu sein als die anderen Menschen, d.h. berühmter, bedeutender, reicher zu sein als die anderen.

KAPITEL 2

Ich gedenke einmal die Geschichte meines Lebens zu erzählen, die in diesen zehn Jahren meiner Jugend rührend und lehrreich zugleich ist. Ich glaube, viele, sehr viele haben ganz dasselbe erlebt. Ich hatte in tiefster Seele den Wunsch gut zu sein, aber ich war jung, ich besaß Leidenschaften, und ich stand allein, ganz allein, als ich das Gute suchte. Immer, wenn ich versuchte, in Worten das auszudrücken, was meinen sehnlichsten Wunsch bildete, dass ich nämlich ein sittlich guter Mensch sein wollte, stieß ich auf Verachtung und Spott; und so oft ich mich hässlichen Leidenschaften ergab, wurde ich gelobt und angespornt.

Ehrgeiz, Herrschsucht, Eigennutz, Wollust, Stolz, Zorn und Rachsucht, all das stand in Ansehen. Ergab ich mich diesen Leidenschaften, so wurde ich den Erwachsenen ähnlich und fühlte, dass man mit mir zufrieden war.

Meine gute Tante, bei der ich wohnte, das reinste Geschöpf, pflegte mir immer zu sagen, sie wünschte für mich nichts so sehr, als ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau: »Rien ne forme im jeune homme, comme une liaison avec une femme comme il faut«: auch noch ein zweites Glück wünschte sie für mich dass ich nämlich Adjutant würde, und am liebsten beim Zaren; und das allerhöchste Glück – dass ich ein sehr reiches Mädchen heiratete, und dass ich infolge dieser Heirat möglichst viel Leibeigene hätte.    

Ich kann nicht ohne Entsetzen, ohne Abscheu, ohne tiefen Schmerz im Herzen an diese Jahre zurückdenken. Ich habe im Krieg Menschen getötet, ich habe zum Duell gefordert, um zu töten, ich habe Geld im Kartenspiel vergeudet, habe die Arbeit der Bauern verschlemmt, ich habe sie gezüchtigt, habe ein ausschweifendes Leben geführt, habe betrogen. Lüge, Diebstahl, Wollust jeder Art, Trunksucht, Gewalttätigkeit, Totschlag… kein Verbrechen, das ich nicht begangen hätte. Und für all dies lobten mich meine Genossen, hielten und halten sie mich für einen verhältnismäßig sittlichen Menschen.

So habe ich zehn Jahre gelebt.

Um diese Zeit begann ich meine schriftstellerische Tätigkeit – aus Eitelkeit, Eigennutz und Stolz. In meinen Schriften tat ich, was ich in meinem Leben tat. Um Ruhm und Geld zu haben, um derentwillen ich schrieb, musste das Gute unterdrückt, das Hässliche ausgesprochen werden. Und so tat ich denn auch. Wie oft suchte ich künstlich in meinen Schriften unter dem Schein der Gleichgültigkeit, ja des leichten Spottes, jenes Hinstreben zum Guten zu verschleiern, das den Sinn meines Lebens bildete. Und was erreichte ich damit? Dass man mich lobte.

Mit sechsundzwanzig Jahren kam ich nach dem Krieg nach Petersburg und wurde mit Schriftstellern bekannt. Man nahm mich als ebenbürtigen Genossen auf und schmeichelte mir. Und ehe ich mich versah, hatte ich mir die standesüblichen Lebensanschauungen der Schriftsteller, mit denen ich verkehrte, zu eigen gemacht, schon hatten sie all mein früheres Bemühen, besser zu werden, vollständig ausgelöscht.* Diese Anschauungen boten meinem ausschweifenden Leben die Stütze einer Theorie, die es rechtfertigte.

Die Lebensanschauung dieser Menschen, meiner Schriftstellerkollegen, bestand darin, dass das Leben im allgemeinen sich fortschreitend entwickle, dass an dieser Entwicklung wir, die denkenden Menschen, den größten Anteil hätten, unter den denkenden Menschen den größten Einfluss wir – die Künstler, die Dichter. Unser Beruf sei es, die Menschen zu belehren. Damit sich uns aber nicht die natürliche Frage aufdrängte: Was weiß ich, was kann ich also lehren? Legte diese Theorie dar, dass man dies nicht zu wissen brauche, und dass der Künstler und Dichter unbewusst lehre. Ich hielt mich für einen wunderbaren Künstler und Dichter, und darum war es für mich selbstverständlich, dass ich mir diese Theorie aneignete. Ich, der Künstler, der Dichter, schrieb und lehrte, ohne zu wissen was. Ich erhielt dafür Geld, ich hatte vortreffliches Essen, eine schöne Wohnung, Frauen. Gesellschaft; ich war berühmt. So musste also das, was ich lehrte, sehr gut sein.

Dieser Glaube an die Bedeutung der Poesie und an die Fortentwicklung des Lebens war ein Glaube, und ich war einer seiner Priester. Es war höchst vorteilhaft und angenehm, sein Priester zu sein. Und so lebte ich recht lange in diesem Glauben, ohne je an seiner Wahrhaftigkeit zu zweifeln. Im zweiten, besonders aber im dritten Jahr dieses Lebens fing ich an, an der Unfehlbarkeit dieses Glaubens zu zweifeln, und begann ihn zu erforschen. Die erste Anregung zum Zweifel war die Wahrnehmung, dass die Priester dieses Glaubens untereinander nicht alle einig waren. Die einen sagten: Wir sind die besten und nützlichsten Lehrer, wir lehren wie man muss, und die anderen lehren falsch. Die anderen sagten: Nein, wir sind die echten, und ihr lehrt falsch. Und sie stritten, zankten, schimpften, betrogen und verspotteten einander. Zudem waren unter uns viele, die sich gar keine Sorge darum machten, wer Recht hatte, wer nicht, die mit dieser unserer Tätigkeit einfach ihre eigennützigen Zwecke verfolgten. All dies veranlasste mich, an der Wahrhaftigkeit unseres Glaubens zu zweifeln.

Nachdem ich an der Wahrhaftigkeit dieses Schriftstellerglaubens selbst zu zweifeln begonnen hatte, fing ich überdies an aufmerksamer seine Priester zu beobachten und überzeugte mich, dass fast alle Priester dieses Glaubens, die Schriftsteller, unsittliche und zum größten Teil schlechte, charakterlose Menschen waren, dass sie weit tiefer standen als die Menschen, denen ich in meinem früheren lockeren Leben und in meinen Soldatenjahren begegnet war, dass sie selbstbewusst und selbstgerecht waren, wie es nur ganz Heilige sein können oder solche Menschen, die gar nicht wissen, was Heiligkeit ist. Ich empfand Abscheu vor diesen Menschen und Abscheu vor mir selber, und ich begriff, dass dieser Glaube eine Täuschung war.

Und doch, seltsam! Obgleich ich diese ganze Lüge früh erkannte und mich von ihr lossagte, sagte ich mich doch von dem Rang, den mir diese Menschen verliehen hatten – dem Rang eines Künstlers, eines Dichters, eines Lehrers – nicht los. Ich hatte die naive Vorstellung, ich sei ein Dichter, ein Künstler, und könne alle belehren, ohne selbst zu wissen, was ich lehre. Und so handelte ich auch.
Aus dem Umgang mit diesen Menschen nahm ich ein neues Laster an – einen bis zur Krankhaftigkeit gesteigerten Dünkel und die wahnwitzige Überzeugung, ich sei berufen, die Menschen zu lehren, ohne selbst zu wissen was.

Wenn ich jetzt an diese Zeit zurückdenke, an meine Gemütsverfassung in jenen Tagen und an die Gemütsverfassung jener Menschen (auch jetzt gibt es solche übrigens zu Tausenden), so ist mir weh, schrecklich und lächerlich zumute – überkommt mich ein Gefühl, wie man es in einem Irrenhaus empfindet.

KAPITEL 3

Noch sechs Jahre lang, bis zu meiner Heirat, lebte ich in diesem Wahn. Während dieser Zeit reiste ich ins Ausland. Der Aufenthalt in Europa und meine Begegnung mit hervorragenden und gelehrten Männern europäischer Bildung bestärkte mich noch mehr in meinem Glauben an die allgemeine Vervollkommnung, in dem ich gelebt hatte; denn ich fand denselben Glauben auch bei ihnen.

Dieser Glaube nahm bei mir die gewohnte Form an, die er bei der Mehrzahl der Gebildeten unserer Zeit hat. Er wurde durch das Wort »Fortschritt« bezeichnet. Damals meinte ich, es sei mit diesem Wort etwas gesagt. Ich hatte damals noch nicht begriffen, dass ich, der wie jeder lebendige Mensch, bedrängt von den Fragen, wie ich besser lebe, mit der Antwort: Lebe dem Fortschritt gemäß! – ganz so antworte, wie ein Mensch, der in einem Kahn sitzt und von Wellen und Wind getrieben wird, auf die wichtigste, für ihn einzige Frage: »Wohin steuern?« ohne auf die Frage zu antworten, sagen würde: »Es führt uns irgendwohin.«

Damals merkte ich das nicht. Von Zeit zu Zeit empörte sich nicht die Vernunft, sondern die Empfindung gegen diesen in unserer Zeit allgemein verbreiteten Aberglauben, durch den die Menschen die mangelnde Kenntnis des Lebens sich selbst verschleiern. So enthüllte mir während meines Aufenthaltes in Paris, der Anblick einer Hinrichtung die Hinfälligkeit meines Fortschrittaberglaubens. Als ich sah, wie das Haupt sich vom Rumpf trennte, und wie eines nach dem anderen auf den Boden der Kiste aufschlug, begriff ich, nicht mit dem Verstand, sondern mit meinem ganzen Wesen, dass keinerlei Theorie von der Vernünftigkeit des Seienden und des Fortschritts dieses Verbrechen rechtfertigen könne, und dass, wenn auch alle Menschen auf der Welt, gleichviel nach welchen Theorien, seit Erschaffung der Welt gefunden hätten, dies sei notwendig – ich weiß, dass es nicht notwendig ist, sondern schlecht. Und der Richter über das, was gut und notwendig ist, sind nicht die Worte und die Taten der Menschen, auch nicht der Fortschritt, sondern bin ich mit meinem Herzen.

Ein zweiter Fall, der mir die Unzulänglichkeit des Fortschrittaberglaubens für unser Leben zum Bewusstsein brachte, war der Tod meines Bruders. Er war ein guter, kluger, ernst strebender Mensch. Er erkrankte in jungen Jahren, litt über ein Jahr und starb in Qualen, ohne je begriffen zu haben, warum er gelebt hatte, und noch weniger, warum er sterbe. Keine Theorie konnte ihm oder mir während seines langsamen und qualvollen Siechtums auf diese Frage eine Antwort geben. Aber das waren nur vereinzelte Fälle des Zweifelns. Im Grunde setzte ich das alte Leben fort und bekannte mich stets zu dem Glauben an den Fortschritt. »Alles entwickelt sich und auch ich entwickle mich, wozu ich mich mit allen zusammen entwickle, das wird sich schon zeigen.« So hätte ich damals meinen Glauben formulieren müssen.

Als ich aus dem Ausland in die Heimat zurückkam, ließ ich mich auf dem Land nieder und kam auf den Gedanken, mich mit Schulen für die Bauern zu beschäftigen. Diese Beschäftigung entsprach ganz besonders meiner Neigung, denn ihr wohnte nicht die mir offenbar gewordene Lüge inne, die mir schon während der Tätigkeit des literarischen Belehrens in die Augen gestochen hatte. Hier wirkte ich auch im Namen des Fortschritts, aber ich verhielt mich schon kritisch zu dem Fortschritt selber. Ich sagte mir, der Fortschritt vollziehe sich in einigen seiner Erscheinungen ungesetzmäßig, und man müsse sich zu den ursprünglichen Menschen, den Bauernkindern, völlig frei verhalten, indem man sie den Weg des Fortschritts wählen lässt, den sie zu gehen wünschen. Im Grunde aber bewegte ich mich beständig im Kreis herum um ein und dieselbe ungelöste Aufgabe, die darin bestand, dass ich lehren wollte, ohne zu wissen was.

Nachdem ich mich ein Jahr lang der Schultätigkeit gewidmet hatte, ging ich zum zweiten Male ins Ausland; dort gedachte ich zu erfahren, wie man es anstellt, andere zu belehren, wenn man selbst nichts weiß.

