Gemeinsam beten, arbeiten, leben

Vorüberlegungen

Indem wir als Christen zur Gemeinschaft berufen sind, müssen wir uns immer wieder die Frage stellen, ob wir diese Gemeinschaft auch so verwirklichen, wie der Herr es von uns wünscht. Leben wir miteinander oder nebeneinander? Die Antworten auf diese Frage werden sowohl in der Kirchengeschichte als auch in den Beispiel des Neuen Testaments in Form einer Bandbreite mehrerer Möglichkeiten gegeben, die von voller Gütergemeinschaft am einen Ende bis zu einer Verbindlichkeit im Rahmen selbstständiger Haushalte reicht. Die gegebene Bandbreite ermöglicht der christlichen Gemeinde, sich an verschiedene äußere Umstände flexibel anzupassen. Das Ziel ist jedoch immer eine Gemeinschaft, in der die Liebe Gottes sichtbar wird, sodass die Menschen daran erkennen können, dass wir Jesu Jünger sind.

Das bedeutet, dass wir die Frage nach der Gemeinschaftsbildung nicht trennen können von den Lebensumständen, in denen wir uns als Christen befinden. In Städten ist es naturgemäß anders als am Land, Westeuropa kann man nicht mit den Steppen der Mongolei vergleichen. Das 21. Jahrhundert unterscheidet sich dahingehend auch deutlich vom ersten Jahrhundert.

Angeregt wurden die folgenden Gedanken durch einen sich den letzten Jahren intensiviert habenden Kontakt zu Hutterischen Brüdern in den USA (Elmendorf/Minnesota) und Canada (Decker-Colony/Manitoba). Peter Hoover von Elmendorf pflegt seit einiger Zeit intensive Kontakte zu Christen in Europa, die sich die Frage nach Intensität und Qualität christlicher Gemeinschaft neu gestellt haben und ein tiefes Interesse am Hutterischen Modell haben. Von ihm kam auch die Frage an mich, ob ich mich den Überlegungen beteiligen möchte, und ob die Gemeinde Sachsenplatz, der ich angehöre, sich mit herausfordern lassen würde.

Als „gelernter Österreicher“ hüte ich mich vor schnellen Entscheidungen und Zusagen, aber mehr noch gilt, dass solche Überlegungen vom Herrn vorbereitet und geführt werden müssen. Wenn der Herr das Haus nicht baut, ist unser Idealismus vergeblich. Auch ist die Bruderhof-Bewegung ein warnendes Beispiel, die zwar (wie ich meine) geistlich begonnen hat, aber im Fleisch vollendet wurde. Der äußeren Form nach treu Hutterisch sind sie heute von einem sektiererischen Geist und liberaler Theologie geprägt.

Bevor ich über Voraussetzung und Möglichkeiten tieferer Gemeinschaftsbildung in Europa einige unvollständige Gedanken beitragen möchte, will ich darauf aufmerksam machen, dass das Hutterische Modell sich einerseits über die Jahrhunderte verändert hat; andererseits in seiner modernen Form mehrere Nachahmer findet. Ein paar Beispiele dazu:

Durch das Lesen von Peter Riedemanns Rechenschaft entstand in Japan eine ähnliche Gemeinschaft. Derzeit werden Hutterische Schriften ins Koreanische übersetzt. Die Schmiedeleut-Hutterer haben ein Gemeindegrüdungsprojekt in Nigeria. All das ist nicht nur spannend und begeisternd, sondern auch mit kulturellen Hürden und vielen anderen offenen Fragen verbunden. Wer nur schwärmerisch imitiert, scheitert oder gründet neue Sekten.

Die Hutterische Gütergemeinschaft und die evangelikalen Mainstraem-Gemeinden – Eine grobe Gegenüberstellung

Gemeinsam oder einsam?

Das Modell der Gütergemeinschaft, das die Hutterer im Lauf ihres Bestehens entwickelt haben, ist natürlich nicht 1:1 dasselbe wie das der Jerusalemer Urgemeinde. Es ist aber eine Anwendung des dort beschriebenen Vorbildes, das sich als praktikabel und dauerhaft erwiesen hat.

Es beinhaltet gemeinsames Wohnen, gemeinsames Essen, gemeinsames Arbeiten und tägliche geistliche Gemeinschaft in einem „Bruderhof“, das ist eine dorfähnliche Siedlung, die räumlich deutlich entfernt von den Ballungszentrum der umgebenden Welt errichtet ist. Alle haben denselben Lebensstandard, dieselbe Kleidung und aufgrund der Gemeindeschule auch denselben Bildungsstand. Es gibt keine Gewaltverbrechen (das ist Tatsache!) in dieser Gemeinschaft, keine Armut, keine Einsamkeit, keine Arbeitslosigkeit und keine Ausgrenzung von Kranken und Behinderten. In dieser Form stellen sie eine Art ideale Gegenwelt zur Gesellschaft rundherum dar, ein Vorbild dessen, wie Gottes Reich ist, wie Gott das Zusammenleben und Zusammenwirken Seiner Geschöpfe ursprünglich gedacht hat.

Demgegenüber leben die meisten Evangelikalen Christen heute in Gemeinden, die im wesentlichen einmal in der Woche zusammenfindet, um Gott anzubeten. Vielerorts gibt es noch Gebetstreffen und Bibelstunden unter der Woche. Außerhalb dieser Zeiten lebt jeder Haushalt sein eigenes kleines Leben. Eine Karikatur von Gemeinschaft, die leider immer häufiger Wirklichkeit ist, ist ein modern eingerichtetes multifunktionales Gottesdienstgebäude mit großem Parkplatz, der sich jeden Sonntag füllt. Eine Stunde später nimmt aber jedes Vehikel wieder Kurs auf das kleine Haus im Grünen, wo die Familien den Rest der Woche für sich bleiben bis zum nächsten Sonntag.

Unter der Woche gibt es oft nur sporadischen Kontakt untereinander, viele hören oder sehen gar nichts von den Glaubensgeschwistern. Die Gemeinschaftszeiten beschränken sich auf „geistliche“ Dinge wie beten, singen, Bibelstudium und Brotbrechen. Der in der Regel dürftige Besuch der Gebetsstunden kann dahingehend interpretiert werden, dass ein tieferes Interesse aneinander (Gebetsanliegen, Austausch und Fürbitte) oft völlig fehlt. Allerdings ist es etwas unfair, nur von außen auf die Gesinnung zu schließen.

Es gibt Einsamkeit. Kranke erhalten kaum Besuche, Arbeitslose wenig Unterstützung (da das Sozialsystem des Staates dafür verantwortlich gehalten wird). Es gibt reiche und arme Geschwister. Und alle sind durch ihre verschiedenen Lebensmittelpunkte, Wohnsituationen, Berufe und Hobbies auch stark daran gehindert, sich tiefer und weiter in die christliche Gemeinschaft zu investieren. Der Terminkalender ist immer viel zu voll.

Wie sieht es dann aber mit der Liebe untereinander aus, dem Kennzeichen der Christen? Sie zu verwirklichen ist im Mainstream-Modell sehr schwierig, denn es geht ja um Tat und Wahrheit und nicht um bloße Worte. Gelebte Liebe setzt aber gelebte Gemeinschaft voraus. Wir sollten uns bewusst sein, dass die modernen Kommunikationsmittel (E-Mail & Telefon, SMS & Handy) kein Ersatz für Begegnung, Blickkontakt und Händedruck sein können. Ist ein Kranker getröstet, wenn er ein SMS ins Spital bekommt, das in etwa ausdrückt: „Ich habe gerade 30 Sekunden Zeit für einen Gruß, zu mehr reicht meine Liebe nicht.“? Sicher ist das besser als nichts, aber darf das alles sein?

Kinder Gottes nach dem Geist oder nach dem Fleisch?

Andererseits muss man auch eine Gegenfrage stellen. Wie ist es möglich, wenn eine christliche Gegenkultur so abgesondert von der Welt existiert und sich dabei primär biologisch vermehrt, dass die Nachkommen derer allesamt wiederum geistgezeugte Christen werden?

Ein Hutterer aus Elmendorf sagte mir, dass bei der Gemeindegründung aus der Muttergemeinde Bon Homme heraus, sein Vater und er so ziemlich die einzigen gewesen waren, die sich mit Begeisterung über das Reich Gottes unterhielten. Nun besteht das Reich Gottes zwar nicht in Worten, aber es drückt doch etwas aus, das es zu berücksichtigen gilt. Mittlerweile ist Elmendorf eine sehr erweckte und lebendige Gemeinde – so erweckt, dass die Gesamtkirche der Schmiedeleut-Hutterer die Elmendorfer ausgeschlossen haben. Neuer Wein kann nicht in alten Schläuchen aufbewahrt werden, sagt der Herr Jesus, und dieses Gleichnis bewahrheitet sich immer wieder.

Auch in Decker, einer sehr lieben Gemeinde der Schmiedeleut-Hutterer sind nicht alle Getauften auch wirklich gläubig. Das wird zwar offen zugegeben, aber genügt das? Nein, denn die christliche Gemeinschaft soll immer eine Gemeinschaft von wahrhaft Gläubigen sein, gerade das wird ja durch die Taufe auch zum Ausdruck gebracht. Das Beispiel der abgeirrten Bruderhöfler (Arnold-Leute) oder auch der Kibbuzim zeigt, dass es zur Aufrechterhaltung einer „mikrokommunistischen“ Gesellschaft nicht unbedingt den Heiligen Geist braucht.

Die Tatsache, dass die heutigen Hutterer kaum missionarisch aktiv sind, unterstreicht den Eindruck, dass das Modell die Gefahr in sich birgt, sich selbst zu genügen und sich selbst zu erhalten. Die Mainstream-Evangelikalen leben jedoch von der Mission. Sie sind sehr viel stärker mit der Welt verflochten, ihre Kinder übernehmen bei weitem nicht selbstverständlich den Glauben der Eltern. Am Arbeitsplatz in der Welt, in den diversen Beziehungen, die sich durch Geschäft und Hobby ergeben, geben sie bereitwillig Zeugnis. Ein Gutteil des Gemeindewachstum basiert daher auf Bekehrten von außerhalb.

Ein verkürztes oder ein volles Evangelium?

Wir stehen also vor der Tatsache, dass die Mainstream-Evangelikalen zwar ein deutlich reduziertes Gemeinschaftsleben haben, dafür aber ein lebendigeres Wachstum durch Evangelisation und Mission. Nun könnten wir der Versuchung erliegen, das eine gegen das andere auszuspielen und (durchaus zurecht) festhalten: Was nützt die schönste Gemeinschaft, wenn der Glaube fehlt? Doch wird das dem Thema gerecht?

Was ist das – gegengefragt – für ein Glaube, der nicht zur Gemeinschaft führt? Was ist das für ein Evangelium, das nur die Rettung der Seele betont, aber keinen signifikanten Lebenswandel hervorbringt? Wie kann eine Veränderung, die auf das persönliche Leben beschränkt bleibt, ein gemeinsames Zeugnis als Gemeinde sein? Ist es nicht so, dass „evangelikal“ hauptsächlich „errettet“ bedeutet, aber nicht unbedingt einen Lebensstil? Stellen wir als Gemeinde eine Alternative zur Welt dar? Werden wir überhaupt als Gemeinde wahrgenommen von den Außenstehenden?

Wenn wir über diese Fragen nachdenken, könnte es uns dämmern, dass – bei allem Zukurzkommen der Hutterer – wir selbst auch kein volles Evangelium predigen. Warum? Weil wir die Lehre überbewerten und das Leben hintenanstellen. Das beginnt mit der Art und Weise, in der wir evangelisieren: Wir verteilen Schriften, Bücher, Traktate und Bibeln und erwarten, dass die Leute durch das Lesen bekehrt werden. Wir laden in Bibelgesprächsrunden ein, und rechnen damit, dass die Menschen durch Lesen und gute Argumente bekehrt werden. Wir diskutieren in Internetforen und reden mit Menschen am Arbeitsplatz und setzen dabei wieder voll auf das Wort. Wir sagen alles, wir begründen, sind schlagkräftige Apologeten und tiefgründige Theologen. Genau das bringen wir dann auch hervor: Köpfe voll von Wissen, das Leben hinkt hinterdrein.