Und ich glaubte, das im Ausland gelernt zu haben und kam, ausgerüstet mit dieser Allweisheit, im Jahr der Aufhebung der Leibeigenschaft nach Russland zurück; ich bekam die Stelle eines Friedensrichters und fing an zu lehren: das ungebildete Volk in Schulen und die Gebildeten in der Zeitschrift, die ich nun herausgab. Es schien sich alles gut anzulassen; aber ich hatte das Gefühl, dass ich geistig nicht ganz gesund war und dass es nicht lange so fortgehen könne. Und ich wäre vielleicht damals in jene Verzweiflung geraten, in die ich fünfzehn Jahre später geriet, wenn mir nicht noch eine Seite des Lebens geblieben wäre, die ich noch nicht erforscht hatte und die mir Rettung verhieß: das Familienleben. Ein Jahr lang widmete ich mich dem Amt des Friedensrichters, den Schulen und der Zeitschrift; und der Gedanke, dass ich keinen Ausweg fand, peinigte mich so sehr, der Kampf in der Friedensvermittlung wurde mir so schwer, meine Tätigkeit in den Schulen schien mir so verworren, mein ständiges Lavieren in der Zeitschrift, aus dem Wunsch heraus, alle zu belehren und dabei zu verschleiern, dass ich nicht wusste, was ich zu lehren hätte, wurde mir so widerwärtig – dass ich erkrankte, und zwar mehr geistig als körperlich, und dass ich alles aufgab und in die Steppe zu den Baschkiren ging, um in freier Luft zu atmen, Stutenmilch zu trinken und ein ganz natürliches Leben zu führen.

Als ich von dort heimkehrte, heiratete ich. Die neuen Verhältnisse eines glücklichen Familienlebens zogen mich vollständig von jedem Forschen nach einem allgemeinen Sinn des Lebens ab. Mein ganzes Leben fand in dieser Zeit seinen Mittelpunkt in der Familie, der Frau, den Kindern und um ihretwillen, in der Sorge um einen besseren Lebensunterhalt. An die Stelle des Strebens nach Vervollkommnung – an dessen Stelle schon früher unmerklich ein Streben nach Vervollkommnung im allgemeinen, nach dem Fortschritt getreten war – trat jetzt geradezu ein Streben nach möglichst großem Wohlbefinden meiner Person und meiner Familie.

So vergingen weitere fünfzehn Jahre.

Obgleich ich die schriftstellerische Tätigkeit während dieser fünfzehn Jahre für etwas Unnützes ansah, hörte ich doch nicht auf, schriftstellerisch tätig zu sein. Ich hatte eben die Verlockung der schriftstellerischen Tätigkeit, die Verlockungen außerordentlich hoher Honorare und großen Beifalls für meine geringfügige Leistung gekostet und ergab mich ihr als einem Mittel zur Verbesserung meiner äußeren Lage und zur Betäubung aller Fragen nach dem Sinn meines Lebens und des Lebens im allgemeinen, die in meiner Seele auftauchten.

Nun lehrte ich in meinen Schriften, was für mich die einzige Wahrheit war: dass man nämlich so leben müsse, dass man es selber mit seiner Familie so gut als möglich habe. So lebte ich dahin. Aber vor fünf Jahren ging mit mir etwas höchst Seltsames vor: Es überkamen mich Augenblicke des Zweifels, förmlichen Stillstands des Lebens; mir war, als wüsste ich nicht, wie ich leben sollte, was ich tun sollte – ich verlor das Gleichgewicht und verfiel in Schwermut.* Aber das ging vorüber, und ich lebte wieder wie vorher. Dann wiederholten sich diese Augenblicke des Zweifels immer häufiger und häufiger und stets in der gleichen Weise. Diese Augenblicke des Stillstands meines Lebens drückten sich in denselben Fragen aus: Wozu? Und was dann?

Anfangs glaubte ich, dies seien zwecklose, törichte Fragen. Ich glaubte, all das sei bekannt; und wollte ich mich erst einmal mit ihrer Lösung beschäftigen, so würde mir das keine Mühe machen – jetzt aber hätte ich keine Zeit, mich damit zu beschäftigen; wenn ich aber einmal Lust dazu hätte, fände ich auch die Antworten. Aber immer häufiger, immer häufiger tauchten die Fragen von neuem auf, forderten immer dringlicher eine Antwort.

Und ich gab mir Mühe, die Antwort zu finden. Die Fragen schienen so töricht, so einfältig, so kindisch zu sein. Aber kaum war ich ihnen nähergetreten und hatte versucht, sie zu lösen, als ich mich auch gleich davon überzeugte, dass es erstens nicht kindische und törichte, sondern die wichtigsten und tiefsten Fragen im Leben seien, und zweitens, dass ich sie durchaus und durchaus nicht lösen könne, so viel ich auch darüber nachdachte.

KAPITEL 4

Mein Leben stand still. Ich konnte atmen, essen, trinken, schlafen, und war nicht imstande, nicht zu atmen, nicht zu essen, nicht zu trinken, nicht zu schlafen; aber Leben war das nicht, denn es fehlten die Wünsche, deren Befriedigung ich für vernünftig gehalten hätte.

Ich lebte gleichsam so dahin, ging und ging meinen Weg, war an einen Abgrund gekommen und sah deutlich, dass nichts vor mir lag als Verderben. Ein Stillstehen war unmöglich, ein Zurück war unmöglich. Es war auch unmöglich, die Augen zu schließen, um nicht zu sehen, dass nichts als Leiden und der leibhaftige Tod vor mir lag die völlige Vernichtung. Und so kam es, dass ich – ein gesunder, glücklicher Mensch – die Empfindung hatte, ich könne nicht mehr leben; eine unüberwindliche Macht trieb mich, auf irgendeine Art mich vom Leben zu befreien.

Ich kann nicht sagen, dass ich mich habe töten wollen. Die Macht, die mich trieb, das Leben zu lassen, war stärker, wuchtiger, umfassender als das Wollen. Es war eine Kraft, dem früheren Trieb zum Leben ähnlich, nur in umgekehrter Richtung. Ich strebte mit allen Kräften fort vom Leben. Der Gedanke an Selbstmord kam mir ebenso natürlich, wie mir früher die Gedanken an die Verbesserung meines Lebens gekommen waren. Dieser Gedanke war so verlockend, dass ich allerlei Kunstgriffe gegen mich selbst anwenden musste, um ihn nicht voreilig zur Ausführung zu bringen. Ich wollte nur deshalb nicht eilen, weil ich nichts unversucht lassen wollte, um Klarheit in diese Wirrnis zu bringen. Würde mir das nicht gelingen, konnte ich es ja immer noch tun. Ja, ich, ein glücklicher Mensch, verbarg damals jede Schnur, damit ich mich nicht an der Querleiste zwischen den Schränken in meinem eigenen Zimmer erhängte, in dem ich jeden Abend mich auskleidete, damit ich mich durch die allzu leichte Art nicht verführen ließ, mich vom Leben zu befreien. Ich wusste selbst nicht, was ich wollte: Ich fürchtete das Leben, strebte von ihm fort und erhoffte bei alledem immer noch etwas von ihm. Und das geschah mir zu einer Zeit, in der mir von allen Seiten das geworden war, was man ein vollkommenes Glück nennt: es war damals, als ich noch nicht fünfzig Jahre alt war. Ich hatte eine gute Frau, die mich liebte und die ich liebte, liebe Kinder, eine großes Besitztum, das ohne Mühe meinerseits wuchs und sich vergrößerte. Ich war geachtet von nahen Freunden und Bekannten, mehr als je zuvor, wurde von Fremden mit Lob überschüttet und konnte ohne besondere Selbsttäuschung sagen, mein Name sei berühmt. Zudem war ich nicht nur nicht gestört oder geistig krank – im Gegenteil, ich erfreute mich einer geistigen und körperlichen Kraft, wie ich sie selten bei meinen Altersgenossen gefunden habe: Körperlich konnte ich beim Mähen mit den Bauern um die Wette arbeiten; geistig konnte ich 8-10 Stunden ununterbrochen tätig sein, ohne die geringsten Folgen solcher Anstrengung zu spüren. Und in solcher Lage kam ich soweit, dass ich nicht leben konnte und bei aller Todesfurcht allerlei Kunstgriffe gegen mich selbst anwenden musste, um mir nicht das Leben zu nehmen.

Ich konnte nicht einer einzigen Handlung in meinem ganzen Leben irgendeinen vernünftigen Sinn beimessen. Ich war nur darüber erstaunt, dass ich das nicht von Anfang an hatte begreifen können. All dies ist uns allen schon lange bekannt.

Wenn ich einfach begriffen hätte, dass das Leben keinen Sinn habe, so hätte ich das ruhig wissen können, ich hätte wissen können, dass dies mein Schicksal sei. Ich konnte mich aber dabei nicht beruhigen. Wäre ich gewesen wie ein Mensch, der in einem Wald lebt, aus dem es, wie er weiß, keinen Ausweg gibt, so hätte ich leben können; ich war aber wie ein Mensch, der sich im Wald verirrt hat und den ein Entsetzen überfallen hat, weil er sich verirrt hat, und der nun alle Anstrengungen macht, um wieder auf den richtigen Weg zu gelangen – er weiß, dass jeder Schritt ihn tiefer in die Wirrnis hineinführt, aber er kann es nicht lassen, seine Anstrengungen fortzusetzen.

Das war das Entsetzliche. Um mich von diesem Entsetzen zu befreien, wollte ich mich töten. Ich empfand Entsetzen vor dem, was mich erwartete; ich wusste, dass dieses Entsetzen entsetzlicher war als die Lage selber, aber ich war nicht imstande, das Ende geduldig abzuwarten. So überzeugend auch der Gedanke war, dass, ob nun ein Gefäß im Herzen zerreißt oder sonst etwas zerspringt, alles einmal endet – ich konnte nicht geduldig das Ende abwarten. Das Entsetzen vor der Finsternis war zu groß, und ich wollte mich, je eher desto besser, durch eine Schlinge oder eine Kugel von ihm befreien. Dieses Gefühl trieb mich übermächtig zum Selbstmord. »Vielleicht aber habe ich etwas übersehen, etwas nicht verstanden?« sagte ich mir ein ums andere Mal. »Es ist doch unmöglich, dass dieser Zustand der Verzweiflung den Menschen eigentümlich sein soll.« Und ich suchte eine Aufklärung über meine Fragen in dem gesamten Wissen, das die Menschen errungen haben. Und ich suchte qualvoll und lange und nicht aus leerer Neugier, ich suchte nicht lässig, ich suchte qualvoll, hartnäckig, Tag und Nacht – ich suchte, wie ein untergehender Mensch nach Rettung sucht – und ich fand nichts.

KAPITEL 5

Ich suchte in allen Wissenschaften. Nicht nur, dass ich nichts fand, ich kam sogar zu der Überzeugung, dass alle diejenigen, die, so wie ich, im Wissen gesucht halten, ebenso nichts gefunden haben. Und nicht bloß, dass sie nichts gefunden haben, sie haben sogar anerkannt, dass eben das, was mich zur Verzweiflung geführt hatte – die Sinnlosigkeit des Lebens – die einzige, dem Menschen erreichbare sichere Erkenntnis sei.
Ich suchte überall; und dank meiner lebenslangen Erfahrung im Lernen wie auch dem Umstand, dass ich durch meine Beziehungen zur Gelehrtenwelt in den verschiedensten Wissensgebieten die Gelehrten selbst befragen konnte und sie auch bereit waren, mir all ihr Wissen nicht nur durch ihre Bücher, sondern auch im Gespräch zu erschließen, lernte ich all das kennen, was die Wissenschaft auf die Frage des Lebens zu antworten weiß.

Meine Frage – die Frage, die mich im fünfzigsten Lebensjahr auf Selbstmordgedanken brachte, war die allereinfachste Frage, die in der Seele eines jeden Menschen ruht, vom dümmsten Kind bis zum weisesten Greis, die Frage, ohne die das Leben unmöglich ist, wie ich es tatsächlich an mir selbst erfuhr. Die Frage besteht in folgendem: »Was wird das Ergebnis sein von dem, was ich heute tue, was ich morgen tun werde – was wird das Ergebnis meines ganzen Lebens sein?«

Anders ausgedrückt lautet die Frage: »Wozu lebe ich? Wozu begehre ich? Wozu handle ich?« Noch anders kann man die Frage so ausdrücken: »Ist in meinem Leben ein Sinn, der nicht zunichte würde durch den unvermeidlichen, meiner harrenden Tod?«
Auf diese eine, lediglich verschieden ausgedrückte Frage suchte ich die Antwort im menschlichen Wissen und fand, dass alle menschlichen Wissenschaften in bezug auf diese Frage gewissermaßen in zwei einander entgegengesetzte Halbkugeln zerfallen, an deren entgegen gesetzten beiden Enden sich zwei Pole befinden: ein negativer und ein positiver; dass es aber weder an dem einen noch an dem anderen Pol Antworten auf die Fragen des Lebens gibt.

Die eine Gruppe von Wissenschaften scheint die Frage nicht anzuerkennen, antwortet aber dafür klar und bestimmt auf ihre eigenen, unabhängig davon gestellten Fragen: Das ist die Gruppe der Erfahrungswissenschaften; an ihrem äußersten Punkt steht die Mathematik. Die andere Gruppe der Wissenschaften erkennt die Frage an, beantwortet sie aber nicht: Das ist die Gruppe der spekulativen; an ihrem äußersten Punkt steht die Metaphysik. Von frühester Jugend an hauen mich die spekulativen Wissenschaften beschäftigt, später zogen mich die mathematischen und naturwissenschaftlichen Disziplinen an.

Allgemein lässt sich das Verhältnis der Erfahrungswissenschaften zu der Frage des Lebens so ausdrücken: »Wozu lebe ich?« – Antwort: »In dem unendlich großen Raum, in der unendlich langen Zeit verändern sich unendlich kleine Teilchen in unendlich mannigfaltigen Verbindungen, und hast du die Gesetze dieser Veränderungen begriffen, dann hast du begriffen, wozu du lebst auf Erden.«
Auf dem Gebiet der Spekulation sagte ich mir: »Die ganze Menschheit lebt und entwickelt sich auf Grund geistiger Prinzipien, Ideale, die sie leiten. Diese Ideale haben ihren Ausdruck in Religionen, in Wissenschaften, in Künsten, in Staatsformen. Diese Ideale werden höher und höher, die Menschheit steigt zum höchsten Glück empor. Ich bin ein Teil der Menschheit, darum besteht meine Aufgabe darin, an der Erkenntnis und Verwirklichung der Ideale der Menschheit mitzuwirken.«

Die Aufgabe der Erfahrungswissenschaften ist die ursächliche Aufeinanderfolge der materiellen Erscheinungen. Man braucht nur in die Erfahrungswissenschaften die Frage der letztlichen Ursache einzuführen, und es entsteht Unsinn. Die Aufgabe der spekulativen Wissenschaft ist die Erkenntnis des ursachlosen Wesens des Lebens. Man braucht nur die Erforschung ursächlicher Erscheinungen einzuführen, wie soziale, historische Erscheinungen, und es entsteht Unsinn. Die Erfahrungswissenschaft gibt nur dann positive Erkenntnis und offenbart nur dann die Größe des menschlichen Geistes, wenn sie in ihre Forschungen eine letztliche Ursache nicht einführt, und umgekehrt, die spekulative Wissenschaft ist nur dann eine Wissenschaft und offenbart nur dann die Größe des menschlichen Geistes, wenn sie die Fragen von der Aufeinanderfolge der ursächlichen Erscheinungen völlig außer Betracht lässt und den Menschen nur im Verhältnis zur letztlichen Ursache betrachtet.
Ich mag demnach diese spekulativen Antworten der Philosophie drehen und wenden wie ich will, ich erhalte nichts, was einer Antwort ähnlich sähe – und nicht etwa deshalb, weil die Antwort, wie in dem klaren Gebiet der Erfahrungswissenschaften, sich nicht auf meine Frage bezieht, sondern weil es hier, obwohl die ganze geistige Arbeit sich gerade auf meine Frage richtet, eine Antwort nicht gibt, und weil man statt der Antwort die Frage zurückerhält, nur in noch komplizierterer Form.

KAPITEL 6

So hat denn mein Umherirren in den Wissenschaften mich nicht nur aus meiner Verzweiflung nicht herausgeführt, es hat sie nur noch verstärkt. Die eine Wissenschaft hat auf die Frage des Lebens nicht geantwortet, die andere Wissenschaft hat direkt geantwortet, hat meine Verzweiflung bestätigt und mir gezeigt, dass das Ergebnis, zu dem ich gekommen bin, nicht die Frucht meiner Verirrung, eines krankhaften geistigen Zustandes sei – sie hat vielmehr bestätigt, dass ich richtig gedacht habe und zu den gleichen Schlüssen gekommen bin wie die mächtigsten Geister der Menschheit.
Es gibt keine Täuschung. Alles ist eitel. Glücklich, wer nicht geboren ist. Der Tod ist besser als das Leben; man muss sich von diesem befreien.

KAPITEL 7

In der Wissenschaft hatte ich die Lösung nicht gefunden; ich begann nun diese Lösung im Leben zu suchen, in der Hoffnung, sie bei den Menschen zu finden, die mich umgaben. Und so fing ich an, die Menschen zu beobachten – Menschen meiner Art – wie sie rings um mich leben und wie sie sich zu der Frage verhalten, die mich in Verzweiflung gestürzt hatte.

Und was fand ich bei den Menschen, die in Bildung und Lebensweise mir gleichen? Ich fand, dass die Menschen meines Kreises vier Auswege, aus der entsetzlichen Lage haben, in der wir uns alle befinden.

Der erste Ausweg ist der Ausweg der Unwissenheit. Er besteht darin, nicht zu wissen, nicht zu begreifen, dass das Leben ein Übel und eine Sinnlosigkeit ist. Die Menschen dieser Gruppe -meist Frauen, sehr junge oder sehr stumpfe Menschen – haben die Frage des Lebens, die sich Schopenhauer, Salomo, Buddha aufgedrängt hat, noch nicht begriffen. Von diesen Menschen kann ich nichts lernen; man kann nicht aufhören zu wissen, was man weiß.

Der zweite Ausweg ist der Ausweg des Epikureertums. Salomo drückt diesen Ausweg so aus: »Darum lobte ich die Freude, dass der Mensch nichts Besseres hat unter der Sonne, denn essen und trinken und fröhlich sein, und solches werde ihm von der Arbeit sein Leben lang, das Gott ihm gibt unter der Sonne. So gehe hin und iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut … Brauche das Leben mit deinem Weib, das du liebhast, solange du das eitle Leben hast, das dir Gott unter der Sonne gegeben hat, solange dein eitel Leben wähn, denn das ist dein Teil im Leben und in deiner Arbeit, die du tust unter der Sonne. Alles, was dir vor Händen kommt zu tun, das tue frisch; denn bei den Toten, dahin du fährst, ist weder Werk, Kunst, Vernunft noch Weisheit.«

So erhalten sich die meisten Menschen unserer Kreise die Möglichkeit des Lebens. Die Verhältnisse, in denen sie sich befinden, bewirken, dass sie mehr Güter als Übel haben, und ihre moralische Stumpfheit gibt ihnen die Möglichkeit zu vergessen, dass die Gunst ihrer Lage eine zufällige ist, dass nicht alle Menschen tausend Weiber und Schlösser haben können wie Salomo, dass auf jeden Menschen mit tausend Weibern tausend Menschen ohne Weib kommen, und auf jedes Schloss tausend Menschen, die es im Schweiß ihres Angesichts erbaut haben, und dass der Zufall, der mich heute zu einem Salomo gemacht hat, mich morgen zu Salomos Sklaven machen kann. Die Lahmheit ihrer Einbildungskraft aber gibt diesen Menschen die Möglichkeit, das zu vergessen, was Buddha die Ruhe genommen hat – die Unvermeidlichkeit der Krankheit, des Alters und des Todes, die heute oder morgen alle diese Genüsse zerstören kann. So denkt und fühlt die Mehrzahl der Menschen unserer Zeit und unserer Lebensweise. Auch diesen Menschen konnte ich es nicht nachtun: Da ich nicht die Stumpfheit ihrer Phantasie besaß, konnte ich sie nicht künstlich in mir hervorrufen.

Der dritte Ausweg ist der Ausweg der Kraft, und Energie. Er besteht darin, dass man das Leben vernichtet, wenn man begriffen hat, dass es ein Übel und eine Sinnlosigkeit ist. So handeln die seltenen starken und konsequenten Menschen. Wenn sie die ganze Dummheit des Scherzes begriffen haben, der mit ihnen getrieben wird, wenn sie begriffen haben, dass die Güter der Gestorbenen wertvoller sind als die Güter der Lebenden, und dass es das Beste ist, nicht zu sein, so handeln sie danach und machen mit einem Mal diesem dummen Scherz ein Ende. Der Mittel dazu gibt es viele: Eine Schlinge um den Hals, das Wasser, ein Messer, das man ins Herz stößt. Eisenbahnzüge. Und die Zahl der Menschen unserer Kreise, die so handeln, wird immer größer und größer. Und die Menschen handeln so größtenteils in der Blütezeit ihres Lebens, wenn die Seelenkräfte in vollster Entwicklung stehen und sie sich noch nicht zu viel von den menschlichen Gewohnheiten angeeignet haben, die den Verstand zerstören. Ich hatte erkannt, dass dies der würdigste Ausweg sei und wollte so handeln.

Der vierte Ausweg ist der Ausweg der Schwäche. Er besteht darin, dass man obgleich man das Übel und die Sinnlosigkeit des Lebens begriffen hat, nicht aufhört, es fortzusetzen, mit dem Bewusstsein, dass nichts dabei herauskommen kann. Die Menschen dieser Kategorie wissen, dass der Tod besser ist als das Leben; weil sie aber nicht die Kraft haben, vernünftig zu handeln, sobald als möglich der Täuschung ein Ende zu machen und sich zu töten, tun sie, als erwarteten sie noch etwas. Das ist der Ausweg der Schwäche; denn wenn ich das Bessere kenne, wenn es in meiner Macht steht, warum gebe ich mich nicht diesem Besseren hin? … Ich befand mich in dieser Gruppe.

So retten sich die Menschen meiner Kategorie auf vielerlei Weise vor dem entsetzlichen Widerspruch. So sehr ich meinen Geist anstrengte – einen fünften Ausweg neben diesen vieren sah ich nicht.

Jetzt sehe ich: Wenn ich mich damals nicht tötete, so hatte das seinen Grund in einer dunklen Ahnung von der Unrichtigkeit meiner Gedanken. So überzeugend und unwiderlegbar mir der Gang meiner Gedanken und der Gedanken der Weisen erschien, die uns zur Anerkennung der Sinnlosigkeit des Lebens geführt haben, so war doch in mir ein leiser Zweifel an der Richtigkeit meiner Anschauung zurückgeblieben.

Er bestand in Folgendem: Ich, meine Vernunft, hatte anerkannt, dass das Leben unvernünftig sei. Wenn es eine höhere Vernunft nicht gibt (und es gibt keine und sie kann durch nichts bewiesen werden), so ist die Vernunft für mich der Schöpfer des Lebens. Gäbe es keine Vernunft, so gäbe es für mich auch kein Leben. Wie aber kann diese Vernunft das Leben verleugnen, wenn sie doch selbst der Schöpfer des Lebens ist? Oder umgekehrt: Wenn kein Leben wäre, wäre auch meine Vernunft nicht; mithin ist die Vernunft das Geschöpf des Lebens. Das Leben ist alles. Die Vernunft ist die Frucht des Lebens, und diese Vernunft leugnet dieses Leben. Ich fühlte, hier müsse etwas nicht richtig sein.

Das Leben ist ein sinnloses Übel; das ist unzweifelhaft, sagte ich mir. Aber ich habe gelebt, ich lebe noch, und die ganze Menschheit hat gelebt und lebt noch. Wie ist das möglich? Warum lebt sie, wenn es doch in ihrer Macht liegt, nicht zu leben? Ist’s möglich, sind nur ich und Schopenhauer so gescheit, die Sinnlosigkeit und das Übel des Lebens begriffen zu haben?

Da fiel mir ein: Wie aber, wenn ich etwas noch nicht wüsste?

In Wirklichkeit haben seit grauester Vorzeit, seitdem es Leben gibt, von dem ich irgend etwas weiß, Menschen gelebt, die diese Betrachtungen über die Eitelkeit des Lebens kannten, die mir seine Sinnlosigkeit bewiesen haben, und sie haben dennoch gelebt und dem Leben einen Sinn beigemessen. Von der Zeit an, da ein Leben der Menschen begonnen hat, besaßen sie diesen Lebenssinn: und sie haben dieses Leben gelebt, das bis zu mir herab führt. Alles was in mir und rund um mich her ist, alles Körperliche und Nichtkörperliche, all dies ist die Frucht ihrer Erkenntnis des Lebens. Die Werkzeuge meines Geistes selbst, mit denen ich dieses Leben beurteile und verurteile, all dies ist nicht von mir, sondern von ihnen hervorgebracht. Ich selbst bin geboren, erzogen, erwachsen – dank ihnen. Sie haben das Eisen verarbeitet: sie haben den Wald auszuroden gelehrt; sie haben Kühe und Pferde gezähmt: sie haben säen gelehrt; sie haben zusammenzuleben gelehrt: sie haben unser Leben in feste Formen gebracht; sie haben mich denken, sprechen gelehrt. Und ich, ihr Erzeugnis, von ihnen genährt und getränkt, von ihnen belehrt und mit ihren Gedanken und Worten denkend – beweise ihnen, dass sie eine Sinnlosigkeit sind! Hier ist irgendetwas nicht wie es sein soll, sagte ich mir. Irgendwo habe ich einen Irrtum begangen. Worin dieser Irrtum bestand, das vermochte ich nicht zu finden.