Wie haben die Apostel evangelisiert? Sie teilten nicht nur das Wort mit, sie teilten ihr Leben mit den Menschen. Sie waren selbst lebendige Auslegungen der Botschaft. Ebenso lebte der Herr Jesus selbst mit den Jüngern. Er stellte sich nicht nur auf die Berge Galiläas, um von oben herab zu predigen, er war mit den Jüngern im Boot, war mit ihnen hungrig und durstig, freute sich mit ihnen und weinte mit ihnen und gab ihnen in all dem ein vollkommenes Beispiel eines Menschen Gottes. Paulus konnte sagen „Seid meine Nachahmer, wie ich Christi Nachahmer bin“, weil die Gemeinde Einblick in sein Leben hatte.

Anders gesagt: Ist Mission ohne Gemeinschaft überhaupt möglich? Bringt Verkündigung ohne Lebensmitteilung überhaupt einen fruchtbringenden Glauben hervor? Ich denke nicht an Zahlen – zu viele Evangelikale assoziieren das Wort Frucht zuerst mit zahlenmäßigem Wachstum! – ich denke an ein Leben, das dem Leben Christi ähnlich ist.

Ich glaube nicht, dass der Hutterische Weg ein Patentrezept ist, und er bringt auch nicht aus sich selbst heraus jene Frucht hervor, aber er bietet einen Rahmen, in dem es kein Privatchristentum gibt. Man lebt miteinander und lernt voneinander, das Wort und das Leben kann in solch einem Umfeld viel effektiver mitgeteilt werden, als im Mainstream. Auch unser Bemühen um Jüngerschaft, um genau das Thema geht es hier, erschöpft sich viel zu sehr in mehr oder minder theoretischen Kursen. Es hängt da sehr viel davon ab, ob der Mentor transparent und aufrichtig ist. In einer Gemeinde, die eine tiefe und verbindliche Form von Gemeinschaft lebt, wäre das eine ganz normale und alltägliche Sache.

In der Welt oder abgesondert?

Die räumliche Trennung der Hutterischen Gemeinden von der Welt, dazu ihre veraltete deutsche Sprache im englischsprachigen Amerika, sowie ihr sehr einheitlich anderer Kleidungsstil macht es für suchende Menschen nicht unbedingt einfacher, sich ihnen anzuschließen. Dass Elmendorf auf die englische Sprache gewechselt hat, ist ein mutiger Schritt gewesen, der sie den Hutterern zwar entfremdete, aber Türen für verlorene Menschen öffnete.

Die Mainstream-Gemeinden haben sehr viel weniger Berührungsängste zur Welt. Aber darüber haben sie nur mehr einen sehr verschwommenen Begriff von Absonderung. Absonderung und Gemeinschaft gehören aber zusammen wie die zwei Seiten einer Medaille. Auf die Frage, wie man ein Kind Gottes wird, würde kaum ein Evangelikaler Christ mit dem Vers aus 2. Kor 6 antworten: „Sondert euch ab – und ihr werdet mir Söhne und Töchter sein.“. Folglich kann man bei ihnen äußerlich keinen Unterscheid zur Welt feststellen. Mainstream-Christen haben dieselbe Sprache und Ausdrucksweise (meistens etwas gemäßigter), sie tragen dieselbe Art von Kleidung (leider nur mehr selten züchtiger oder schlichter), sie gehen denselben Vergnügungen nach, hören dieselbe Art von Musik, fahren ebenso teure Autos und haben denselben (hohen) Lebensstandard. Sie sind reich und gehen doch durch das Nadelöhr, weil sie davon geprägt sind, dass Errettung vom rechten Wissen abhängt und weniger vom rechten Leben. Sie verwechseln dabei „Glauben“ mit „Wissen“, während die Apostel den Glauben nie vom Leben und Lebensstil getrennt haben. Dass ein Reicher nicht in den Himmel kommen kann, ist gemäß dem Herrn Jesus da nur folgerichtig; aber wir tun uns schwer mit dieser Aussage, weil wir ein unzureichendes Verständnis von Glauben haben.

Die Hutterer haben eine eigene Kultur geprägt, und das ist in gewisser Weise durchaus richtig so. Die Gemeinde Christi soll eine Stadt auf dem Berg sein, Jünger Jesu sollen anders sein als die Welt. Wer über jedes unnütze Wort Rechenschaft geben muss, wird anders reden, sich anders ausdrücken als die Welt. Wer weiß, dass das Auge die Lampe des Leibes ist, wird darauf acht haben, was da hineingeht und nicht jede Unterhaltung mitmachen, die in der Welt üblich ist. Wer weiß, dass Gott Ehebruch sehr streng sieht, wird sich keusch und sittsam kleiden und nicht jene Modestücke kaufen, die so designed sind, dass sie begehrliche Blicke provozieren. Wer weiß, dass Gott dieses System Babylon richten wird, wird darauf acht haben, für welche Firma er arbeitet und welche Produkte er kauft.

Mir selbst sind diese Thesen etwas unbequem, denn ich gehöre zum Mainstream und bin ebenso verflochten in diese Welt wie die anderen. Ich denke mehr nach über Absonderung als die übrigen, das schon, aber ich stehe mittendrin in diesem Dilemma, das ich hier skizziere. Irgendwie müssen wir näher an der Welt sein, die wir für den Herrn erreichen wollen, als die Hutterer; irgendwie müssen wir uns aber auch deutlich unterscheiden und als Gemeinde ein gemeinsames, einheitliches und klares Zeugnis von der kommenden Welt sein. „Geht hinaus aus Babylon“, ist ein Aufruf, der nicht erst für die Endzeit gilt, sondern täglich relevant ist.

Diese Gegenüberstellung ist natürlich vereinfachend und ein wenig polarisierend in schwarz-weiß dargestellt. Man kann natürlich nicht von „dem“ Mainstream und „den“ Hutterern reden, aber mir ging es in diesem Abschnitt darum, uns infrage zu stellen. Sind wir als Gemeinde wirklich auf dem richtigen Weg? Sind wir dort, wo der Herr Jesus uns hinführen möchte? Sind wir eine Herde unter einem Hirten, oder doch eher in die Welt hinein verstreute Schafe, die ein bisschen verloren umherirren in ihrem Alltagsleben?

Die Gütergemeinschaft von Jerusalem als Ausgangspunkt im Vergleich mit dem Mainstream

Eine andere wichtige Überlegung ist die Frage nach Vorbild für die Umsetzung der Gütergemeinschaft. Indem die Hutterer sich in ihrer Gemeindeform auf das Vorbild der Jerusalemer Gemeinde beziehen, müssen wir darauf achten, dass wir uns auf dasselbe Vorbild beziehen. Es geht also nicht darum, in der Suche nach tieferer Gemeinschaft die Hutterer nachzuahmen, sondern nachzuspüren, wie es die Urgemeinde praktiziert hat. Die Hutterer sind allerdings nicht auszublenden, da sie einerseits selbst auch durch dieses Beispiel inspiriert worden sind, andererseits aber auch seit Jahrhunderten in Gütergemeinschaft leben, wobei die Praxis der Gemeinschaft durchaus auch einige Veränderungen erlebt hat.

Die Jerusalemer Gemeinschaft

Der Beginn der christlichen Gemeinde zu Pfingsten ist vor allem deshalb hochinteressant, weil von allem Anfang an alles bereits da war, was für eine neutestamentliche Gemeinde kennzeichnend ist. Auch wenn das Verhältnis zum Tempel, zu den Opfern, zur Beschneidung und zum mosaischen Gesetz noch lange nicht geklärt war (und zwar bis zum Ende der Apostelgeschichte nicht – vgl Apg 21,17-26), so waren doch die vier Grundpfeiler des christlichen Gemeindelebens von Anfang an klar:

(Apg 2,42) Sie verharrten aber in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten.

Dass Predigt, Bibelstudium, Anbetung, Fürbitte und das regelmäßige Brotbrechen wichtig und unverzichtbar sind, zeigt sich daran, dass das in allen christlichen Kirchen bewahrt worden ist. Zwar wurde das Brotbrechen in manchen Kirchen in ein Sakrament „transsubstantiiert“ und die Lehre oft stark verfälscht und das Gebet zu einem Ritual verfremdet, aber es ist zumindest dem Namen und der äußeren Form nach in allen Kirchen präsent. Darüber will ich in dieser Abhandlung jedoch nicht weiter nachdenken, sondern den Schwerpunkt auf die vierte Säule legen: Die Gemeinschaft.

Will man dem inneren Grund für die Gemeinschaft nachspüren, dass gibt es aus den Versen davor und danach mehrere Aspekte:

(Apg 2:41-46) Die nun sein Wort aufnahmen, wurden getauft; und es wurden an jenem Tage hinzugetan bei dreitausend Seelen. Sie verharrten aber in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten. Es kam aber jede Seele Furcht an, und es geschahen viele Wunder und Zeichen durch die Apostel. Alle aber, welche glaubten, waren beisammen und hatten alles gemein; und sie verkauften die Güter und die Habe und verteilten sie an alle, je nach dem einer irgend Bedürfnis hatte. Und indem sie täglich einmütig im Tempel verharrten und zu Hause das Brot brachen, nahmen sie Speise mit Frohlocken und Einfalt des Herzens,

Es ist interessant, dass von den vier Säulen gerade die Gemeinschaft am ausführlichsten beschrieben wird. Die Gemeinschaft selbst wird dadurch gebildet, dass Menschen das Wort Gottes aufnehmen und getauft werden und bewusst „hinzugetan“ werden. Dieses Wort „hinzutun“ betont, dass der Einzelne nun in ein neues Umfeld gestellt wird, denn er ließ sich erretten „aus diesem verkehrten Geschlecht“ (Vers 38) und wird in das Reich Gottes versetzt.

Eine zweite Grundlage für die Gemeinschaft ist die Lehre der Apostel, die nichts anderes ist als die Lehre des Herrn Jesus Christus. Gemeinschaft ist also nicht unstrukturiert oder eine spontane Gefühlsregung, sie ist Teil des Programms des Evangeliums. Es hat damit zu tun, dass der Herr Hirte über eine Herde ist, König über ein Reich, das nicht von dieser Welt ist, dass Er herausführt aus dieser Welt und die Gemeinde absondert für Sich. Das ist ein großes Thema in der ganzen Bibel, also ist es auch ein großes Thema in der Lehre der Apostel.

Eine andere Wurzel für Gemeinschaft kann in der Furcht Gottes gesehen werden, die der Anfang aller Weisheit ist. Alle wurden so gesehen weise, weil sie begannen Gott ernst zu nehmen. Gemeinschaft ist die Form weisen Zusammenlebens, wenn man es so umschreiben will. In jedem Fall entspricht sie dem Wesen Gottes selbst, der drei in eins ist, wo der Vater und der Sohn eins sind und von uns erwartet ebenso eins zu sein (Joh 17).

Eine weitere sehr praktische Ursache für Gemeinschaft ist die Not. Der eine leidet Mangel, der andere hat Überfluss, also soll ein Ausgleich stattfinden, sodass niemand irgendeinen Mangel leiden muss.

Weiters ist Gemeinschaft aber auch mit Frohlocken und einem einfältigen Herzen verbunden. Diese Einfalt hat nichts mit Dummheit zu tun, sondern mit einem schlichten Herzen, das auf das Wesentliche ausgerichtet ist, ohne viel Aufhebens darum zu machen. Zudem ist es offenbar eine sehr freudige Sache!

Zuletzt ist Gemeinschaft kein Selbstzweck, sondern der Herr selbst steht im Zentrum, weshalb in aller Schlichtheit daheim das Brot gebrochen wird zum Gedächtnis an Seine Liebe. Ohne Ihn kann die Gemeinde nicht bestehen. Ohne Ihn hat die Gemeinschaft kein Zentrum..