KAPITEL 8

Wenn ich den engen Kreis der mir nahestehenden Menschen überschaute, hatte ich viele gesehen, die die Frage nicht verstanden: viele, die die Frage verstanden hatten und sie durch den Rausch des Lebens zum Schweigen brachten; wieder andere, die sie verstanden hatten und ihrem Leben ein Ende machten; und schließlich solche, die sie verstanden hatten und in ihrer Schwäche ihr verzweiflungsvolles Leben fortlebten. Andere hatte ich nicht gesehen. Ich hatte in dem Irrtum gelebt, dieser enge Kreis gelehrter, reicher und müßiger Menschen, zu dem ich gehörte, bilde die ganze Menschheit, Und jene Milliarden, die einst gelebt haben und die noch leben, seien gewissermaßen  Vieh, nicht Menschen.

Lange habe ich in diesem Wahn gelebt, der uns, den liberalsten und gelehrtesten Menschen, wenn auch nicht in Worten, so doch in der Tat eigen ist. Aber verdanke ich es meiner geradezu sonderbaren physischen Liebe zu dem echten arbeitenden Volk, die mich lehrte, es zu verstehen und einzusehen, dass es nicht so dumm ist, wie wir meinen oder der Aufrichtigkeit meiner Überzeugung, dass ich nichts wissen könne als das eine, dass das beste, was ich tun kann, ist: mich zu erhängen – ich fühlte in meinem ganzen Wesen, wenn ich leben will und den Sinn des Lebens begreifen, müsste ich diesen Sinn des Lebens nicht bei denen suchen, die den Sinn des Lebens verloren haben und sich töten wollen, sondern bei den Milliarden, die einst gelebt haben und die heute leben, und die ihr und unser Leben schaffen und auf ihren Schultern tragen.

Und ich beobachtete die ungeheuren Massen der verstorbenen und der lebenden einfachen, nicht gelehrten und nicht reichen Leute und fand etwas völlig anderes. Ich fand, dass alle diese Milliarden verstorbener und lebender Menschen, alle, mit geringen Ausnahmen, in meine Einteilung nicht passen. Als solche, die die Frage nicht verstehen, konnte ich sie nicht ansehen, da sie selbst sie stellen und mit außerordentlicher Klarheit beantworten. Als Epikureer konnte ich sie auch nicht ansehen, da ihr Leben mehr aus Entbehrungen und Leiden als aus Genüssen besteht. Noch weniger konnte ich sie als solche ansehen, die unvernünftig ein sinnloses Leben weiterleben, da jede Handlung ihres Lebens und selbst der Tod eine Erklärung haben. Sich zu töten aber halten sie für das größte Übel. Daraus ging hervor, dass die ganze Menschheit eine Erkenntnis des Lebenssinns besitzt, die ich bisher nicht anerkannt und geringgeschätzt habe. Das Ergebnis? Die Erkenntnis durch die Vernunft gibt keinen Sinn des Lebens, schließt das Leben aus: der Sinn aber, der dem Leben von Milliarden Menschen, von der ganzen Menschheit gegeben wird, gründet sich auf eine wertlose Scheinerkenntnis.

Die Erkenntnis durch die Vernunft, wie sie die Gelehrten und Weisen vertreten, leugnet den Sinn des Lebens. Die ungeheuren Massen der Menschen aber, die gesamte Menschheit erkennt diesen Sinn an in einer nicht auf Vernunft gegründeten Erkenntnis. Und diese nicht auf Vernunft gegründete Erkenntnis ist der Glaube, eben der Glaube, den ich durchaus ablehnen musste. Es ist der Glaube an den einigen und dreieinigen Gott, an die Erschaffung der Welt in sechs Tagen, an Teufel und Engel und all das, was ich nicht anerkennen kann, solange ich nicht meinen Verstand verloren habe.

Meine Lage war entsetzlich. Ich wusste, dass ich auf dem Weg der vernünftigen Erkenntnis nichts anderes finden würde als die Verleugnung des Lebens und im Glauben andererseits nichts als die Verleugnung der Vernunft, die noch weniger möglich ist als die Verleugnung des Lebens. Aus der vernünftigen Erkenntnis folgte: Das Leben ist ein Übel, und die Menschen wissen das. Von den Menschen hängt es ab, nicht zu leben, und doch haben sie gelebt und leben. Ich selbst lebte, obwohl ich schon lange wusste, dass das Leben etwas Sinnloses, dass es ein Übel ist. Aus dem Glauben folgte: Um den Sinn des Lebens zu begreifen, müsste ich mich von der Vernunft lossagen, von eben der, die ohne diesen Sinn nicht sein kann.

KAPITEL 9

So entstand ein Widerspruch, aus dem es zwei Auswege gab: Entweder war das, was ich vernünftig nannte, nicht so vernünftig wie ich meinte, oder das, was mir unvernünftig schien, war nicht so unvernünftig wie ich meinte. Und so begann ich den Gang der Betrachtungen meiner vernünftigen Erkenntnis nachzuprüfen.

Da ich nun den Gang der Betrachtungen der vernünftigen Erkenntnis überprüfte, fand ich ihn vollkommen richtig. Der Schluss, dass das Leben ein Nichts sei, war unvermeidlich, aber ich fand den Fehler. Der Fehler bestand darin, dass ich in einer Richtung gedacht hatte, die der von mir gestellten Frage nicht entsprach, die Frage war: Wozu soll ich leben? Das heißt: Was kommt aus meinem schattenhaften, vergänglichen Leben heraus an Wirklichem. Unvergänglichem – welchen Sinn hat mein endliches Dasein in dieser unendlichen Welt? Und um diese Frage zu beantworten, suchte ich das Leben zu erforschen.

Ich hatte nur anfänglich geglaubt, die Wissenschaft hätte eine positive Antwort gegeben – die Antwort Schopenhauers: Das Leben hat keinen Sinn, ist ein Übel. Als ich aber der Sache nähertrat, sah ich ein, dass die Antwort keine positive war, dass nur meine Empfindung sie so ausgedrückt hatte. Gibt man dieser Antwort aber einen schärferen Ausdruck, wie dies bei den Brahmanen, bei Salomo und bei Schopenhauer geschehen ist, so ist es nur eine unbestimmte Antwort oder die Identität: 0 = 0. das Leben ist Nichts. Demnach negiert die philosophische Erkenntnis nichts, sie antwortet nur, sie könne die Frage nicht lösen – die Lösung bleibt für sie eine unbestimmte.

Da ich das begriffen hatte, begriff ich auch, dass man in der vernünftigen Erkenntnis die Antwort auf meine Frage nicht suchen dürfe, und dass die Antwort, die von der vernünftigen Erkenntnis gegeben wird, nur darauf hinweist, dass man eine Antwort nur erhalten kann, wenn man die Frage anders stellt; nur dann, wenn man in die Betrachtung die Frage der Beziehung des Endlichen zum Unendlichen einführt.

Ich begriff auch, dass die Antworten, die der Glaube gibt, so unvernünftig und ungeheuerlich sie sein mögen, den Vorzug haben, dass sie in jede Antwort das Verhältnis des Endlichen zum Unendlichen einführen, ohne das es eine Antwort nicht geben kann. Wie ich auch die Frage: Wie soll ich leben? stellen mag, die Antwort lautet: Nach dem Gesetz Gottes. – »Was wird aus meinem gegenwärtigen Leben herauskommen?« – »Ewige Qual oder ewige Seligkeit.« – »Welches ist sein Sinn, den der Tod nicht vernichtet?« – »Die Vereinigung mit dem unendlichen Gott, das Paradies.«
So wurde ich zwingend dahin gebracht, anzuerkennen, dass neben der vernünftigen Erkenntnis, die mir bis dahin als die einzige galt, die ganze lebende Menschheit noch eine andere vernunftlose Erkenntnis hat – den Glauben, der die Möglichkeit gibt, zu leben.

Der Glaube ist die Kraft des Lebens. Wenn der Mensch lebt, so glaubt er auch an irgendetwas. Würde er nicht glauben, dass etwas ihm zu leben gebietet, so würde er nicht leben. Wenn er die Schattenhaftigkeit des Endlichen nicht sieht und nicht begreift, so glaubt er an dieses Endliche; wenn er die Schattenhaftigkeit des Endlichen begreift, muss er an das Unendliche glauben. Ohne Glauben kann man nicht leben. Und ich rief mir den ganzen Gang meiner inneren Arbeit ins Gedächtnis zurück, und ein Schauder erfasste mich. Jetzt war es mir klar: Damit der Mensch leben könne, muss er entweder das Unendliche nicht sehen, oder eine solche Erklärung des Sinnes des Lebens besitzen, bei der das Endliche dem Unendlichen gleichgesetzt wird. Eine solche Erklärung hatte ich, aber ich brauchte sie nicht, solange ich an das Endliche glaubte: und ich begann sie mit der Vernunft nachzuprüfen. Und vor dem Licht der Vernunft zerflatterte die ganze bisherige Erklärung zu Staub. Aber es kam eine Zeit, wo ich aufhörte, an das Endliche zu glauben. Und da begann ich auf vernünftigen Grundlagen aus dem, was ich wusste, eine Erklärung aufzubauen, die mir den Sinn des Lebens geben sollte: aber der Bau wollte nicht werden. In Gemeinschaft mit den vorzüglichsten Geistern der Menschheit kam ich zu dem Ergebnis 0 = 0, und war sehr verwundert, eine solche Lösung erhalten zu haben, während doch nichts anderes herauskommen konnte.
Ich begriff erstens, dass meine, Schopenhauers und Salomos Situation trotz unserer Weisheit dumm war: Wir begreifen, dass das Leben ein Übel ist und leben dennoch. Das ist offenbar dumm, denn das Leben ist dumm – und ich habe das Vernünftige so gern – so müssen wir das Leben vernichten, dann wird niemand da sein, es zu leugnen. Zweitens begriff ich, dass sich alle unsere Betrachtungen in einem verzauberten Kreis bewegen, wie ein Rad, das sich aus dem Getriebe gelöst hat. Soviel wir auch denken, so gut wir auch denken, wir können keine Antwort bekommen auf die Frage, und stets wird 0 = 0 sein. Darum ist der Weg, den wir gehen, wahrscheinlich ein falscher. Drittens fing ich an zu begreifen, dass in den Antworten, die der Glaube gibt, die tiefste Weisheit der Menschen verborgen liegt, und dass ich kein Recht hatte, sie auf Grund der Vernunft zu leugnen, und dass diese Antworten einzig und allein auf die Frage des Lebens antworten.

KAPITEL 10

Das hatte ich nun begriffen, aber es gewährte mir keine Erleichterung.

Ich war bereit, jetzt jeden Glauben anzunehmen, wenn er von mir nur nicht die ausdrückliche Verleugnung der Vernunft verlangte, die eine Lüge gewesen wäre. Und ich ging an die Erforschung des Buddhismus und der mohammedanischen Lehre nach ihren Büchern, vor allem aber ergab ich mich dem Studium des Christentums nach seinen Schriften und seinen Anhängern, die in meiner Umgebung lebten.

Ich wandte mich natürlich* vor allem an die gläubigen Menschen meiner Kreise, an Gelehrte, orthodoxe Theologen. An orthodoxe Theologen neuerer Richtung, ja sogar an die so genannten Neuchristen, welche die Seligkeit durch den Glauben an die Erlösung predigen, und ich heftete mich an diese Gläubigen und fragte sie aus, worin ihr Glaube bestehe, und worin sie den Sinn des Lebens sähen.

Obgleich ich alle möglichen Zugeständnisse machte und jeden Meinungsstreit vermied, konnte ich den Glauben dieser Leute nicht annehmen – ich sah, was sie für Glauben ausgaben, war nicht eine Erklärung, sondern eine Verdunklung des Lebenssinns, und sie selbst hielten an ihrem Glauben fest, nicht um die Frage des Lebens zu beantworten, die mich zum Glauben geführt hatte, sondern um anderer mir fremder Zwecke willen.
Je öfter, je ausführlicher sie mir ihre Glaubenslehren vortrugen, desto mehr erkannte ich ihre Verirrung und verlor ganz die Hoffnung, in ihrem Glauben eine Erklärung des Lebenssinns zu finden.