Wir können in diesen wenigen Versen auch einige ganz wesentliche praktische Aspekte der Gemeinschaft erkennen, die allesamt unverzichtbar sind:

Zuerst ist da der Zugang zur Gemeinschaft durch die Taufe. Es kann nicht genug betont werden, dass man ohne Bereinigung der Schuld vor Gott keinen Anteil am Reich Gottes hat. Das weist gleich darauf hin, dass diese Gemeinschaft missionarisch sein muss, denn dazu sind wir in diese Welt gesandt. Wenn die Gemeinde nur für sich eine nette Gemeinschaft hat, aber nicht nach außen geht, um den Herrn zu verkündigen, dann verfehlt sie ihr Ziel.

Dann gehören die Lehre der Apostel, das Brotbrechen und die Gebete dazu, das steht am Anfang der Beschreibung. Es ist eine geistliche Gemeinschaft mit geistlichen Anliegen und einer geistlichen Berufung. Lass die Lehre weg, und die Gemeinde verliert ihre Bestimmung! Lass das Brotbrechen weg, und die Gemeinde verliert ihr Fundament! Lass die Gebete weg, und die Gemeinde verliert ihre Kraft!

Dann „waren sie beisammen“, was uns fragen lässt, wie das praktisch ausgesehen hat? Wörtlich heißt es: „Sie waren an demselben (Ort).“ Also wirklich räumlich beisammen. Wie ging das? Sie waren täglich im Tempel – als tägliche Gemeinschaft in Wort und Gebet. Sie trafen sich dabei in den Säulenhallen Salomos als deutlich abgesonderte Gemeinschaft, der sich die übrigen nicht anzuschließen wagten (Apg 5,12+13). Außerdem hatten sie in den Häusern gemeinsame Mahlzeiten und das Brotbrechen.

Das vielleicht Überraschendste aber war die Gemeinschaft der Güter: Sie hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften ihre Habe und gaben den Erlös den Bedürftigen. Das ist ein so wichtiger Aspekt der Gemeinschaft, dass er etwas später noch ausführlicher beschrieben wird:

(Apg 4,32-37) Die Menge derer aber, die gläubig geworden, war ein Herz und eine Seele; und auch nicht einer sagte, dass etwas von seiner Habe sein eigen wäre, sondern es war ihnen alles gemein. Und mit großer Kraft legten die Apostel das Zeugnis von der Auferstehung des Herrn Jesus ab; und große Gnade war auf ihnen allen. Denn es war auch keiner dürftig unter ihnen, denn so viele Besitzer von Äckern oder Häusern waren, verkauften sie und brachten den Preis des Verkauften und legten ihn nieder zu den Füßen der Apostel; es wurde aber einem jeden ausgeteilt, so wie einer irgend Bedürfnis hatte. Joseph aber, der von den Aposteln Barnabas zubenamt wurde (was verdolmetscht heißt: Sohn des Trostes), ein Levit, ein Cyprier von Geburt, der einen Acker besaß, verkaufte ihn, brachte das Geld und legte es nieder zu den Füßen der Apostel.

Hier sind wir dort, wo die Liebe uns hinführen möchte: Dass wir ein Herz und eine Seele werden als Gemeinde! Die Gemeinschaft der Güter lebte von dieser Haltung, die offenbar alle Gemeindeglieder prägte. Man sieht hier einerseits, dass die Jünger sehr wohl Privatbesitz behielten, dass sie sich aber davon losgesagt hatten. Sie verwalten ihn nur, aber er gehört ihnen nicht mehr. Darum wird je nach Bedürfnis veräußert, was möglich ist, um den Bedürftigen zu helfen. Wichtig ist hier auch die Beobachtung, dass Gütergemeinschaft kein Selbstzweck ist! Nicht, weil es einfach schön ist, alles gemeinsam zu besitzen, sondern nach der Not Bedürftiger wird geteilt, was man hat.

Dennoch: Die Grundhaltung ist die, dass mir nichts mehr für mich selbst alleine gehört, sondern auf alles, was ich habe, hat auch die ganze Gemeinde Anspruch. Und ich auf alles, was in der Gemeinde vorhanden ist.

Entscheidend ist auch die Art und Weise, wie die Güter verteilt wurden: Nicht nach eigenem Gutdünken, sondern das Geld wurde zu den Füßen der Apostel gelegt, die es verantwortungsvoll verteilen mussten. Das Fallbeispiel von Barnabas unterstreicht, dass dieser Vorgang normativ war: Man verkaufte etwas und brachte den Erlös zu den Aposteln.

Das anschließende Fallbeispiel von Ananias und Saphira zeigt, dass Gott sich zu dieser Form von Gemeinschaft bekannt hat. Sie heuchelten und betrogen den Heiligen Geist, und Gott strafte sofort und für alle wurde klar, dass dem Herrn die Gemeinschaft überaus wichtig ist.

Das ist es im Wesentlichen, was über die Jerusalemer Gütergemeinschaft zu sagen ist. Natürlich bleiben hier viele Fragen offen, aber diese Fragen sollten uns nicht davon abhalten uns selbst zu prüfen, wie es mit unserem Herz und unserer Seele aussieht. Wie würden wir angesichts dieses Beispiels die Qualität unserer Gemeinschaft beurteilen? Oder noch persönlicher: Welche Haltung hast Du zum Deinem Besitz? In den folgenden Unterpunkten, möchte ich aber ein paar neuralgische Punkte herausnehmen und uns Mainstream-Evangelikalen als Spiegel vorhalten:

Täglich beisammen (Gebet, Lehre, Brotbrechen, Gemeinschaft)? Gemeinsame Mahlzeiten (Liebesmahl, tägliche Mahlzeiten)? Gemeinsamer Besitz (Nöte, Witwenversorgung)? In dem all das Ausdruck der Liebe ist der Freude aneinander im Herrn ist, schicke ich voraus und werde immer wieder wiederholen: Ohne Liebe ist das alles nichts. Aber: Gibt es Liebe in einer Gemeinde ohne Gemeinschaft? Diese Frage muss der Refrain sein, der die nächsten Seiten prägt.

Täglich beisammen

Zweifellos reagieren die meisten ähnlich wie ich auf diese Praxis: Das ist überfordernd, wie soll das gehen? Die Jerusalemer Gemeinde hatte diese Praxis, und diese Praxis war das direkte Ergebnis von Pfingsten, als alle Gläubigen ganz frisch mit dem Heiligen Geist erfüllt worden sind.

Ich kann mich gut daran erinnern, wie es war, als ich 1987 zum Glauben gekommen bin und getauft wurde. Ich wollte so schnell es geht, alle Geschwister gut kennenlernen. Es waren ja nur etwas über einhundert Personen. Nur wohnten die über ganz Wien verstreut und zum Teil auch bis nach Niederösterreich hinein. Es dauerte schließlich sehr lange, bis ich zu jedem Gesicht die Namen kannte, aber persönlich näher lernte ich nur einen Bruchteil kennen. Schlussendlich habe ich mich damit abgefunden. Sich abfinden ist irgendwie desillusionierend, aber ist das Drängen des Heiligen Geistes zur Gemeinschaft eine Illusion?

Die Jerusalemer waren täglich beisammen. Was machte den Unterschied? Sie waren „an einem Ort“, und das bereits vor Pfingsten.

(Apg 1,13-14) Und als sie hineingekommen waren, stiegen sie auf den Obersaal, wo sie blieben: sowohl Petrus, als Johannes und Jakobus und Andreas, Philippus und Thomas, Bartholomäus und Matthäus, Jakobus, Alphäus’ Sohn, und Simon, der Eiferer, und Judas, Jakobus’ Bruder. Diese alle verharrten einmütig im Gebet mit etlichen Weibern und Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern.

Das war der erste Versammlungsort der Gemeinde, der Obersaal, in dem der Herr Jesus mit den Jüngern das Brot gebrochen hatte, wo Er ihnen die Füße gewaschen hatte und die letzten Reden an sie richtete. An demselben Ort wurde nach der Zerstörung Jerusalems auf den Ruinen des Gebäudes eine Judenchristliche Synagoge errichtet, deren Reste noch heute sichtbar sind. Die vorpfingstliche Gemeinde „blieb“ dort und wartete auf die Verheißung des Heiligen Geistes, sie „verharrten“ dort im Gebet. Wie soll man sich das vorstellen? Dass sie sich abends für eine Stunde getroffen haben und ansonsten ihrer Wege gingen? Das steht hier nicht. Die gemeinsame Zeit wurde aber nicht nur dem Gebet gewidmet. Man machte sich intensive Gedanken über den Nachfolger für Judas, man überlegte also bereits ganz konkret und praktisch, wie man den Missionsauftrag erfüllen wollte. Es wird auch eine Zeit intensiver Beratungen gewesen sein, die erstaunlich einmütig abliefen.

Als die Kraft aus der Höhe schließlich kam, hieß es:

(Apg 2,1) Und als der Tag der Pfingsten erfüllt wurde, waren sie alle an einem Orte beisammen.

Diese Formulierung „an demselben“ (epi to auto) weist auf den Obersaal hin. Sie waren beisammen am selben Ort. Dann kam der Heilige Geist, Petrus predigte, Menschen wurden gläubig und sie wurden „hinzugetan“ (Vers 41) – an denselben Ort:

(Apg 2,44) Alle aber, welche glaubten, waren beisammen (epi to auto) und hatten alles gemein;

Auch in der nächsten Zeit fügte der Herr täglich Errette hinzu „epi to auto“ (Vers 47) an denselben Ort.

Derselbe Ort ist also eine ziemlich konkrete Beschreibung des Beisammenseins. Man kann freilich fragen, wie dreitausend und mehr Menschen in den Obersaal passten. Das geht natürlich nicht. Die Beschreibung, die wir weiter oben betrachtet haben, spricht vom Tempel und von „den Häusern“ als die Orte, wo sie beisammen waren. Die ersten Christen in Jerusalem nahmen die festgesetzten Gebetszeiten im Tempel ernst (vgl Apg 3,1) und kamen dort regelmäßig als Gemeinde zusammen. Die neunte Stunde ist in etwa drei Uhr nachmittags. Sie kamen also am Nachmittag im Tempel zur Lehre und zum Gebet zusammen und hatten dann „hin und her in den Häusern“ das Nachtmahl und das Brotbrechen.

Aus dem einen Obersaal wurden also sehr viele „Obersäle“, wobei wir das nicht zu wörtlich nehmen müssen. In der Stone-Campbell Bewegung (Gemeinde Christi) kam es deswegen zur einen Spaltung, weil eine Gruppe meinte, nur ein Dachgeschoß wäre der geeignete Versammlungsraum. Dennoch war der Obersaal wohl oft aus praktischen Gründen ein gern gewählter Versammlungsort (vgl. auch Apg 20,7-12). Unser Versammlungsraum am Sachsenplatz ist im Souterrain. Es ist nicht der Ort, sondern die Gesinnung, in der man zusammenkommt, auf die es ankommt.

Wir können also kurz festhalten, dass die tägliche Gemeinschaft sich auf bestimmte Tageszeiten bezog, nämlich das Gebet im Tempel und das Abendessen, was insofern auch logisch ist, als die Menschen ja auch ihrer täglichen Arbeit nachkommen mussten. Ich denke, man kann annehmen, dass von jedem Ort in Jerusalem der Tempel in maximal 30 Gehminuten zu erreichen gewesen ist. Das ist durchaus im Rahmen des Machbaren. Darum geht es mir auch in den Überlegungen: Ist tägliche Gemeinschaft überhaupt durchführbar? Ja, wenn man in einer geographischen Nähe zueinander wohnt.