Ich fühlte deutlich, dass sie sich selbst täuschten, und dass sie, ganz wie ich, keinen anderen Sinn des Lebens hatten als den: zu leben, solange das Leben währt, und zu nehmen, was irgend die Hand erreichen kann. Ich erkannte das, denn hätten sie den Sinn gehabt, der die Furcht vor Entbehrungen, Leiden und Tod nimmt, so hätten sie diese nicht gefürchtet. Und sie lebten doch, die Gläubigen unserer Kreise, ganz wie ich im Überfluss, suchten ihn zu mehren oder zu erhalten, fürchteten sich vor Entbehrungen, Leiden und Tod und lebten ganz wie ich und wir alle, die Nichtgläubigen – indem sie ihre Lüste befriedigten, sie lebten gerade so schlecht, wenn nicht schlechter als die Ungläubigen.

Und so wurde mir klar: Der Glaube dieser Menschen ist nicht der Glaube, den ich gesucht habe. Ihr Glaube ist kein Glaube, sondern nur eine von den epikureischen Freuden des Lebens. Mir wurde klar: Dieser Glaube taugt vielleicht, wenn auch nicht zur Tröstung, so doch zu einer gewissen Zerstreuung für einen auf dem Totenbett Reue empfindenden Salomo; er taugt aber keineswegs für die ungeheure Mehrheit der Menschen, die berufen ist, nicht zu genießen, indem sie die Arbeit der anderen ausnützt, sondern das Leben zu schaffen, damit die gesamte Menschheit leben könne, damit sie ihr Leben fortsetze. Indem sie ihm einen Sinn geben, müssen sie, diese Milliarden, eine andere, eine echte Glaubenserkenntnis haben. Mich hatte ja doch nicht der Umstand, dass ich, Salomo und Schopenhauer uns nicht getötet hatten, von der Wirklichkeit des Glaubens überzeugt, sondern die Beobachtung, dass diese Milliarden gelebt haben und leben, und uns alle, mich und die Salomos auf ihren Lebenswellen empor tragen.

Und ich besann, mich den Gläubigen unter den armen, einfachen, ungelehrten Leuten zu nähern, den Pilgern, Mönchen, Sektierern, Bauern. Die Glaubenslehre dieser Leute aus dem Volk war dieselbe christliche wie die Glaubenslehre der vermeintlich Gläubigen aus unseren Kreisen. Den christlichen Wahrheiten war ebenfalls sehr viel Aberglaube beigemengt, aber der Unterschied bestand darin, dass den Gläubigen unserer Kreise der Aberglaube durchaus entbehrlich war, dass er nicht mit ihrem Leben zusammenhing, dass er nur eine Art epikureischer Lebensfreude war; der Aberglaube der Gläubigen aus dem arbeitenden Volke aber war in so hohem Grad mit ihrem Leben verknüpft, dass man sich ihr Leben ohne diesen Aberglauben nicht vorstellen konnte – er war eine notwendige Vorbedingung dieses Lebens. Das ganze Leben der Gläubigen unserer Kreise stand im Widerspruch zu ihrem Glauben: das ganze Leben der Gläubigen unter den Arbeitenden beseitigte den Sinn des Lebens, den die Glaubenserkenntnis gab. Und ich blickte immer tiefer und tiefer in das Leben und den Glauben dieser Menschen hinein, und je tieferen Einblick ich hatte, desto mehr kam ich zu der Überzeugung, dass sie einen echten Glauben hatten, dass ihr Glaube für sie unentbehrlich sei, dass er allein ihnen den Sinn des Lebens und die Möglichkeit zu leben gibt.

Und ich gewann diese Menschen lieb. Je tiefer ich in ihr Leben eindrang, in das der Lebenden und der Verstorbenen, von denen ich gelesen und gehört hatte, desto mehr gewann ich sie lieb, und desto leichter wurde es mir selber, zu leben. Zwei Jahre etwa lebte ich so. Dann vollzog sich in mir eine Wende, die sich lange angekündigt hatte und deren Keime stets in mir gelegen hatten. Das Leben unserer Kreise, der Reichen und Gebildeten, wurde mir nicht nur widerwärtig, sonder verlor für mich jeglichen Sinn. Alle unsere Handlungen, unsere Anschauungen, unsere Wissenschaft, unsere Künste – alles bekam für mich eine neue Bedeutung. Mir war klar geworden, dass all dies nichts als Spielerei sei, dass man einen Sinn darin nicht suchen könne. Das Leben des gesamten arbeitenden Volkes aber, der ganzen Menschheit, die das Leben schafft, stand klar vor mir in seiner wahren Bedeutung. Ich hatte erkannt, das ist das Leben selbst. Der Sinn, der diesem Leben beigelegt wird, ist die Wahrheit, und so nahm auch ich ihn an.

KAPITEL 11

Und als ich mir vergegenwärtigte, wie eben dieselben Glaubensanschauungen mich abgestoßen hatten und mir sinnlos erschienen waren, da sie Leute bekannten, deren Leben im Widerspruch mit diesen Glaubensanschauungen stand, und wie dieselben Glaubensanschauungen mich anzogen und mir vernünftig erschienen, da ich sah, wie die Menschen durch sie lebten – wurde mir klar, weshalb ich damals diese Glaubensanschauungen verworfen, warum ich sie sinnlos gefunden hatte, während ich sie jetzt annahm und sinnvoll fand.

Mir wurde klar, dass ich mich verirrt, und wie ich mich verirrt hatte. Ich hatte mich verirrt, nicht so sehr, weil ich nicht folgerichtig gedacht halte, als vielmehr, weil ich schlecht gelebt hatte.

Ich erkannte die Wahrheit, die ich später im Evangelium fand, dass die Menschen die Finsternis mehr liebten als das Licht, weil ihre Taten schlecht waren. Denn jeder, der schlechte Taten vollbringt, hasst das Licht und meidet es, damit seine Taten nicht enthüllt werden. Mir war klar geworden: Um den Sinn des Lebens zu begreifen, ist es vor allem nötig, dass das Leben nicht sinnlos und schlecht sei: dann ist uns schon die Vernunft verliehen, es zu begreifen. Mir wurde klar, warum ich so lange um eine so offenkundige Wahrheit herumgegangen war, und dass man, will man über das Leben der Menschheit denken und sprechen, über das Leben der Menschheit denken und sprechen muss, nicht über das Leben einiger Parasiten des Lebens.

Ich habe als Parasit gelebt, und wenn ich mich fragte, wozu ich lebe, bekam ich die Antwort: Zwecklos. Wenn der Sinn des menschlichen Lebens darin besteht, es zu erringen, wie hätte ich, der ich dreißig Jahre mich damit beschäftigt hatte, das Leben nicht zu erringen, sondern in mir und anderen zu vernichten, eine andere Antwort bekommen können als die: Mein Leben ist eine Sinnlosigkeit und ein Übel? … Und es war auch eine Sinnlosigkeit und ein Übel.

KAPITEL 12

Ich begriff, dass ich, wenn ich das Leben und seinen Sinn begreifen will, nicht das Leben eines Parasiten leben müsste, sondern das wahre Leben, und dass ich, nachdem ich den Sinn, den ihm die wahre Menschheit gibt, erkannt hatte, mit diesem Leben eins werden und es prüfen müsse.

Gerade in dieser Zeit geschah mir folgendes: Während dieses ganzen Jahres, in dem ich mich fast jede Minute fragte, ob ich nicht mit einem Strick oder einer Kugel ein Ende machen sollte – während dieser ganzen Zeit wurde gleichzeitig mit diesem Gang der Gedanken und Beobachtungen, von denen ich gesprochen habe, mein Herz von einem qualvollen Gefühl gepeinigt. Dieses Gefühl kann ich nicht anders nennen als ein Suchen nach Gott.

Ich sage, dieses Suchen nach Gott war nicht Denken, sondern Gefühl; denn dieses Suchen entsprang nicht dem Gang meiner Gedanken -es stand sogar in geradem Gegensatz zu ihm – es entsprang vielmehr dem Herzen. Es war ein Gefühl der Bangigkeit, der Verlassenheit, der Einsamkeit, inmitten eines fremden Weltalls und der Hoffnung auf eine unbestimmte Hilfe.

Obgleich ich vollkommen davon überzeugt war, dass es unmöglich sei, das Dasein Gottes zu beweisen, da Kant mir bewiesen und ich vollkommen begriffen hatte, dass man es nicht beweisen könne – dennoch suchte ich Gott, hoffte ihn zu finden und richtete nach alter Gewohnheit ein Gebet an den, den ich suchte und nicht fand.

Und je mehr ich betete, desto deutlicher wurde mir, dass er mich nicht hört, dass es niemanden gibt, an den man sich wenden könnte. Mein Herz war voll Verzweiflung darüber, dass es keinen Gott gibt und ich sprach: »Herr, erbarme dich meiner, errette mich, Herr, belehre mich, mein Gott!« Aber niemand erbarmte sich meiner, und ich fühlte, dass mein Leben stillstand.

Aber immer wieder, immer wieder kam ich von den verschiedensten Seiten zu der Erkenntnis, ich konnte doch nicht ohne jeglichen Grund, ohne Ursache und Sinn auf die Welt gekommen und nicht das aus dem Nest gefallene Vögelchen sein, als das ich mich selber fühlte. Und wenn ich auch, aus dem Nest gefallen, auf dem Rücken liege und im hohen Gras piepse – ich piepse doch, weil ich weiß, dass mich die Mutter unter dem Herzen getragen, ausgebrütet, gewärmt, genährt, geliebt hat. Wo ist sie, diese Mutter?

Und wenn ich herausgeworfen worden bin, wer hat mich herausgeworfen? Ich kann mir doch nicht verhehlen, dass mich jemand liebend geboren hat. Wer ist dieser Jemand? – Wieder Gott.

Er kennt und sieht mein Suchen, meine Verzweiflung, meinen Kampf. »Er ist«, sagte ich mir, und ich brauchte nur auf einen Augenblick dies anzuerkennen, und sogleich hob sich das Leben in mir, und ich empfand die Möglichkeit und die Freude des Daseins. Wieder aber ging ich von der Anerkennung des Daseins Gottes dazu über, nach dem Verhältnis zu ihm zu suchen. Und wieder stand vor mir der Gott, unser Schöpfer, in drei Gestalten, der Gott, der seinen Sohn, den Erlöser, herab gesandt hat. Und wieder zerfloss dieser von der Welt und von mir losgelöste Gott wie ein Eisstückchen, zerfloss vor meinen Augen, und wieder blieb ein Nichts. Und wieder versiegte die Quelle des Lebens, packte mich die Verzweiflung und das Gefühl, dass mir nichts anderes zu tun blieb als mich zu töten. Und was das Schlimmste war, ich fühlte, dass ich auch hierzu nicht imstande war.

Nicht zwei-, nicht dreimal, nein, zehn- und hundertmal wiederholten sich diese Zustände der Freude und der Belebung, der Verzweiflung und des Gefühls der Unmöglichkeit zu leben.

Ich erinnere mich, es war im Frühling, ich war allein im Wald und lauschte auf die Stimmen des Waldes. Ich lauschte und dachte immer an das eine, wie ich diese letzten drei Jahre immer nur an ein und dasselbe gedacht hatte. Ich suchte wieder Gott.
»Gut. es gibt keinen Gott«, sagte ich zu mir selber, »es gibt keinen, der nicht meine Vorstellung, sondern Wirklichkeit wäre, solche Wirklichkeit wie mein ganzes Leben – es gibt keinen solchen. Und nichts, kein Wunder kann einen solchen beweisen, denn Wunder sind meine Vorstellungen, und noch dazu unvernünftige.