Als wir heirateten, zogen meine Frau und ich in eine Wohnung im 20. Bezirk in Wien, zwei Gehminuten vom Versammlungslokal der Gemeinde Sachsenplatz entfernt. Wir entschlossen uns damals, weil es so „naheliegend“ ist, uns dieser Gemeinde anzuschließen, in der Hoffnung, durch die örtliche Nähe zu den Geschwistern rasch einen Anschluss zu finden. Die Enttäuschung war groß als wir erfuhren, dass die meisten Familien jenseits der Donau im 22. Bezirk wohnten! Nur eine Familie wohnte in unmittelbarer Nachbarschaft, und wir versammelten uns dort regelässig zum Gebet und zum Bibelstudium – allerdings auch nur einmal in der Woche. Mittlerweile sind wir in den 10. Bezirk übersiedelt, in die Nähe meines Arbeitsplatzes und der Schule der Kinder, und die andere Familie ist auch in den 22. Bezirk gezogen. Unsere Gemeinde ist ziemlich „zersiedelt“, an tägliche Gemeinschaft ist da kaum zu denken. In dieser Hinsicht sind wir aber durchaus im Normbereich des Mainstreams.

Die Zersiedelung macht es sehr mühsam für die einzelnen, zu verschiedenen Terminen neben dem Sonntag zusammenzukommen. Die Gebetsstunden sind mager besucht und finden nur mehr 14-tägig statt (früher war es jede Woche). Viele, aber nicht alle Gemeindeglieder, besuchen regelmäßig einen der Bibelkreise; gibt es jedoch daneben zusätzliche Seminare oder Termine, so nehmen in der Regel etwa nur ein Drittel der Glieder daran teil. Die Voraussetzung für Gemeinschaft ist mittlerweile weniger die Liebe zueinander, sondern ein Auto oder eine gute Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel. Dazu der Mut, zu anderen Terminen „nein“ zu sagen.

Wir könnten nun resignierend feststellen: So ist es eben. Wir finden uns ab damit und sagen: Tägliche Gemeinschaft ist eine Illusion. Wen kümmert es? Jene Schwester zum Beispiel, die an Multipler Sklerose leidet und es gerade einmal zur Sonntagsversammlung schafft, weil sie von einem (weltlichen!) Behindertentransport dorthin gebracht wird. Die übrige Woche ist sie tagein, tagaus allein zu Haus. Allerdings muss das nicht so sein. Als eine Schwester jüngst verwitwete, hatte sie beinahe täglich Besuch. Sie hatte Gemeinschaft, liebe Menschen brachten ihr Essen vorbei. Allerdings nicht aus der Gemeinde, sondern von ihren türkischen Freunden und Verwandten! Halten uns die Moslems schon in Sachen schamhafter und züchtiger Kleidung einen Spiegel vors Gesicht, so übertreffen sie uns sogar im angeblichen Markenzeichen der Christen, der Liebe! (Beide Beispiel stammen aus einer anderen Gemeinde als der unseren, aber sehr viel näher stehen wir einander auch nicht).

Finden wir uns damit ab? Oder sollen wir uns nicht doch schonungsloser hinterfragen? Sicher, die Jerusalemer Gemeinde stellt in dieser Hinsicht ein Ideal dar, aber mit wieviel weniger als dem Ideal geben wir uns zufrieden? Und zu welchem Preis?

Andere Beispiele: Ebenfalls in einer anderen Gemeinde ging es darum, Älteste in ihrem Dienst zu bestätigen; dazu wurde ein Fragebogen ausgeteilt, der sich im wesentlichen an den Qualifikationen von 1.Tim 3 orientierte. Eine sehr aufrichtige junge Schwester bekannte, dass sie niemanden bestätigen könne, da sie aus den kurzen Begegnungen am Sonntag keine Rückschlüsse auf deren Alltag ziehen könne. Sie kennt die Brüder nicht, weiß nicht, ob sie daheim nicht ihre Frauen schlagen und ihre Kinder misshandeln (extrem gedacht), weil sie keinen Einblick in ihr Leben hat. Fehlende Gemeinschaft. In unserer Gemeinde unternahmen die Ältesten ihrerseits mehrere Anläufe, die Geschwister regelmäßig zu besuchen. Der Besuchsdienst wird zumindest als ein ganz wesentlicher Teil des Hirtendienstes verstanden, aber nachdem die Vorsätze immer wieder neu gefasst wurden, ist es bald wieder eingeschlafen. Was ist nun der Preis, den wir dafür bezahlen, weniger als das Ideal anzustreben?

Ich habe einmal einen ganz wilden Vorschlag ausgedacht, den ich nie ernsthaft in eine Diskussion eingebracht habe, weil er einfach zu radikal ist. Aber hier passt es dazu. Stell dir vor, alle Wiener Gemeinden würden aufgelassen, und alle Geschwister müssten mit jenen Gemeinschaft leben, die in unmittelbarer Nähe wohnen. Unvorstellbar? Es gäbe bei uns eine ganze Reihe christlicher Familien, die keine 10 Gehminuten von uns entfernt sind. Aber das sind vielleicht Lutherische oder charismatische Christen oder von sonst einer Konfession – wie soll das zusammenpassen? Schließlich haben wir uns doch aus guten theologischen Gründen voneinander getrennt! Sollte das alles hinfällig werden? Natürlich ist das eine Utopie, und ich wäre einer der ersten, der eine ganze Reihe Bedenken äußern würde, also finden wir uns mit dem Zustand ab. Gemeinschaft ist eine Illusion, oder? Das Ergebnis: Wir fahren quer durch Wien, vergeuden Treibstoff und Zeit, um wenigstens einmal pro Woche für zwei Stunden Gemeinschaft mit jenen Christen haben, die die richtigen Lieder singen, die ermutigenderen Predigten anbieten und einfach besser unserem Geschmack entsprechen. Wie weit entfernt sind wir davon, „Ein Herz und eine Seele“ zu sein?

Raum und Zeit sind also zwei wesentliche Hindernisse für Gemeinschaft geworden. Der Raum, weil wir durch Arbeits- und Wohnsituation einerseits, durch Auffassungsunterscheide und Gemeindeverständnis andererseits als Geschwister auseinandergerissen sind. Die Zeit ist nicht nur aufgrund der größeren Distanzen ein Thema, sondern auch aufgrund der vielfältigen Freizeitangebote; aber auch aufgrund der Notwendigkeit, evangelistische Kontakte nach außen zu pflegen. Unsere Zeit und unsere Lebensumstände sind sicher deutlich anders als in Jerusalem zur Zeit der ersten Christen. Aber wir sollten nicht meinen, dass dort alles einfacher zu handhaben war. Die Herausforderungen waren vielleicht anders, aber nicht minder schwer. Wenn der Glaube Berge versetzen kann, was ist es dann, was wir hier vor uns haben? Ein Hügel, ein Mittelgebirge, der Himalaja? Die Frage ist nicht, was uns alles hindert, sondern ob uns die Liebe drängt, mehr Gemeinschaft untereinander zu haben. Wenn ja, dann versetzen wir eben diese Berge!

Es gibt auch andere Beispiele. Als die „Internationale Gemeinde Christi“ ihr Gemeindeprojekt in Wien begonnen hatte, da mieteten sie sich große Wohnungen und bildeten mehrere Wohngemeinschaften. Das Missionsteam bestand vorwiegend aus recht motivierten und flexiblen Singles, aber sie gingen die Sache sehr direkt an: Tägliche Gemeinschaft. Die Gemeinde ist damals sehr rasch gewachsen, sie verfolgte sehr zielstrebig ein konsequentes Jüngerschaftskonzept und missionierte sehr einladend. Die Wohngemeinschaften waren da eine ganz wesentliche Hilfe dazu. Allerdings war das Jüngerschaftskonzept auch ziemlich gesetzlich im Stil, hart und vereinnahmend. Nach nicht allzu langer Zeit ist die Gemeinde auf eine Hausgemeinde von etwa 10 Personen geschrumpft. Die Wohngemeinschaften sind aufgelassen, weil viele mittlerweile geheiratet haben. Man sieht daran, dass Gemeinschaft kein Allheilmittel ist, wir uns also nicht naiv einer Idee verschreiben dürfen. Wo die Idee wichtiger ist als die Liebe, baut nicht der Herr sondern das Fleisch die Gemeinde.

Die Mennoniten-Brüdergemeinde hatte anfangs in Wien ein Haus in der Cottagestraße, in dem einige christliche Familien zusammen gewohnt haben. Allerdings führte das nicht unbedingt zu tieferer Gemeinschaftsbildung. Die Gemeinde ist aus sehr traurigen Gründen einmal zerfallen, und die Übriggebliebenen schlossen sich der Gemeinde Tulpengasse an; das Haus wurde ebenfalls der Gemeinde übergeben – mit dem Ziel, die Gemeindearbeit neu zu beginnen. Allerdings wurde das Haus eher als Belastung gesehen und das Projekt einer neuen Gemeinde am alten Ort wurde fallengelassen. Ich denke, dass die Schau gefehlt hat, aber ich kenne die Hintergründe auch nur bedingt.

Ich will hier noch keine Lösungsansätze diskutieren. Ich will es dabei belassen, uns das Ideal der Urgemeinde in täglicher Gemeinschaft vor Augen zu malen. Wir müssen uns entscheiden, inwiefern wir bereit sind, uns dem anzunähern. Die Folgekosten reduzierter Gemeinschaft sind an ein paar Beispielen illustriert worden.

Gemeinsame Mahlzeiten

Das zweite Thema, das ich näher betrachten will, sind die gemeinsamen Mahlzeiten. Wiederum beschreibt der Jerusalemer Anfang ein Ideal, von dem nicht nur wir, sondern auch die übrigen neutestamentlichen Gemeinden mehr oder minder weit entfernt sind, bzw waren.

Seit ich verheiratet bin, komme ich nicht mehr so herum in den verschiedenen Gemeinden, ich bin recht „häuslich“ geworden, so muss ich es Simon glauben, einem jungen Bruder vom Sachsenplatz, der mir sagt, dass viele Jugendliche anderer Gemeinden uns darum beneiden, dass wir etwa jeden zweiten Sonntag in der Gemeinde ein gemeinsames Mittagessen haben. In der Tulpengasse gehört das gemeinsame Essen auch wie selbstverständlich dazu. In der Brüdergemeinde Graz-Ost (vormals Heinrichstraße) gab es jeden Sonntag Kaffee und Kuchen, und in vielen anderen denominationellen Kirchen gibt es den obligatorischen Pfarrkaffee nach dem Gottesdienst. All das ist gut, und wahrscheinlich ist dieses Thema am leichtesten zu vertiefen, denn gemeinsame Mahlzeiten sind auch heute noch ein willkommener Anlass für Gemeinschaft.

Wie aber war es in Jerusalem?

(Apg 2,46) Und indem sie täglich einmütig im Tempel verharrten und zu Hause das Brot brachen, nahmen sie Speise mit Frohlocken und Einfalt des Herzens,

Das Geistliche und das Leibliche gehören zusammen, diese Einsicht ist uns griechisch geprägten Menschen sehr ferne. Aber Gemeinschaft besteht im jüdischen Denken erst dann, wenn man auch miteinander isst. Die großen Feste Jahwes im Alten Bund beschränkten sich nicht darauf, die vorgeschriebenen Opfer zu bringen, sondern ein ordentliches Festmahl gehörte immer dazu. Dass Passah, das der Herr Jesus mit Seinen Jüngern feierte, bestand nicht etwa nur aus Wein und Brot, sondern da gehörte auch das Lamm und alles drum herum dazu. Dass wir das Brotbrechen so von der normalen gemeinsamen Mahlzeit getrennt haben, entspricht strenggenommen nicht der ursprünglichen Praxis.

Die gemeinsamen Mahlzeiten waren aber auch ein Dienst an den bedürftigen Geschwistern, die Witwen wurden in dieser Form von der Gemeinde versorgt, und in den Augen der Apostel war das ursprünglich sogar „Chefsache“. Sie selbst bedienten die Tische, aber das war doch zuviel für sie und hielt sie von ihrem eigentlichen Auftrag ab. Betrachten wir aber, wie sorgfältig die Diakone ausgewählt wurden, die die Versorgung der Witwen übernehmen sollten, dann sehen wir, dass es nicht als bloßer „praktischer“ Dienst gesehen wurde. Nochmals: Die Trennung zwischen leiblicher und geistlicher Gemeinschaft ist dem Neuen Testament fremd; ebenso die Trennung zwischen geistlichen und praktischen Diensten.