»Aber mein Begriff von Gott, von dem, den ich suche?« fragte ich mich. »Dieser Begriff, wo kommt er her?« Und wieder erhoben sich bei diesem Gedanken in meiner Brust freudig die Wogen des Lebens. Alles um mich her bekam Leben, gewann Sinn. Aber meine Freude währte nicht lange. Die Vernunft setzte ihre Arbeit fort. »Die Vorstellung Gott ist nicht Gott«, sagte ich mir, »die Vorstellung ist etwas, was in mir vorgeht, die Vorstellung Gott ist etwas, was ich in mir wecken und was ich in mir nicht wecken kann. Das ist nicht das, was ich suche, Ich suche etwas, ohne das kein Leben sein kann.« Und wieder begann alles in mir und um mich her zu ersterben, und wieder ergriff mich der Wunsch, mich zu töten.
Da aber prüfte ich mich selbst, prüfte, was in mir vorging und rief mir all die Hunderte Fälle des Hinsterbens und Auflebens in meiner Brust ins Gedächtnis zurück, dass ich nur dann lebte, wenn ich an Gott glaubte. Wie früher war es auch jetzt: Ich brauchte nur Gott zu denken und ich lebte auf: ich brauchte ihn nur zu vergessen, nicht an ihn zu glauben, und das Leben schwand. Was ist nun dieser Zustand der Wiederkehr des Lebens und des Hinsterbens? Ich lebe ja nicht, wenn ich den Glauben an das Dasein Gottes verliere; ich hätte ja längst meinem Leben ein Ende gemacht, wenn ich nicht die dunkle Hoffnung hätte, ihn zu finden. Ich lebe doch, wirklich lebe ich doch nur dann, wenn ich ihn fühle und ihn suche. Warum also suche ich noch? rief eine Stimme in meinem Innern. Er ist also. Er ist das, ohne das man nicht leben kann. Um Gott wissen und leben ist ein und dasselbe. Gott ist das Leben.

Lebe, indem du Gott suchst, dann gibt es kein Leben ohne Gott. Und stärker denn je wurde alles licht in mir und um mich her, und dieses Licht verließ mich nicht mehr. So wurde ich vom Selbstmord gerettet. Wann und wie sich diese Umwandlung in mir vollzog, könnte ich nicht sagen.

KAPITEL 13

Und so erstand die Kraft des Lebens von neuem in mir, und ich begann wieder zu leben.

Ich sagte mich los von dem Leben unserer Kreise, da ich erkannt hatte, dass dies nicht das Leben, sondern nur ein Scheinbild des Lebens ist, dass die Bedingungen des Überflusses, in dem wir leben, uns der Möglichkeit berauben, das Leben zu begreifen, und dass ich, um das Leben zu begreifen, nicht das Leben der Ausnahmen, unser, der Parasiten, Leben begreifen müsse, sondern das Leben des einfachen arbeitenden Volkes – des Volkes, das das Leben schafft, und den Sinn, den es ihm gibt. Das einfache arbeitende Volk, das um mich her lebte, war das russische Volk, und ich wandte mich an dieses und an den Sinn, den es dem Leben gibt. Dieser Sinn war, wenn er sich in Worten ausdrücken lässt, folgender: Jeder Mensch ist auf diese Welt gekommen durch den Willen Gottes. Und Gott hat den Menschen so geschaffen, dass jeder Mensch seine Seele verderben oder retten kann. Die Aufgabe des Menschen im Leben ist, seine Seele zu retten.

Um seine Seele zu retten, muss man gottgefällig leben, und um gottgefällig zu leben, muss man sich lossagen von allen Freuden des Lebens sich mühen, demütigen, dulden und barmherzig sein. Diesen Sinn schöpft das Volk aus der ganzen Glaubenslehre, die ihm von den Seelenhirten und der Tradition, die im Volk lebt, überliefert ist und überliefert wird. Dieser Sinn war mir klar und meinem Herzen nahe. Aber mit diesem Sinn des Volksglaubens ist bei unserem nicht den Sekten zugehörigen Volk, in dessen Mitte ich lebte, vielerlei unzertrennlich verbunden, was mich abstieß und mir unerklärlich war: die Sakramente, die kirchlichen Zeremonien, die Fasten, die Anbetung der Reliquien und Heiligenbilder. Eines von dem anderen zu trennen vermag das Volk nicht, vermochte auch ich nicht so seltsam auch vieles von dem, was zu dem Glauben des Volkes gehörte, für mich war, ich nahm alles an: Ich besuchte die Kirchen, betete morgens und abends, fastete, bereitete mich zum Abendmahl vor, und in der ersten Zeit widersprach meine Vernunft alledem nicht. Was mir früher unmöglich erschienen war, erweckte jetzt in mir keinen Widerspruch.
Mein Verhältnis zum Glauben jetzt und früher war durchaus verschieden. Früher war mir das Leben selbst von Sinn erfüllt erschienen und der Glaube als eine willkürliche Behauptung gewisser mir vollkommen überflüssiger, unvernünftiger, vom Leben losgelöster Thesen. Ich fragte mich damals, welchen Sinn diese Sätze haben können, und nachdem ich mich überzeugt hatte, dass sie keinen haben, verwarf ich sie. Jetzt dagegen wusste ich bestimmt, dass mein Leben keinerlei Sinn hat und haben kann, und die Glaubenssätze erschienen mir nicht nur nicht unnütz, ich war vielmehr durch unzweifelhafte Erfahrung zu der Überzeugung gekommen, dass nur diese Glaubenssätze dem Leben Sinn geben. Früher hatte ich sie als ein völlig unnützes Buch voll wirren Geredes angesehen: wenn ich sie jetzt nicht verstand, wusste ich doch, dass sie einen Sinn haben und sagte mir, man müsse lernen, sie zu begreifen. Ich stellte folgende Betrachtung an. Ich sagte mir: Die Kenntnis des Glaubens entspringt, wie die gesamte Menschheit mit ihrer Vernunft, einem geheimnisvollen Urquell. Dieser Urquell ist Gott, der Urquell des menschlichen Körpers, der menschlichen Vernunft. Wie mein Körper erblich von Gott auf mich gekommen ist, so sind auch meine Vernunft und meine Auffassung des Lebens zu mir gelangt, und daher können all die Phasen der Entwicklung dieser Auffassung des Lebens nicht falsch sein. All das, an was die Menschen wahrhaftig glauben, muss Wahrheit sein; sie kann verschieden ausgedrückt werden, aber Lüge kann sie nicht sein. Wenn sie mir daher als Lüge erscheint, so bedeutet das nur, dass ich sie nicht verstehe. Außerdem sagte ich mir: Das Wesen jedes Glaubens besteht darin, dem Leben einen Sinn zu geben, den der Tod nicht vernichtet.

Ich strebte mit allen Kräften der Seele danach, imstande zu sein, mit dem Volk zu verwachsen, indem ich die rituelle Seite seines Glaubens erfüllte, aber ich vermochte nicht, es zu tun. Ich fühlte, dass ich vor mir selber lügen würde, dass ich verspotten würde, was mir heilig ist, wenn ich es täte. Da kamen mir unsere neuen russischen theologischen Werke zu Hilfe. Nach der Erklärung dieser Theologen ist das Grunddogma des Glaubens die unfehlbare Kirche. Aus der Anerkennung dieses Dogmas ergibt sich als notwendige Folge die Wahrhaftigkeit alles dessen, was die Kirche bekennt.* Die Kirche als die Gemeinde der Gläubigen, die vereint sind durch die Liebe und die darum die wahre Erkenntnis haben, wurde die Grundlage meines Glaubens. Ich sagte mir, die göttliche Wahrheit könne einem Menschen nicht zugänglich sein -sie enthülle sich nur einer ganzen Gemeinschaft von Menschen, die die Liebe vereinigt. Um die Wahrheit zu erlangen, darf man sich nicht absondern, und um sich nicht abzusondern, muss man die Liebe haben und sich mit dem aussöhnen, dem man nicht zustimmt. Die Wahrheit offenbart sich der Liebe; wenn du dich also nicht den Zeremonien der Kirche unterordnest, verletzest du die Liebe; indem du die Liebe verletzest, beraubst du dich der Möglichkeit, die Wahrheit zu erkennen. Ich sah damals das Sophisma nicht, das in dieser Überlegung liegt. Ich sah damals nicht, dass aus der Vereinigung in Liebe wohl höchste Liebe, niemals aber die theologische Wahrheit hervorgehen könne, die im Nicänischen Glaubensbekenntnis formuliert ist; ich sah auch nicht, dass die Liebe nie und nimmer einen bestimmten Ausdruck der Wahrheit bindend machen könne für die Vereinigung. Ich sah damals den Irrtum dieser Betrachtung nicht, und dank ihm hatte ich die Möglichkeit gewonnen, alle Zeremonien der orthodoxen Kirche anzunehmen und auszuüben, ohne den größeren Teil von ihnen zu verstehen. Ich bemühte mich damals mit allen Kräften der Seele, jegliche Überlegung, jeglichen Widerspruch zu vermeiden, und versuchte so vernünftig wie möglich die Thesen der Kirche zu erklären, mit denen ich es zu tun hatte. Durch diese Ausübung der Zeremonien der Kirche demütigte ich meine Vernunft und fügte mich der Überlieferung, die die ganze Menschheit hatte. Ich vereinigte mich mit meinen Vorfahren, mit allen, die ich liebte – meinem Vater, meiner Mutter, den Großvätern und Großmüttern. Sie und alle ihre Vorfahren haben geglaubt und gelebt und mich hervorgebracht. Ich vereinigte mich auch mit all den Millionen Menschen aus dem Volk, die ich hochachtete. Überdies hatten diese Handlungen nichts Schlechtes an sich (für schlecht hielt ich die Hingabe an die Lüste). Stand ich früh auf zur Kirchenandacht, so wusste ich, dass ich gut handelte, wenn auch nur, weil ich – um den Hochmut meines Geistes zu demütigen, um mich meinen Vorfahren und Zeitgenossen zu nähern, um den Sinn des Lebens zu suchen – meine leibliche Ruhe opferte. Ganz so erging es mir bei den Vorbereitungen zum Abendmahl, bei dem täglichen Hersagen der Gebete mit den Verneigungen und bei der Einhaltung aller Fasten. Wie winzig auch diese Opfer waren, sie geschahen im Dienst des Guten. Ich nahm das Abendmahl, ich fastete, ich verrichtete zu Hause und in der Kirche alle Gebete des Jahres. Beim Gottesdienst in der Kirche drang ich in jedes Wort ein und legte ihm, wenn ich konnte, einen Sinn bei. In der Liturgie waren für mich die wichtigsten Worte: »Lasst uns einander lieben, damit wir in Eintracht…« Die folgenden Worte: »bekennen den Vater und den Sohn und den heiligen Geist« überschlug ich, weil ich sie nicht begreifen konnte.

KAPITEL 14

Es war in mir damals ein so starkes Bedürfnis zu glauben, um zu leben, dass ich unbewusst mir die Widersprüche und Unklarheiten der Glaubenslehre verbarg. Aber dieser Versuch, den Zeremonien einen Sinn beizulegen, hatte eine Grenze. Wenn mir die Ektenie in ihren wichtigsten Worten immer klarer und klarer wurde, wenn ich mir irgendwie die Worte zu erklären vermochte: »Eingedenk unserer allheiligen Herrin, der Gottesgebärerin mit allen Heiligen, lasst uns selbst und einander und unser ganzes Leben Christus, unserem Gott, überantworten«, wenn ich mir die häufige Wiederholung der Gebete für den Zaren und seine Angehörigen so erklärte, dass an sie häufiger als an andere Menschen die Versuchung herantritt, und sie daher auch mehr des Gebets bedürfen, so hatte ich für die Gebete um die Unterwerfung der Feinde und der Widersacher, wenn ich sie so zu erklären suchte, dass der Feind das Übel sei – so hatte ich für diese und andere Gebete, wie das Cherubimgebet und das ganze Mysterium der Proskomidie und dergleichen mehr, für fast zwei Drittel des Gottesdienstes entweder gar keine Erklärung oder ich fühlte, dass ich lüge, wenn ich ihnen Erklärungen unterschiebe, und damit mein Verhältnis zu Gott gänzlich zerstöre und jede Möglichkeit des Glaubens vollkommen verliere.

Dasselbe empfand ich bei der Feier der wichtigsten Feiertage. Dass man des Sabbats gedenke, das heißt, dass man einen Tag dazu verwende, sich Gott zu widmen, das war mir begreiflich. Der Hauptfeiertag aber war dem Gedächtnis der Auferstehung gewidmet, einem Ereignis, das ich mir nicht als wirklich vorstellen und das ich nicht begreifen konnte. Und von dieser Tatsache der Auferstehung hatte der wöchentlich gefeierte Ruhetag seinen Namen erhalten, und an diesem Tag wurde das Mysterium der Eucharistie zelebriert, das für mich ganz unbegreiflich war. All die übrigen zwölf Feiertage, außer Weihnachten, waren Gedächtnistage von Wundern, und ich musste mich bemühen, nicht daran zu denken, um sie nicht abzuleugnen: Himmelfahrt, Pfingsten, Epiphanias, das Fest des Schutzmantels der Gottesmutter usw. Wenn ich diese Tage feierte, immer mit dem Gefühl, man schreibe eine Bedeutung dem zu, was für mich eine genau entgegengesetzte Bedeutung hat, ersann ich mir entweder Erklärungen, die mich beruhigen sollten, oder ich schloss die Augen, um das nicht zu sehen, was mich verwirrte.

Am stärksten tobte dieser Kampf in mir, wenn ich an den gebräuchlichsten Sakramenten teilnahm, die für die wichtigsten gehalten werden: an Taufe und Abendmahl. Hier begegneten mir nicht unverständliche, sondern vollkommen verständliche Handlungen. Diese Handlungen schienen mir Verirrungen, und ich stand vor dem Dilemma – lügen oder verwerfen.

Nie werde ich das quälende Gefühl vergessen, das ich an dem Tag empfand, da ich nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder zum Abendmahl ging. Die Gebete, die Beichte, die Vorschriften – all das war mir verständlich und erweckte in mir das freudige Bewusstsein dessen, dass der Sinn des Lebens mir aufgehe. Das Abendmahl selbst erklärte ich mir als eine Handlung, die zum Gedächtnis Christi vollzogen wird und die eine Reinigung von Sünden und die völlige Aufnahme der Lehre Christi bedeutet. War diese Erklärung auch eine künstliche, so bemerkte ich doch dies Gekünstelte nicht. Es war mir ein freudiges Gefühl, mich vor dem Geistlichen, einem einfachen, schüchternen Priester, zu erniedrigen und zu demütigen, allen Schmutz meiner Seele auszuschütten, meine Laster zu bereuen; es war mir ein so freudiges Gefühl, in Gedanken zu verschmelzen mit der Demut der Väter, die diese Gebetsvorschriften verfasst hatten; es war mir ein so freudiges Gefühl, mich zu vereinigen mit all den Gläubigen der Vergangenheit und den Gläubigen der Gegenwart, dass ich das Künstliche meiner Erklärung gar nicht einmal empfand. Als ich aber an die Heilige Pforte gekommen war und der Priester wünschte, dass ich ihm nachspräche, ich glaube, dass das, was ich nun herunterschlucken  werde – wahrhaft Leib und  Blut sei, da schnitt es mir ins Herz; das war nicht bloß ein falscher Ton, das war eine Forderung, die nur jemand stellen konnte, der offenbar nie gewusst hat, was Glaube sei.

Nun, jetzt erlaube ich mir auszusprechen, dass dies eine grausame Forderung war: damals habe ich das nicht einmal gedacht – ich empfand nur ein unaussprechliches Weh. Ich war nicht mehr in dem Zustand, in dem ich einst in meiner Jugend gelebt hatte, weil ich glaubte, dass im Leben alles klar sei. War ich doch zum Glauben gekommen, weil ich außerhalb des Glaubens nichts, gar nichts gefunden halte außer dem Untergang. Darum war es nicht möglich, diesen Glauben zu verwerfen, und ich fügte mich. Und ich fand in meiner Seele ein Gefühl, das mir half, diesen Zustand zu ertragen. Es war das Gefühl der Selbsterniedrigung und der Demütigung. Ich demütigte mich, schluckte das Blut und den Leib ohne lästerliche Empfindung herunter mit dem Verlangen, glauben zu können, aber die Entscheidung war schon gefallen. Nachdem ich wusste, was meiner harrt, konnte ich ein zweites Mal nicht mehr hingehen.

Nach wie vor vollzog ich die kirchlichen Riten und glaubte immer, dass in der Glaubenslehre, die ich befolgte, die Wahrheit sei. Und so geschah mir etwas, was mir jetzt klar ist, damals aber seltsam vorkam.

Ich lauschte einmal dem Gespräch eines pilgernden Bauern, der des Lesens und Schreibens unkundig war; er sprach über Gott und den Glauben, über das Leben, über die Erlösung, und die Erkenntnis des Glaubens tat sich mir auf. Ich wurde mit dem Volk vertraut und hörte, wie es das Leben, den Glauben betrachtet, und immer mehr und mehr begriff ich die Wahrheit. Ganz so erging es mir, wenn ich die Menäen und die Prologe las; sie wurden meine Lieblingslektüre. Indem ich über die Wunder, die ich wie Fabeln betrachtete, die einen bestimmten Sinn ausdrücken sollten, hinwegging, enthüllte mir das Lesen dieser Bücher den Sinn des Lebens. Da waren die Viten Makaris des Großen, Josaphats, des Königssohns (die Geschichte Buddhas), da waren die Predigten des Johannes Chrysostomus, die Erzählungen von dem Wanderer im Brunnen, von dem Mönch, der Gold fand, von Peter dem Zöllner; da war die Geschichte der Märtyrer, die alle eines bekundet hatten: dass der Tod das Leben nicht ausschließt; da waren auch Erzählungen von Analphabeten, Einfältigen, die von den Lehren der Kirche nichts wussten und doch erlöst wurden.
Ich brauchte aber nur mit gelehrten Gläubigen zusammenzukommen oder ihre Bücher zur Hand zu nehmen, gleich entstanden in mir Zweifel, Missmut, Verbitterung und Streitsucht, und ich fühlte, je mehr ich in ihre Reden eindringe, desto mehr entferne ich mich von der Wahrheit und schreite dem Abgrund zu.

KAPITEL 15

Wie oft neidete ich den Bauern ihre Unwissenheit und ihre Unbildung. Die Glaubenssätze, aus denen für mich ein offenkundiger Widersinn sprach, hatten für sie nichts Falsches; sie waren imstande, sie anzuerkennen und an ihre Wahrheit zu glauben, an eben die Wahrheit, an die ich glaubte. Nur dass für mich Unglückseligen klar war, dass die Wahrheit durch die feinsten Fäden mit der Lüge verknüpft sei, und dass ich sie in dieser Form nicht annehmen könne. So lebte ich drei Jahre, und in der ersten Zeit, als ich wie ein Katechumene nur allmählich mit der Wahrheit vertraut wurde, und geleitet nur von einem gewissen Gefühl, dorthin ging, wo es mir lichter erschien, störten mich diese Widersprüche weniger.
Wenn ich etwas nicht verstand, sagte ich mir: »Ich bin schuld, ich bin dumm«: je mehr ich aber von den Wahrheiten durchdrungen war, die ich lernte, je mehr sie zur Grundlage des Lebens wurden, desto drückender, schärfer wurden diese Gegensätze, und desto entscheidender wurde die Grenzlinie zwischen dem, was ich nicht begriff, weil ich es nicht begreifen konnte, und dem, was sich nicht anders begreifen ließ als mit bewusster Selbsttäuschung.

Trotz dieser Zweifel und Leiden hielt ich immer noch am orthodoxen Glauben fest. Aber da traten im Leben Fragen an mich heran, die gelöst werden mussten, und siehe da, die Lösung dieser Fragen durch die Kirche – im Widerspruch mit den eigenen Grundlagen des Glaubens, durch den ich lebte – veranlassten mich dazu, eine Bindung an die Orthodoxie als Möglichkeit für mich endgültig zu verwerfen. Diese Fragen betrafen als erstes das Verhältnis der orthodoxen Kirche zu den anderen Kirchen – zur katholischen und zu den sogenannten Sektierern. Ich kam damals infolge meines Interesses am Glauben mit Gläubigen verschiedener Bekenntnisse zusammen: Katholiken, Protestanten, Altgläubigen, Molokanen u.a. und ich war unter ihnen vielen Menschen begegnet, die sittlich hoch standen und wahrhaft gläubig waren. Ich hatte den Wunsch, der Bruder dieser Menschen zu sein. Und was geschah? – Die Lehre, die mir versprach, alle in einem Glauben und einer Liebe zu vereinigen, eben die Lehre sagte mir in der Person ihrer besten Vertreter, dass dies alles Leute seien, die in der Lüge leben, dass das, was ihnen die Kraft des Lebens gibt, eine Versuchung des Teufels sei, dass wir allein im Besitz der einzigen, möglichen Wahrheit seien. Und ich sah, dass die Orthodoxen alle, die in ihrem Bekenntnis nicht genau mit ihnen übereinstimmen, für Häretiker halten, gerade so wie die Katholiken und andere die Orthodoxie für eine Häresie halten; ich sah, dass gegen alle, die nicht in ihrem Glauben ganz dieselben äußeren Symbole und Worte bekennen wie die Orthodoxie – die Orthodoxie, so sehr sie es auch zu verbergen sucht, sich feindselig verhält; es kann auch nicht anders sein, erstens weil die Behauptung »Du lebst in der Lüge und ich in der Wahrheit« das grausamste Wort ist, das ein Mensch dem andern sagen kann, und zweitens weil ein Mensch, der seine Kinder und Brüder liebt, sich nicht anders als feindselig verhalten kann zu Menschen, die seine Kinder und Brüder zu einem falschen Glauben bekehren möchten. Und diese Feindseligkeit wächst in dem Maß, in dem die Kenntnis der Glaubenslehre zunimmt. Und so drängte sich mir, der ich die Wahrheit in der Vereinigung durch die Liebe sah, unwillkürlich der Gedanke auf, dass die Glaubenslehre selber das zerstört, was sie hervorbringen sollte. Der Widersinn ist dermaßen offensichtlich und für uns Gebildete um so mehr, als wir in Ländern gelebt haben, in denen es verschiedene Bekenntnisse gibt, und jene verächtliche, selbstbewusste und unerschütterliche Ablehnung gesehen haben, mit der der Katholik dem Orthodoxen und dem Protestanten, der Orthodoxe dem Katholiken und dem Protestanten und der Protestant ihnen beiden gegenübersteht, und wissen, dass die Altgläubigen, die Anhänger Paschkows, die Shaker und alle sonstigen Gläubigen sich genauso verhalten, dass die Offensichtlichkeit dieses Widersinns im ersten Moment verblüfft. Man sagt sich: Es ist doch ganz unmöglich, dass dies so einfach wäre und die Menschen trotzdem nicht gesehen haben sollten, dass, wenn zwei Behauptungen einander verneinen, weder die eine noch die andere die einzige Wahrheit enthalten kann, die der Glaube sein muss. Hier ist etwas nicht richtig. Es muss irgendeine Erklärung geben – ich dachte auch, es gebe eine und suchte nach dieser Erklärung und las alles, was ich konnte, über diesen Gegenstand, und beriet mich mit allen Menschen, mit denen ich zusammenkommen konnte. Und ich bekam keine andere Erklärung als die, nach der die Husaren von Sumy glauben, das Husarenregiment von Sumy sei das erste Regiment, und die gelben Ulanen glauben, die gelben Ulanen seien das erste Regiment in der Welt. Die Geistlichen aller verschiedenen Bekenntnisse, die Besten unter ihnen, sagten mir nichts anderes, als dass sie daran glauben, dass sie in der Wahrheit und die andern im Irrtum seien, und alles, was sie tun könnten, sei – für die andern zu beten. Ich besuchte Archimandriten, Erzbischöfe, Starzen, Schimniki und fragte sie aus: keiner von ihnen machte den geringsten Versuch, mir diesen Widersinn zu erklären. Nur einer von ihnen erklärte mir alles, aber auf eine solche Weise, dass ich von nun an niemanden mehr fragte.