(Apg 6,1-3) In diesen Tagen aber, als die Jünger sich vermehrten, entstand ein Murren der Hellenisten gegen die Hebräer, weil ihre Witwen bei der täglichen Bedienung übersehen wurden. Die Zwölfe aber beriefen die Menge der Jünger und sprachen: Es ist nicht gut, dass wir das Wort Gottes verlassen und die Tische bedienen. So sehet euch nun um, Brüder, nach sieben Männern aus euch, von gutem Zeugnis, voll [Heiligen] Geistes und Weisheit, die wir über dieses Geschäft bestellen wollen;

Es geht um eine tägliche Bedienung, das heißt um das tägliche Leben und das tägliche Brot. Damals gab es noch kein „Essen auf Rädern“, dieser Dienst verlangte den damit Beauftragten einiges ab. Es musste für alle gekocht werden, es musste gerecht verteilt werden. Leider beschreibt uns Lukas nicht, wie genau das gegangen ist. Wie weit sie voneinander gewohnt haben, oder ob sie in einem gemeinsamen Haus untergebracht waren, oder gruppenweise auf mehrere Häuser verteilt? Nun, das ist vielleicht nicht so besonders wichtig. Wichtig ist aber der Ernst, mit dem das Thema behandelt worden ist.

Die Versorgung der Witwen, Armen und Kranken ist bei uns an den Staat delegiert worden; aber ist das eine schriftgemäße Haltung? Ich denke nochmals an die Kranke Schwester, die die ganze Woche allein daheim ist und mit einem weltlichen Behindertentransport zur Gemeinde gebracht wird. Nach dem Gottesdienst sitzt sie im Vorraum und wartet auf die Abholung, ist also in der kurzen Zeit für Austausch und Gemeinschaft zusätzlich vom Kommen des Behindertentransporters abhängig. Warum sollte die Gemeinde mehr Zeit und Liebe investieren, wenn es Behindertentransporte und Essen auf Rädern gibt? Wir sind ohnedies so beschäftigt mit vielen Dingen …

Aber zurück zum Essen. Das mit dem gemeinsamen Essen funktioniert auch deshalb besser, weil es meist direkt im Anschluss an die Versammlung am Sonntag stattfindet. Es ist kein zusätzlicher Termin. In Jerusalem war es das schon eher, denn man ging am Nachmittag in den Tempel und im Anschluss an Gebet und Lehre teilte man sich auf die verschiedenen Häuser zum Brotbrechen und zum gemeinsamen Essen auf. Und das offenbar täglich.

Essen ist im ganzen Neuen Testament ein großes Thema, das wir hier gar nicht erschöpfend behandeln können. Es gingen die Wogen hoch, als Petrus im Haus des Cornelius gegessen hatte – eine Frage der Gemeinschaft. Es musste geklärt werden, ob und welche Speisegebote für die Heidenchristen verbindlich seien – Blut und Ersticktes ist verboten. Auch das ist eine Frage der Gemeinschaft, denn wie will man gemeinsam essen, wenn man dem Bruder etwas vorsetzt, was er aus Gewissensgründen nicht essen darf. Da musste viel Rücksicht genommen werden auf Schwache; da musste man das Thema Götzenopferfleisch besprechen. Dann kam es dazu, dass in Korinth bei den gemeinsamen Mahlzeiten die Reichen die Armen so beschämt haben, dass die gemeinsame Mahlzeit sogar abgestellt wurde, weil man damit das Brotbrechen verunmöglichte. Dann ist die Rede, dass Sünder von den Mahlzeiten auszuschließen sind, dass sie Schandflecken bei den Liebesmahlen seien. Es ist ein großes Thema – werden wir dem mit einem vierzehntägigen Mittagsessen nach dem Gottesdienst wirklich gerecht?

Damit verbunden ist auch das Thema der Gastfreiheit. Christen sollen gerne Fremde und Geschwister einladen zum gemeinsamen Essen. Als ich als junger Christ in London eine Gemeinde besuchte, wurde ich von einer Familie nach dem Gottesdienst zum Essen eingeladen. Auch wir als Ehepaar halten es nun so, dass wir gerne gerade Gäste nach dem Gottesdienst (wenn es keinen Mittagstisch gibt) zu uns nach Hause einladen, wodurch sich zwei sehr schöne Freundschaften und tiefe geistliche Gemeinschaft ergeben hat.

Ein vorerst einleuchtender Einwand gegen tägliche Gemeinschaft ist das Bemühen, doch auch mit ungläubigen Menschen Kontakt zu haben. Wo aber lässt es sich am ungezwungener reden als bei ein gemeinsamen Essen? Dann geht es auch weiter nicht nur darum, dass die Menschen uns kennenlernen sollen, sondern die Gemeinde und durch das Zeugnis der Gemeinde von der Liebe Gottes beeindruckt zu werden. Kann es sein, dass diese gemeinsamen Mahlzeiten ein sehr viel stärkeres evangelistisches „Werkzeug“ sind, als theologische Gesprächsrunden, Diskussionen und Einzelbetreuung?

Es gibt aber auch eine bittere Kehrseite: Oft sind es immer dieselben, die für die Gemeinde kochen. Das entmutigt zum Teil jene, die vielleicht wollen, aber sich nicht so recht trauen. Das schafft aber andererseits eine Gewohnheit. Man verlässt sich darauf, die Schwester X oder Bruder Y sich schon um das Essen kümmern werden, und lässt sich bedienen. Das Gemeinsame Essen ist ein wichtiges Thema im Neuen Testament, und es muss dementsprechend durchdacht angegangen werden.

Fast hätte ich es vergessen: Nach dem Essen gehört auch abgewaschen, und ich freue mich jedes Mal darüber, dass dort Schwestern Zeit haben, während dem Abwaschen und Trocken persönlich zu reden, auszutauschen und erbaut zu werden. Der Geschirrspüler ist zwar sicher eine hilfreiche Investition gewesen, aber das manuelle Waschen und Trocknen hat einen wichtigen positiven Nebeneffekt. Jüngst halfen die Jungscharkinder beim Abtrocknen – Integration in die Gemeinde kann so schön sein ….

Soviel zum Essen. Auch hier gilt: Es ist weit mehr möglich, als derzeit gelebt wird. Geben wir uns mit dem Wenigen (durchaus Guten) zufrieden, oder gehen wir einige Schritte tiefer aufeinander zu?

Gemeinsamer Besitz

Als Jesus Menschen zu Jüngerschaft einlud, bzw Menschen sich Ihm von sich aus anschließen wollten, war das Thema Geld und Besitz immer ein großes Thema. Ja, schon vorher, in den Predigten des Täufers war eine der ersten genannten Früchte der Buße das Teilen von Besitz.

(Lk 3,10-14) Und die Volksmengen fragten ihn und sprachen: Was sollen wir denn tun? Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Wer zwei Leibröcke hat, teile dem mit, der keinen hat; und wer Speise hat, tue gleicherweise. Es kamen aber auch Zöllner, um getauft zu werden; und sie sprachen zu ihm: Lehrer, was sollen wir tun? Er aber sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als euch bestimmt ist. Es fragten ihn aber auch Kriegsleute und sprachen: Und wir, was sollen wir tun? Und er sprach zu ihnen: Tut niemand Gewalt, und klaget niemand fälschlich an, und begnüget euch mit eurem Solde.

Egal wen der Täufer ansprach, er sprach das Thema Geld und Besitz mit an. Der Mammon ist der große Gegengott zum Vater im Himmel – und ebenso müssen wir wählen zwischen irdischen und himmlischen Schätzen:

(Mt 6,19-27) Sammelt euch nicht Schätze auf der Erde, wo Motte und Rost zerstört, und wo Diebe durchgraben und stehlen; sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Rost zerstört, und wo Diebe nicht durchgraben noch stehlen; denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein. Die Lampe des Leibes ist das Auge; wenn nun dein Auge einfältig ist, so wird dein ganzer Leib licht sein; wenn aber dein Auge böse ist, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß die Finsternis! Niemand kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird einem anhangen und den anderen verachten. Ihr könnet nicht Gott dienen und dem Mammon.

Auffällig ist, dass die Bildrede vom Auge als Lampe des Leibes eingerahmt ist vom Thema Geld und Besitz. Es ist die Augenlust, die uns dazu drängt haben zu wollen, was wir sehen – und das ist eben irdisch und vergänglich. Davon sollen wir uns trennen. Es ist eine scharfe Gegenüberstellung: Gott oder Mammon – wir können nicht beides haben. Der Herr stellt es als unvereinbar dar. Nicht nur hier – er sagte es den Reichen Menschen auch direkt:

(Mt 8,19-20) Und ein Schriftgelehrter kam herzu und sprach zu ihm: Lehrer, ich will dir nachfolgen, wohin irgend du gehst. Und Jesus spricht zu ihm: Die Füchse haben Höhlen, und die Vögel des Himmels Nester, aber der Sohn des Menschen hat nicht, wo er das Haupt hinlege.

(Mk 10,21-26) Jesus aber blickte ihn an, liebte ihn und sprach zu ihm: Eines fehlt dir; gehe hin, verkaufe, was irgend du hast, und gib es den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach, [das Kreuz aufnehmend]. Er aber ging, betrübt über das Wort, traurig hinweg, denn er hatte viele Güter. Und Jesus blickte umher und spricht zu seinen Jüngern: Wie schwerlich werden die, welche Güter haben, in das Reich Gottes eingehen! Die Jünger aber entsetzten sich über seine Worte. Jesus aber antwortete wiederum und spricht zu ihnen: Kinder, wie schwer ist es, dass die, welche auf Güter vertrauen, in das Reich Gottes eingehen! Es ist leichter, dass ein Kamel durch das Öhr der Nadel gehe, als dass ein Reicher in das Reich Gottes eingehe. Sie aber waren über die Maßen erstaunt und sprachen zueinander: Und wer kann dann errettet werden?

Die Botschaft des Herrn Jesus ist unbequem. Seine eigenen Jünger erschraken darüber und waren über die Maßen erstaunt bzw entsetzt. Die Antwort des Herrn darf nicht als Abschwächung verstanden werden, sondern bestätigt es:

(Mk 10,27) Jesus aber sah sie an und spricht: Bei Menschen ist es unmöglich, aber nicht bei Gott; denn bei Gott sind alle Dinge möglich.

Das bedeutet aber nicht, dass man reich sein kann und dennoch in das Reich Gottes eingehen kann, sondern es zeigt, dass es die Kraft Gottes braucht, um dem Mammon entfliehen zu können. Es ist wie bei jeder anderen Sünde und Bindung: Wir können uns selbst nicht befreien. Trotzdem stellt der Herr Jesus unmissverständlich klar:

(Lk 14,33) Also nun jeder von euch, der nicht allem entsagt, was er hat, kann nicht mein Jünger sein.

Wie soll man auf diesen Anspruch reagieren, der von der Predigt des Täufers an die gesamte Verkündigung unseres Herrn Jesus durchzieht und schließlich im Gemeindeleben von Jerusalem vollendet wird, wo alle Gemeindeglieder ihrem Besitz absagten?

Für mich ist es um nicht weniger unbequem als für jeden anderen Christen, der im Mainstream großgeworden ist. Was soll ich sagen, wenn wir als Familie monatlich gut dreimal so viel für Pensionsvorsorge und sonstige Absicherungen auf die Seite legen als für die Gemeindekasse? Ich bin reich und dennoch arm, weil ich mir irdische Schätze für die Zukunft aufspare, die ich heute nicht genießen kann – und ich will durch das Nadelöhr kommen? Wie will ich vor Gottes Augen treten?