Ich sprach davon, dass jeder Ungläubige, der sich dem Glauben zuwendet (und das tut unsere ganze junge Generation), zuallererst vor der Frage stehe: Warum ist die Wahrheit nicht im Luthertum, nicht im Katholizismus, wohl aber im orthodoxen Glauben? Er lernt es im Gymnasium, und er muss wissen, was der Bauer nicht weiß, dass der Protestant und der Katholik ganz ebenso behaupten, ihr Glaube sei der einzig wahre. Die geschichtlichen Beweise, die jedes Bekenntnis für sich geltend macht, sind ungenügend. »Könnte man nicht«, sagte ich, »die Lehre so verstehen, dass von der Höhe der Lehre herab die Unterschiede verschwänden, wie sie für den wahrhaft Gläubigen verschwinden? Konnte man nicht auf dem Weg weiter gehen, den wir mit den Altgläubigen eingeschlagen haben? Sie behaupten, das Kreuz, das Halleluja und der Umgang um den Altar seien bei uns anders. Wir haben gesagt: Ihr glaubt an das Nicänische Symbolum und die sieben Sakramente, und wir glauben auch daran. Halten wir uns denn an diese, und im übrigen tut wie ihr wollt. So haben wir uns mit ihnen darin vereinigt, dass wir das Wesentliche im Glauben über das Unwesentliche gestellt haben. Könnten wir nicht jetzt zu den Katholiken sagen: Ihr glaubt an dies und das, an die Hauptsache, und, was das Filioque und den Papst betrifft, tut wie ihr wollt. Könnten wir nicht das gleiche zu den Protestanten sagen und uns mit ihnen in der Hauptsache vereinigen?« Der Geistliche, mit dem ich so sprach, stimmte meinen Gedanken zu, meinte jedoch, solche Konzessionen würden der Kirche den Vorwurf eintragen, dass sie von dem Glauben der Väter abfalle und zu einer Spaltung führen, Aufgabe der Kirche aber sei es doch, den von den Vätern überlieferten griechisch-russischen orthodoxen Glauben in voller Reinheit zu wahren. Und ich hatte alles begriffen. Ich suche den Glauben, die Kraft des Lebens, und sie suchen das beste Mittel zur Erfüllung bestimmter menschlicher Pflichten vor den Augen der Menschen. Indem sie diese menschlichen Dinge ausüben, üben sie sie auch menschlich. So viel sie auch von ihrem Mitleid mit verirrten Brüdern, von ihren Gebeten für sie, die sie am Altar des Höchsten darbringen, sprechen mögen – zur Ausübung menschlicher Dinge braucht man Gewalt, und sie ist immer angewendet worden, wird noch angewendet und wird stets angewendet werden. Wenn zwei Bekenntnisse sich selbst im Besitz der Wahrheit glauben, das andere aber in der Lüge, so werden sie in dem Wunsch, die Brüder zur Wahrheit heranzuziehen, ihre Lehre predigen. Und wenn die falsche Lehre unerfahrenen Söhnen der Kirche, die im Besitz der Wahrheit ist, gepredigt wird, so ist diese Kirche genötigt, die Bücher zu verbrennen und den Menschen, der ihre Kinder irreführt, zu entfernen. Was soll man denn tun mit dem Sektierer, der von der Glut eines, nach der Meinung der rechtgläubigen Kirche falschen Glaubens ergriffen ist, der in der wichtigsten Angelegenheit des Lebens – im Glauben – die Söhne der Kirche verführt? Was könnte anderes ihm geschehen, als dass man ihm den Kopf abschlägt oder ihn einsperrt? Unter Alexei Michailowitsch verbrannte man ihn auf dem Scheiterhaufen, d.h. man wandte die für jene Zeit höchste Strafe an; in unserer Zeit wendet man auch die höchste Strafe an – man sperrt ihn in Einzelhaft. Und ich richtete meine Aufmerksamkeit auf das, was im Namen der Religion geschieht. Entsetzen packte mich, und ich sagte mich nun fast ganz von der orthodoxen Kirche los. Das zweite, für mich entscheidende Verhalten der Kirche in den Lebensfragen war ihre Einstellung zum Krieg und zur Todesstrafe.

Um diese Zeit gab es Krieg in Russland, und die Russen erschlugen im Namen der christlichen Liebe ihre Brüder. Es war unmöglich, diesen Gedanken loszuwerden. Nicht zu sehen, dass Totschlag etwas Böses ist, das den allerersten Grundlagen jedes Glaubens widerspricht, war unmöglich. Und bei alledem wurden in den Kirchen Gebete abgehalten für den Erfolg unserer Waffen. Die Glaubenslehrer sahen in diesem Morden ein Werk, das sich aus dem Glauben ergibt. Und nicht bloß in diesem Morden im Krieg. Auch während der Unruhen, die dem Krieg folgten, habe ich Kirchenangehörige, Lehrer der Kirche, Mönche und Schimniki gesehen, die das Hinmorden irregeführter hilfloser Jünglinge billigten. Und ich richtete meine Aufmerksamkeit auf all dies, was Menschen, die das Christentum bekennen, tun, und ein Entsetzen packte mich.

KAPITEL 16

Und ich hörte auf zu zweifeln und kam zu der vollen Überzeugung, dass in der Erkenntnis des Glaubens, dem ich mich angeschlossen hatte, nicht alle Wahrheit sei. Früher hätte ich gesagt, die ganze Glaubenslehre sei unwahr; jetzt aber konnte ich das nicht sagen.

Und nun stand alles, was mich einst abgestoßen hatte, lebhaft vor mir. Obwohl ich auch sah, dass im gesamten Volk weniger von der Beimischung von Lüge war, die mich abgestoßen halte, als bei den Vertretern der Kirche – ich sah doch, dass auch in den Glaubensmeinungen des Volkes der Wahrheit die Lüge beigemengt war. Woher aber war das Falsche und woher war das Wahre gekommen? Sowohl die Lüge als auch die Wahrheit sind enthalten in der Überlieferung, in der sogenannten Heiligen Überlieferung und Heiligen Schrift. Sowohl die Lüge als die Wahrheit sind von dem überliefert, was man Kirche nennt. Und so wurde ich – ob ich wollte oder nicht – zu dem Studium, zu der Erforschung dieser Heiligen Schrift und Überlieferung geführt, einem Studium, das ich bisher so sehr gescheut hatte.

Und ich wandte mich dem Studium der Theologie zu, die ich einst mit solcher Geringschätzung wie etwas Unnützes verworfen hatte. Damals war sie mir als eine Reihe unnützer Sinnlosigkeiten erschienen, damals hatten mich von allen Seiten die Erscheinungen des Lebens umgeben, die mir klar und sinnvoll erschienen waren; auch jetzt würde ich gern abweisen, was in einen gesunden Kopf nicht hinein will, aber ich weiß nicht mehr ein noch aus. Auf dieser Glaubenslehre beruht, oder mindestens ist mit ihr unzertrennlich verbunden jene einzige Kenntnis vom Sinn des Lebens, die mir aufgegangen war. Wie seltsam sie mir auch bei meinem alten, harten Verstand vorkommt, sie ist die einzige Hoffnung auf Rettung.

Dass in der Lehre Wahrheit liegt, das ist mir unzweifelhaft, aber auch das ist mir unzweifelhaft, dass Lüge in ihr enthalten ist, und ich muss die Wahrheit und die Lüge finden und eines vom andern scheiden. Und an diese Arbeit gehe ich nun. Was ich in dieser Lehre Falsches, was ich in ihr Wahres gefunden habe und zu welchen Schlüssen ich gekommen bin – das bildet den Inhalt der folgenden Teile meines Werkes, das, wenn es so viel wert ist und jemandem nützen kann, wahrscheinlich irgendwann und irgendwo einmal gedruckt werden wird.

NACHWORT

Das hatte ich vor etwa drei Jahren niedergeschrieben. Jetzt, da ich diesen Teil im Druck durchsah und mich in den Gedankengang und die Gefühle zurückversetzte, die mich damals bewegten, als ich sie durchlebte, hatte ich einen Traum. Dieser Traum sprach mir in gedrängter Form all das aus, was ich durchlebt und geschildert habe, und darum denke ich, es könnte auch für diejenigen, die mich verstanden haben, die Beschreibung dieses Traumes, all das, was so ausführlich in diesen Blättern erzählt ist, auffrischen, erläutern und zusammenfassen. Dies also war mein Traum: Ich sehe mich, wie ich im Bett liege. Ich fühle weder Behagen noch Unbehagen. Ich liege auf dem Rücken. Aber ich fange an, darüber nachzudenken, ob ich mich beim Liegen behaglich fühle. Bald habe ich das Gefühl, dass meine Beine unbequem liegen, bald ist das Bett zu kurz, bald scheint es mir passend genug. Irgendetwas ist mir unbequem. Ich mache eine Bewegung mit den Beinen, und in dem Augenblick fange ich an, darüber nachzudenken, wie und worauf ich liege, was mir bisher gar nicht in den Sinn gekommen war. Wie ich nun mein Bett betrachte, sehe ich, dass ich auf geflochtenen Querbändern liege, die an den Betträndern befestigt sind. Meine Sohlen liegen auf einem solchen Band, die Unterschenkel auf einem andern – unbequem für die Beine. Mir ist, ich weiß nicht woher, bekannt, dass man diese Bänder verschieben kann. Und ich stoße  mit einer Bewegung der Beine das äußerste Band unter den Füßen fort und denke, dass es nun besser sein wird. Ich habe es aber zu weit fortgestoßen:  ich  will es mit den Beinen wieder greifen, aber bei dieser Bewegung schlüpft unter meinen Schenkeln auch das andere Band fort, und meine Beine hängen herab. Ich mache mit dem ganzen Körper eine Bewegung, um mich zurechtzulegen und bin fest überzeugt, dass das ohne Schwierigkeiten gelingen muss; aber bei dieser Bewegung schlüpfen unter mir auch die anderen Bänder fort und verschieben sich, und ich sehe, ich habe alles zerstört.  Mein ganzer Unterkörper schiebt sich hinunter und hängt herab, die Füße reichen nicht bis zum Boden. Ich halte mich nur mit dem oberen Teil des Rückens, und mir wird unbehaglich, ja sogar unerträglich. Erst jetzt fällt mir eine Frage ein, die mir bis dahin nicht in den Sinn gekommen ist: Wo bin ich und worauf liege ich? Und ich schaue mich um und sehe vor allem nach unten, wo mein Körper herabhängt und wohin er – ich fühle es – im nächsten Augenblick fallen muss. Ich blicke nach unten und traue meinen Augen kaum: ich befinde mich nicht nur in einer Höhe, die der Höhe eines sehr hohen Turmes oder Berges gleicht – ich befinde mich in einer Höhe, die ich mir niemals hätte vorstellen können.

Ich kann nicht einmal klar sagen, ob ich etwas sehe dort unten in dem bodenlosen Abgrund, über dem ich schwebe und in den es mich hinab zieht. Das Herz krampft sich mir zusammen und ein Schauder ergreift mich. Es ist schrecklich, hinunterzuschauen. Ich fühle, wenn ich hinunterblicke, gleite ich von dem letzten Band ab und bin verloren. Ich sehe nicht hinunter. Aber Nichtsehen ist noch schlimmer, denn ich denke an da, was mit mir geschehen muss, wenn mich das letzte Band loslässt. Und ich fühle, wie ich vor Entsetzen den letzten Halt verliere und allmählich auf dem Rücken immer tiefer und tiefer gleite. Noch einen Augenblick, und ich stürze in die Tiefe. Da kommt mir der Gedanke: Das kann nicht Wirklichkeit sein. Das ist ein Traum. Wach auf. Ich mache den Versuch aufzuwachen und kann nicht. Was tun, was tun? – frage ich mich und schaue hinauf. Oben ist ebenfalls ein Abgrund. Ich blicke in diesen Abgrund des Himmels und gebe mir Mühe, den Abgrund unten zu vergessen und vergesse ihn auch wirklich. Die Unendlichkeit unten stößt mich ab und macht mich schaudern; die Unendlichkeit oben zieht mich an und gibt mir Halt. Ich hänge wie vorher auf den letzten Bändern, die noch nicht unter mir weggeschnellt sind, über dem Abgrund: ich weiß, dass ich hänge, aber ich schaue nur nach oben, und meine Furcht hört auf. Da spricht, wie es im Traum vorkommt, eine Stimme: »Merk auf dies! Das ist es!« Und ich schaue immer länger und länger in die Unendlichkeit oben und fühle, dass ich ruhiger werde und mir alles wieder ins Gedächtnis zurückkehrt, was geschehen war, und ich erinnere mich, wie all dies geschehen war: wie ich meine Beine bewegt habe, wie ich hinab geglitten war, wie ich erschrocken war, und wie ich mich von dem Schrecken dadurch errettet, dass ich nach oben geblickt hatte. Und ich frage mich: Nun, und jetzt, hänge ich noch immer in der gleichen Lage? Und weniger mit dem Blick als mit meinem ganzen Körper werde ich mir des Stützpunktes bewusst, an dem ich mich halte. Und ich sehe, dass ich nicht mehr hänge und nicht mehr falle, sondern mich festhalte. Ich frage mich, wie ich mich halte, ich betrachte mich, ich schaue mich um und sehe, dass unter mir, unter der Mitte meines Körpers ein Tragband ist und dass ich, emporblickend, auf diesem in sicherstem Gleichgewicht liege, dass dies allein mich auch bisher gehalten hat. Da erscheint mir plötzlich, wie es im Traum zu sein pflegt, der Mechanismus, vermöge dessen ich mich halte, sehr natürlich, begreiflich und klar, obgleich dieser Mechanismus in Wirklichkeit gar keinen Sinn hat. Ich wundere mich sogar im Traum, dass ich das vorher nicht begriffen habe. Da zeigt sich, dass mir zu Häupten eine Säule steht. Die Festigkeit dieser Säule unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, obwohl die dünne Säule keine Unterlage hat. auf der sie steht. Von der Säule ist dann kunstvoll und einfach zugleich eine Schlinge geführt, und liegt man auf dieser Schlinge mit der Mitte des Körpers und schaut in die Höhe, so kann von Fallen gar nicht die Rede sein. All dies wurde mir klar, und ich war freudig und ruhig. Und es war, als spräche jemand zu mir: »Schau und gedenke.« Und ich erwachte.
1882

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