Ich kann mich wunderbar rechtfertigen! Ich lebe nicht in der Jerusalemer Gemeinde – bei uns gibt es keine Gütergemeinschaft, keine Verpflichtung, dass einer für den anderen einsteht. Bei uns muss sich jeder selbst absichern. Wir haben Missionare hinausgeschickt und machen uns Gedanken darüber, wie sie versorgt werden sollen, wenn sie zurückkommen und alt sind. Was fällt uns ein? Eine Pensionsvorsorgeversicherung! Das bedeutet relativ hohe monatliche Kosten für eine im Endeffekt doch eher bescheidene Zusatzpension. Das ist deutlich besser als nichts, und ich freue mich, dass es gemacht wird – aber ist das wirklich effektiv? Wie anders könnten die Mittel genutzt werden, wenn sie zusammengelegt würden! Gemeinschaft meint auch Synergie.

Wir müssen uns nicht viele Gedanken darüber machen, warum es uns schwer fällt, unsere irdischen Sicherheiten fahren zu lassen. Wir haben schlichtweg einen viel zu kleinen Glauben! Machen wir uns da nichts vor! Wir suchen die irdische Sicherheit zuerst, und wenn wir da einen festen Grund unter den Füßen zu haben, dann erst wagen wir uns in das Reich Gottes hinein. Wie ganz anders sagt es der Herr Jesus:

(Mt 6,31-33) So seid nun nicht besorgt, indem ihr saget: Was sollen wir essen? oder: Was sollen wir trinken? oder: Was sollen wir anziehen? denn nach allem diesem trachten die Nationen; denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr dies alles bedürfet. Trachtet aber zuerst nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, und dies alles wird euch hinzugefügt werden.

Ein solcher Weg ist der Weg aus unserer (vermeintlichen) Unabhängigkeit in die Abhängigkeit von Gott. Konkreter: In die Abhängigkeit von Gott und der Gemeinde, wenn wir den Aspekt der Gütergemeinschaft hier mitbedenken. Wollen wir das wirklich wagen?

Wir sehen, dass die Gemeinschaft der Güter die konsequenteste Anwendung der Worte Jesu ist, denn allem abzusagen bedeutet völlige Abhängigkeit. Hier zeigt sich, was Glaube bedeutet. Sind wir wirklich gläubig, oder tun wir nur so?

Ich denke an Perus Waldus, den Begründer der Waldenserbewegung. Ein reicher Mann aus Lyon verkauft alles, was er hat, lässt eine Bibelübersetzung anfertigen und wird der Auslöser einer Erweckungsbewegung, die Südfrankreich, Norditalien, Österreich und Deutschland erfasst. Blutig verfolgt und beinahe ausgelöscht findet sie ihre Fortsetzung bei den mährischen Brüdern, in der Reformation und der Täuferbewegung. Ein Mann war bereit, allem zu entsagen – Seht euch die Frucht an! Dasselbe kann von Franz von Assisi gesagt werden, dessen Bewegung allerdings von der katholischen Kirche vereinnahmt worden ist. Warum heißen die Plymouth-Brüder übrigens Plymouth-Brüder? Hat die Bewegung nicht in Dublin begonnen? Aber die Gemeinde in Plymouth hatte eine so herzliche Gemeinschaft, es wurde freigiebig geteilt, sodass die ganze Bewegung nun mit dieser Stadt assoziiert worden ist, auch wenn es andernorts bei weitem weniger herzlich zuging.

Gehen wir mit diesen Beispielen und Verheißungen zurück nach Jerusalem. Gütergemeinschaft ist ein großes Wort und ein Begriff, der bereits mit Assoziationen verbunden ist – abhängig davon, von wo wir herkommen. Wie können wir in den zitierten Texten die Praxis erkennen?

(Apg 2,44-45) Alle aber, welche glaubten, waren beisammen und hatten alles gemein; und sie verkauften die Güter und die Habe und verteilten sie an alle, jenachdem einer irgend Bedürfnis hatte.

Zuerst wird festgehalten, dass alle Christen alles gemeinsam hatten, was dann konkretisiert wird. Sie verkauften ihre Habe und der Erlös wurde an die Bedürftigen verteilt. Es gibt einen inneren Antrieb, der durch den Heiligen Geist gewirkt ist, und einen äußeren Anlass, die Liebe Tat werden zu lassen: Die Bedürfnisse der Geschwister. Teilen wendet Not, ist notwendig. Es wurde also nicht deshalb alles zusammengelegt, weil es irgendwie „nett“ wäre, wenn wir alles teilen, sondern weil es aufgrund der Armut anderer notwendig ist. In der zweiten Stelle wird das Teilen noch näher beschrieben:

(Apg 4,32-35) Die Menge derer aber, die gläubig geworden, war ein Herz und eine Seele; und auch nicht einer sagte, dass etwas von seiner Habe sein eigen wäre, sondern es war ihnen alles gemein. Und mit großer Kraft legten die Apostel das Zeugnis von der Auferstehung des Herrn Jesus ab; und große Gnade war auf ihnen allen. Denn es war auch keiner dürftig unter ihnen, denn so viele Besitzer von Äckern oder Häusern waren, verkauften sie und brachten den Preis des Verkauften und legten ihn nieder zu den Füßen der Apostel; es wurde aber einem jeden ausgeteilt, so wie einer irgend Bedürfnis hatte.

Man kann nicht genug betonen, dass die Gemeinde von einem intensiven „Wir-Bewusstsein“ geprägt war – und auch heute sein soll. Aus dem „Wir“ ergibt sich, dass wir nicht mehr vom privaten und persönlichen Besitz reden können. Die Christen sagten nicht einmal von einem Teil ihres Besitzes, dass es ihnen allein gehörte. Was ich habe, worüber ich verfüge – es steht allen zur Verfügung, die es zur Linderung ihrer Nöte brauchen können. Sie hatten Äcker und Häuser, sie hatten Ertrag von ihrer Landwirtschaft und wohnten in landesüblicher Ausstattung. Aber daran hielten sie nicht fest. Sie waren bereit, allem abzusagen, was sie hatten, um Jesu Jünger zu werden. Hier haben wir die direkteste Anwendung dieses Wortes. So viele Besitzer solcher Dinge waren, verkauften sie! Nicht manche, oder ein guter Teil der Gemeinde, sondern „so viele“, denn „die Menge“ war ein Herz und eine Seele.

Mittendrin wird erwähnt, dass die Apostel mit großer Kraft Zeugnis ablegten. Es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen der Qualität des Gemeindelebens und der Vollmacht der Verkündigung. Man kann sich vorstellen, dass es schwer ist, jemanden zum Herrn zu führen, wenn die Gemeinde, in die der Bekehrte integriert werden soll, abstoßend ist. Aber in Jerusalem war große Gnade auf allen. Diese Gnade ist auch die Voraussetzung dafür, dass man dem Besitz absagen kann, dass man liebt, dass man zu einem Herz und einer Seele wird. Das Beispiel von Jerusalem treibt uns dazu, hektisch Ausreden und Erklärungen dafür zu suchen, warum es bei uns weit unverbindlicher zugeht, wir uns aber trotzdem als bibeltreue Gemeinde sehen – in Wirklichkeit fehlt es aber wahrscheinlich an der tiefen Ergriffenheit von der Gnade Gottes.

Der Erlös des Verkauften wurde den Aposteln zu Füßen gelegt. Gemeinschaft ist Chefsache, könnte man sagen, und es stimmt auch. Aber es steckt noch ein wichtiger Grund dahinter: Niemand soll nach eigenem Gutdünken den Besitz verteilen, sondern es soll von der Gemeindeleitung verteilt werden, deren Aufgabe auch darin besteht, die Nöte in der Gemeinde zu erkennen und zu bewerten. Das ist Hirtendienst in der Praxis. In Kapitel 6 wurde diese Aufgabe dann auf mehrere Schultern verteilt, weil es für die Apostel neben ihrer Predigttätigkeit eine zu große Belastung wurde.

Lag ein Zwang auf der Gemeinde, alles zu verkaufen? Nein, überhaupt nicht! Aber ein Drang. Sie waren von Gottes Gnade ergriffen und gedrängt dazu, alles zu teilen. Aber es stand ihnen frei, ob sie auf dieses Drängen reagieren. Als Ananias und Saphira vor der Gemeinde darin heuchelten, stellte Petrus klar:

(Apg 5,4) Blieb es nicht dein, wenn es so blieb, und war es nicht, nachdem es verkauft war, in deiner Gewalt? Was ist es, dass du dir diese Tat in deinem Herzen vorgenommen hast? Nicht Menschen hast du belogen, sondern Gott.

Es war ihr Besitz. Es war in ihrer Gewalt. Das steht in einer gewissen Spannung zu der obigen Erkenntnis, dass niemand sagte, dass etwas sein eigen war. In derselben Spannung stehen wir auch. Ja, uns gehört eine ganze Menge, aber wie stehen wir dazu? Gott nimmt es uns nicht weg – aber die Liebe Gottes will unseren Blick verändern. Das Problem bei Ananias und Saphira war nicht, dass sie nur halb gegeben haben – das hätten sie ohne weiteres tun können. Zum reichen Mann sagte Jesus, er solle alles verkaufen und den Armen geben – von Zachäus heißt es, er gab die Hälfte seines Vermögens den Armen. Und Jesus sagte:

(Lk 19,9) Heute ist diesem Hause Heil widerfahren,

Große Gnade war auf ihnen allen – heute ist diesem Haus Heil widerfahren. Die veränderte Einstellung zum Besitz ist eine Frucht der Gnade. Ananias und Saphira kamen jedoch nicht aus der Gnade, sondern wollten im Fleisch das tun, wozu es den Geist braucht. Und das Fleisch drängte sie, ebenso hoch angesehen zu werden, wie Barnabas, der offenbar eine sehr große Summe den Aposteln zu Füßen legte. Gott ist sehr scharf ins Gericht gegangen mit ihnen, denn es ist (ich hoffe das ist klar) teuflisch, das Werk der Gnade im Fleisch nachzuäffen. Das muss so hart und scharf gesagt werden, auch als Warnung für jene, die Gütergemeinschaft vielleicht deshalb nachmachen wollen, weil es ihnen anderswo so gut gefallen hat – wenn es nicht der Herr ist, der uns dazu drängt, dann arbeiten wir gegen Ihn.

Wenn wir also Jerusalem betrachten, dann stellen wir eine sehr hohe Qualität von Gemeinschaft fest, die durch die Gnade bewirkt ist. Sie hatten tägliche Gemeinschaft, gemeinsame Mahlzeiten und teilten ihren Besitz. Sie wohnten in eigenen Häusern, aber es waren „offene Häuser“. Sie arbeiteten ein jeder in seinem Beruf, aber wer kein eigenes Einkommen hatte, wurde in allem Notwendigen versorgt. Der Überfluss der einen deckte den Mangel der anderen. Jesus sagte: „Wer nicht allem absagt, kann nicht mein Jünger sein.“ Sind wir Seine Jünger?

Innere Schwierigkeiten in Jerusalem / Gemeinschaft der Zerstreuten außerhalb Jerusalems

Ich habe die Behauptung aufgestellt, dass zur Gründung der Gemeinde in Jerusalem, der Heilige Geist gleich zu Beginn alles geschenkt hat, was zum Gemeindeleben gehört: Die Lehre, das Brotbrechen, Gebete und Gemeinschaft. Wir haben uns sehr bewusst das Thema Gemeinschaft herausgehoben und es in drei Unterpunkten näher betrachtet: Tägliches Beisammensein, Gemeinsame Mahlzeiten und das Teilen der Güter. Das Beispiel von Jerusalem, meine ich weiter, ist richtungsweisend für alle Gemeinden, da hier die tiefste Form von Gemeinschaft einerseits und die konkreteste Verwirklichung von Jesu Worten über den Mammon verwirklicht worden sind. Es ist nicht nur ein Ideal, es war gelebte Wirklichkeit. An dieser Wirklichkeit wären auch wir zu messen.

Nun kann man einwenden, dass es nicht gerade ausgewogen ist, nur von der Jerusalemer Gemeinde auszugehen, denn im Neuen Testament werden viele Gemeinden beschrieben, die bei weitem nicht so konsequent ihre Güter teilten, sich nicht täglich trafen und nicht so oft gemeinsame Mahlzeiten hatten. Kann man daher das Jerusalemer Beispiel herausnehmen und damit das Werk des Heiligen Geistes durch Paulus infrage stellen? Das kann und darf man natürlich nicht. Man darf aber auch nicht unsere Form des Gemeindelebens in die „paulinischen“ Gemeinden rückwirkend hineinlesen. Interessant ist also die Frage, inwiefern sich die neuen Gemeinden an der „Muttergemeinde“ orientierten.

Bevor ich aber darauf – wieder in diesen drei Unterthemen: tägliche Gemeinschaft, Gemeinsame Mahlzeiten, Gütergemeinschaft – eingehe, möchte ich kurz das weitere Schicksal von der Jerusalemer Gemeinde skizzieren. Die inneren Schwierigkeiten, das Verharren im Alten Bund und die Zerstreuung durch die Verfolgung.

Innere Schwierigkeiten

Die Bibel ist in keinster Weise idealisierend in ihren Beschreibungen, denn der Gott der Wahrheit beschönigt nichts – auch nicht Sein eigenes Werk. Er weiß, dass Er mit unvollkommenen Menschen sein Reich bauen will, und da gehören Rückschläge und Fehlentwicklungen dazu. Diese Dinge sind als Vorbild für uns festgehalten, ebenso wie die Wanderungen Israels in der Wüste.

Zwei menschliche Schwächen werden uns direkt berichtet, die sehr typisch sind und uns alle betreffen: Das Fehlverhalten von Ananias und Saphira und die Vernachlässigung der hellenistischen Witwen. Obwohl wir beides bereits angesprochen haben, möchte ich doch kurz darauf zurückkommen, um die zwei Versuchungen der Heuchelei und des Nationalstolzes näher zu behandeln.

(Apg 5,1-11) Ein gewisser Mann aber, mit Namen Ananias, mit Sapphira, seinem Weibe, verkaufte ein Gut und schaffte von dem Kaufpreis beiseite, wovon auch das Weib wußte; und er brachte einen gewissen Teil und legte ihn nieder zu den Füßen der Apostel. Petrus aber sprach: Ananias, warum hat der Satan dein Herz erfüllt, dass du den Heiligen Geist belogen und von dem Kaufpreis des Feldes beiseite geschafft hast? Blieb es nicht dein, wenn es so blieb, und war es nicht, nachdem es verkauft war, in deiner Gewalt? Was ist es, daß du dir diese Tat in deinem Herzen vorgenommen hast? Nicht Menschen hast du belogen, sondern Gott. Als aber Ananias diese Worte hörte, fiel er hin und verschied. Und es kam große Furcht über alle, die es hörten. Die Jünglinge aber standen auf, rafften ihn zusammen und trugen ihn hinaus und begruben ihn. Es geschah aber nach Verlauf von etwa drei Stunden, dass sein Weib hereinkam, ohne zu wissen, was geschehen war. Petrus aber antwortete ihr: Sage mir, ob ihr für so viel das Feld hingegeben habt? Sie aber sprach: Ja, für so viel. Petrus aber [sprach] zu ihr: Was ist es, dass ihr übereingekommen seid, den Geist des Herrn zu versuchen? Siehe, die Füße derer, welche deinen Mann begraben haben, sind an der Tür, und sie werden dich hinaustragen. Sie fiel aber alsbald zu seinen Füßen nieder und verschied. Und als die Jünglinge hereinkamen, fanden sie sie tot; und sie trugen sie hinaus und begruben sie bei ihrem Manne. Und es kam große Furcht über die ganze Versammlung und über alle, welche dies hörten.

Kommt nicht auch große Furcht über uns, wenn wir das lesen? Wahrscheinlich haben wir selbst noch kein derartiges Richten Gottes erlebt, oder wir denken, Er habe damals so streng gerichtet, um uns ein Zeichen zu geben. Sicher, würde Er jedes Mal sofort in derselben Schärfe richten, wären die meisten von uns dahin, oder? Es ist in jedem Fall ein unbequemer Text.

Dabei geht es um eine ganz einfache Sache: Wahrhaftigkeit. Heuchelei zerstört Gemeinschaft, also ist sie ein Kardinalsünde, die unter keinen Umständen toleriert werden darf. Warum kam es aber zu dieser Heuchelei?

Die Ansprüche des Herrn sind sehr hoch. So hoch, dass sie nur in Seiner Kraft und Gnade erfüllt werden können. Die Jerusalemer Gemeinde war von beidem erfüllt, und deshalb war der Standard der Gemeinschaft auch sehr hoch. Wir können das nachempfinden, indem wir uns selbst in diese Gemeinde hineinversetzen und uns vorstellen, was es bedeutet, unsere Eigentumswohnung, unsere Pensionsversicherung, unsere Ersparnisse aufzugeben, um es in die gemeinsame Gemeindekasse zu legen, damit es gleichmäßig nach Bedarf verteilt wird. Das fällt uns schwer, denn wir hängen an unserem Besitz. Vielleicht haben wir einen schönen Skiurlaub geplant und darauf gespart, oder wir wollen uns mit unserem Geld andere Freuden gönnen. Absagen? Allem absagen? Für die Gemeinschaft, damit niemand Mangel leide, damit niemand Überfluss habe?

Ich kann Ananias und seine Frau gut verstehen. Sie legten etwas für sich zurück. Das Überraschende an Petrus’ Worten ist, dass sie das Recht dazu hatten! Es war ihr Geld, es war in ihrer Gewalt! Aber sie heuchelten völlige Hingabe. Sie legten den Erlös zu den Füßen der Apostel, und offenbar wollten sie den Anschein erwecken, alles gegeben zu haben. Ob sie das unter dem Druck taten, dass die Menge der Gläubigen eben ein Herz und eine Seele waren, und sie da nicht auffallen wollten als solche, die „noch Mangel leiden an der Gnade Gottes?“

Es ist eine wichtige Erkenntnis, die daraus ableitbar ist: Gemeinschaft kann überfordernd werden und zur Heuchelei verleiten. Je höher der Standard, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass manche den Schein aufrechterhalten wollen, obwohl ihre innere Wirklichkeit dem noch nicht oder nicht mehr entspricht. Liebe kann kalt werden und Liebe muss auch wachsen. Gibt die Gemeinschaft Raum und Zeit zum Wachsen in der Liebe? Oder erwartet sie von jedem Neubekehrten sofort die völlige Hingabe?

Was nun? War das Gericht Gottes zu harsch? Nein, denn Er kennt die Herzen und darum müssen wir annehmen, dass das Urteil vollkommen gerecht war. Jetzt kennt Gott aber auch unsere Herzen: Wie sieht es bei uns aus? Wie steht es um unsere Einstellung zum Besitz und zu den Geschwistern? Wollen wir wachsen und zunehmen in der Liebe? Oder sind wir am Erkalten? Wir dürfen uns ruhig von dieser Furcht ergreifen lassen, die die Gemeinde damals ergriffen hat, um uns mit dieser Furcht dem Herrn auszuliefern, dass Er unser Herz verändert, damit es uns nicht ebenso geht wie Ananias und Saphira.

Die zweite Versuchung, der wir als Menschen in der Gemeinschaft unterliegen können, sind Nationalitätskonflikte und Standesdünkel.

(Apg 6,1) In diesen Tagen aber, als die Jünger sich vermehrten, entstand ein Murren der Hellenisten gegen die Hebräer, weil ihre Witwen bei der täglichen Bedienung übersehen wurden.

Hier ist ein schwelender Konflikt ans Licht getreten: Die hebräischen Judenchristen, und jene, die eher griechisch geprägt waren, vertrugen sich schon vor der Bekehrung eher schlecht. Die einen waren sehr bewusst in der hebräischen Tradition verankert, pflegten Sprache und Gebräuche der Väter und waren vor ihrer Hinwendung zum Messias zweifellos die treueren Juden. Die Hellenisten haben ihr jüdisches Erbe weitgehend verraten und sich and die griechische Kulturwelt der Antike angeglichen, bewandert in säkularer Bildung, auch in der Kleidung angepasst an die „neue Zeit“ und sie sprachen vorzugsweise griechisch, verwendeten eine Übersetzung der Bibel, aber nicht mehr den hebräischen Text. Wahrscheinlich neigten sie auch eher „liberalen“ Ideen zu, waren offener und auch nicht so bibeltreu wie die Hebräer. Können wir die Konflikte nachvollziehen, nachdem ich sie so skizziert habe? Ich denke, es ist auch heute sehr ähnlich im Verhältnis zwischen eher weltlichen und bewusst abgesonderten Christen.

Jetzt waren beide durch denselben Herrn und Geist zu einem Leib getauft. Da mussten sie lernen, ein Herz und eine Seele zu werden, einander zu lieben und anzunehmen, wie Christus sei geliebt und angenommen hat. Keine leichte Übung, und offenbar genügte eine (wie ich hoffe) nicht einmal böswillige Unachtsamkeit, die als bewusster Akt der Ausgrenzung interpretiert werden konnte, dass ein Streit in der Gemeinde entstand. Die Lösung des Problems bestand schließlich nicht darin, dass man die Gemeinde in einen hebräischen und einen hellenistischen Teil teilte, sondern indem man sich mehr bemühte, wirklich allen die gleiche Liebe und Fürsorge zuteil werden zu lasen. Das ist das letzte Mal, dass wir in der Apostelgeschichte den Begriff „Hellenisten“ im Zusammenhang mit der Gemeinde finden – das Problem wurde wirklich nachhaltig gelöst, die Gemeinde wurde geeint.

Unsere Gemeinde besteht aus vielen Nationalitäten. Geht das spannungsfrei ab? Nein. In den letzten Jahren sind alle rumänischen Geschwister von uns gegangen – ich denke es liegt nicht nur an den Streitfragen, sondern auch an der Mentalität, in der solche behandelt werden. Die vielen Geschwister aus dem arabischen Raum sind auch sehr verschieden von uns, aber wir haben gelernt, mit den Verschiedenheiten umzugehen. In diesem Zusammenhang muss man auch daran denken, dass selbst unter Menschen mit gleicher Nationalität, ein unterschiedliches soziales Niveau zu Spannungen führen kann. Kurz: Es gibt eine Vielzahl an menschlichen Hindernissen für tiefe Gemeinschaft – doch im letzten wissen wir die Verschiedenheiten sehr zu schätzen. Wenn ein Bruder in gebrochenem Deutsch das Wort auslegt, dann spüre ich etwas von seiner Liebe und der Liebe der Geschwister, die sein Zukurzkommen in der Sprache gerne erträgt. Der Geist ist derselbe in ihm wie in uns, und das verbindet. Wenn dann bei den gemeinsamen Mahlzeiten orientalische Köstlichkeiten aufgewartet werden, dann hat die interkulturelle Gemeinschaft noch einen weiteren schönen Beigeschmack.

Ein anderes Beispiel: Eine bulgarische Frau, die sich mittlerweile bekehrt hat, hatte einmal beinahe einen Streit mit einem Missionar, der unter der türkischen Minderheit in Bulgarien gearbeitet hatte. Da kamen alle berechtigten und unberechtigten Vorurteile über diese „Zigeuner“ hoch. Nun, da müssen sie durch, die bulgarischen Gemeinden – es bleibt ihnen ebensowenig erspart wie den Jerusalemer Hebräern, eins zu werden mit den Hellenisten in Christus.

Unterscheide dürfen nicht unter den Teppich gekehrt werden. Man muss sich ihnen offen stellen und dabei anerkennen, dass auch die Mentalität der ewig grantigen Wiener nicht für jeden leicht zu verkraften ist.

Diese beiden Beispiele in der Jerusalemer Gemeinde zeigen, dass Gemeinde und Gemeinschaft hart erarbeitet werden müssen. Es gibt in uns Widerstände, die wir vor den Herrn bringen müssen, damit Er uns in Sein Bild verwandelt. Er ist es, der mit allen Menschen an einem Tisch sitzen will – vom Osten und vom Westen – im Reich Seines Vaters. Unsere Gemeinschaft soll ein Abbild und Vorgeschmack der himmlischen Zukunft sein.

Verharren in den alten Formen – die Frage nach der Beschneidung

Eng mit dem letzten Abschnitt verbunden ist die Bereitschaft, die Christen aus den Nationen aufzunehmen. Allerdings ist es für die Jerusalemer noch schwieriger gewesen, sich darauf einzustellen, weil sie den neuen Bund noch immer als Teil des Alten Bundes gesehen hatten. Aber Gott hatte mit dem Neuen Bund den Alten vollendet und beendet. Die Grundlagen des Neuen Bundes sind die Neue Geburt, das Gesetz im Herzen der Menschen, der Geist und nicht mehr der Buchstabe; die Beschneidung des Herzens trat anstelle der Beschneidung der Vorhaut.

Es war erst nach der ersten großen Verfolgung, als die Jerusalemer Christen zerstreut wurden, dass das Evangelium auch Nichtjuden zugänglich gemacht wurde; zuerst den Samaritern, dann dem äthiopischen Kämmerer. Aber die generelle Aufnahme der unbeschnittenen Heidenvölker in die Gemeinde war eine so große Hürde, dass selbst Petrus von Gott durch eine dreifache Vision überzeugt werden müsste:

(Apg 10,:9-17) Des folgenden Tages aber, während jene reisten und sich der Stadt näherten, stieg Petrus um die sechste Stunde auf das Dach, um zu beten. Er wurde aber hungrig und verlangte zu essen. Während sie ihm aber zubereiteten, kam eine Entzückung über ihn. Und er sieht den Himmel geöffnet und ein gewisses Gefäß, gleich einem großen leinenen Tuche, herabkommen, an vier Zipfeln [gebunden und] auf die Erde herniedergelassen, in welchem allerlei vierfüßige und kriechende Tiere der Erde waren und das Gevögel des Himmels. Und eine Stimme geschah zu ihm: Stehe auf, Petrus, schlachte und iss! Petrus aber sprach: Keineswegs, Herr! Denn niemals habe ich irgend etwas Gemeines oder Unreines gegessen. Und wiederum geschah eine Stimme zum zweiten Male zu ihm: Was Gott gereinigt hat, mache du nicht gemein! Dieses aber geschah dreimal; und das Gefäß wurde alsbald hinaufgenommen in den Himmel. Als aber Petrus bei sich selbst in Verlegenheit war, was doch das Gesicht sein möchte, das er gesehen hatte, siehe, da standen die Männer, welche von Kornelius gesandt waren und Simons Haus erfragt hatten, vor dem Tore;

Es geht wieder ums Essen. Gott verwendet bewusst diese Vision, denn das Ziel ist, dass die „Unreinen“ in die Gemeinschaft aufgenommen würden, und das bedeutet, mit ihnen zu essen. Gott ließ Petrus nicht viel Zeit darüber nachzudenken, Er konfrontierte ihn unmittelbar mit der Auslegung dieser Vision in der Praxis. Petrus folgte den Männern und predigte im Haus des Kornelius. Gott bestätigte durch das sichtbare Kommen des Geistes, dass Er sie aufgenommen hatte – also sah Petrus keinen Grund mehr, sie nicht zu taufen. Allerdings musste er sich in Jerusalem sehr strengen Fragen stellen:

(Apg 11,1-3) Die Apostel aber und die Brüder, die in Judäa waren, hörten, dass auch die Nationen das Wort Gottes angenommen hätten; und als Petrus nach Jerusalem hinaufkam, stritten die aus der Beschneidung mit ihm und sagten: Du bist zu Männern eingekehrt, die Vorhaut haben, und hast mit ihnen gegessen.

Hier werden zwei Aspekte der Gemeinschaft angesprochen, die geklärt gehörten. Wenn Gott die Unbeschnittenen errettet, wie sollen diese in die praktische Gemeinschaft aufgenommen werden? Wie kann man in das Haus eines Unreinen gehen? Wie kann man mit ihnen essen? Ich denke, wir können es nachvollziehen, wenn wir uns vorstellen, dass Paulus noch keine Briefe geschrieben hatte, und sich das Glaubensleben der Gemeinde noch vollständig in den äußeren Formen des Judentums bewegte.

Im Vordergrund stand hier die Beschneidung, d.h. die Frage, ob man zuerst Jude werden musste, ehe man Christ werden konnte. Es dauerte noch einige Zeit, ehe – aufgrund von harten Streitigkeiten in Antiochien – dieses Thema in Jerusalem (von den Aposteln und Ältesten) entschieden wurde:

(Apg 15,1-2 und 7-21) Und etliche kamen von Judäa herab und lehrten die Brüder: Wenn ihr nicht beschnitten worden seid nach der Weise Moses’, so könnt ihr nicht errettet werden. Als nun ein Zwiespalt entstand und ein nicht geringer Wortwechsel zwischen ihnen und dem Paulus und Barnabas, ordneten sie an, dass Paulus und Barnabas und etliche andere von ihnen zu den Aposteln und Ältesten nach Jerusalem hinaufgehen sollten wegen dieser Streitfrage.

… Als aber viel Wortwechsel entstanden war, stand Petrus auf und sprach zu ihnen: Brüder ihr wisset, dass Gott vor längerer Zeit mich unter euch auserwählt hat, dass die Nationen durch meinen Mund das Wort des Evangeliums hören und glauben sollten. Und Gott, der Herzenskenner, gab ihnen Zeugnis, indem er ihnen den Heiligen Geist gab, gleichwie auch uns; und er machte keinen Unterschied zwischen uns und ihnen, indem er durch den Glauben ihre Herzen reinigte. Nun denn, was versuchet ihr Gott, ein Joch auf den Hals der Jünger zu legen, das weder unsere Väter noch wir zu tragen vermochten? Sondern wir glauben durch die Gnade des Herrn Jesus in derselben Weise errettet zu werden wie auch jene. Die ganze Menge aber schwieg und hörte Barnabas und Paulus zu, welche erzählten, wie viele Zeichen und Wunder Gott unter den Nationen durch sie getan habe. Nachdem sie aber ausgeredet hatten, antwortete Jakobus und sprach: Brüder, höret mich! Simon hat erzählt, wie Gott zuerst die Nationen heimgesucht hat, um aus ihnen ein Volk zu nehmen für seinen Namen. Und hiermit stimmen die Worte der Propheten überein, wie geschrieben steht: “Nach diesem will ich zurückkehren und wieder aufbauen die Hütte Davids, die verfallen ist, und ihre Trümmer will ich wieder bauen und sie wieder aufrichten; damit die übrigen der Menschen den Herrn suchen, und alle Nationen, über welche mein Name angerufen ist, spricht der Herr, der dieses tut”, was von jeher bekannt ist. Deshalb urteile ich, dass man diejenigen, welche sich von den Nationen zu Gott bekehren, nicht beunruhige, sondern ihnen schreibe, dass sie sich enthalten von den Verunreinigungen der Götzen und von der Hurerei und vom Erstickten und vom Blute. Denn Moses hat von alten Zeiten her in jeder Stadt solche, die ihn predigen, indem er an jedem Sabbath in den Synagogen gelesen wird.

Zum einen geht es um die Frage, wie man errettet wird, was eine überaus wichtige und ernste Frage ist. Man darf, denke ich, den strengen Judenchristen keinen Vorwurf machen, dass sie aus ihrer Erkenntnis heraus auf die Beschneidung bestanden. Aber es ist allen hoch anzurechen, dass sie die Frage gemeinsam lösen wollten – nicht indem sie zwei verschiedene Gemeinden bildeten und die Bewegung teilten, sondern indem sie Voraussetzungen zur Gemeinschaft definierten. Drei Voraussetzungen sind es: Dass sie Gottes Führung anerkennen, dass sie in der Schrift Bestätigung dafür finden und dass sie Ordnungen festlegen, die notwendig sind, damit man gemeinsam essen kann (Blut, Ersticktes)! Wiederum geht es um die praktische Gemeinschaft. Ferner geht es um die Frage der Reinheit – das heißt Verunreinigungen von Götzen und durch Ehebruch; damit man in das Haus der Heidenchristen eintreten kann.

Auch daran wäre die Gemeinde fast zerbrochen, aber der Geist Gottes hat Einheit geschenkt. Diese Gemeinschaft war dann auch in Zeiten der Not tragfähig, als die Gemeinden aus den Heidenchristen Geld zusammenlegten, um der in Hungersnot geratenen Jerusalemer Gemeinde zu helfen. Hier war Liebe und Gemeinschaft auch von der anderen Seite lebendig. Als Paulus mit der Liebesgabe nach Jerusalem kam, nahm ihn Jakobus beiseite. Bei dieser Begebenheit wird ein sehr schwerwiegender Schwachpunkt der Jerusalemer Gemeinde deutlich:

(Apg 21,17-25) Als wir aber zu Jerusalem angekommen waren, nahmen uns die Brüder freudig auf. Des folgenden Tages aber ging Paulus mit uns zu Jakobus, und alle Ältesten kamen dahin. Und als er sie begrüßt hatte, erzählte er eines nach dem anderen, was Gott unter den Nationen durch seinen Dienst getan hatte. Sie aber, als sie es gehört hatten, verherrlichten Gott und sprachen zu ihm: Du siehst, Bruder, wie viele Tausende der Juden es gibt, welche glauben, und alle sind Eiferer für das Gesetz. Es ist ihnen aber über dich berichtet worden, dass du alle Juden, die unter den Nationen sind, Abfall von Moses lehrest und sagest, sie sollen die Kinder nicht beschneiden, noch nach den Gebräuchen wandeln. Was ist es nun? Jedenfalls muss eine Menge zusammenkommen, denn sie werden hören, dass du gekommen bist. Tue nun dieses, was wir dir sagen: Wir haben vier Männer, die ein Gelübde auf sich haben. Diese nimm zu dir und reinige dich mit ihnen und trage die Kosten für sie, damit sie das Haupt scheren lassen; und alle werden erkennen, dass nichts an dem ist, was ihnen über dich berichtet worden, sondern dass du selbst auch in der Beobachtung des Gesetzes wandelst. Was aber die Gläubigen aus den Nationen betrifft, so haben wir geschrieben und verfügt, dass

sie sich sowohl vor dem Götzenopfer als auch vor Blut und Ersticktem und Hurerei bewahrten.

Misstrauen und Gerüchte. Irgendwie dürften die Jerusalemer Mühe gehabt haben, dem Werk Gottes durch Paulus zu folgen; aber mittlerweile sind bereits Jahre der Heidenmission im Segen verlaufen, und Gott hat über die Entscheidung von Kapitel 15 hinaus weiter geführt. Die Gemeinde in Jerusalem war offenbar recht starr, fest verwurzelt in „den Gebräuchen der Väter“, Eiferer für das Gesetz. Dieser Gemeinde war schließlich der Hebräerbrief gewidmet, den Paulus in Hebräisch verfasste und den Lukas übersetzte (so jedenfalls nach dem Zeugnis von Origenes aus dem 3. Jhdt.).

Misstrauen und Gerüchte, gepaart mit einer extrem konservativen und unflexiblen Haltung sind gemeinschaftsgefährdend, und es ist Paulus sehr hoch anzurechnen, dass er bereit war, sich den Ältesten in Jerusalem unterzuordnen, um die Gemeinde nicht gegen deren (mangelhafte) Erkenntnis zu Fall zu bringen. Die Starken müssen auf die Schwachen Rücksicht nehmen. Der Fortgeschrittene, darf die Nachzügler nicht überfordern. Gott geht mit jedem einzelnen das Tempo, das er gehen kann. Das ist die eine Seite. Andererseits muss jeder Christ und jede Gemeinde – besonders aber die Ältesten und Hirten einer Gemeinde – offen bleiben für die Führung des Herrn. Wir müssen bereit sein, Gewohntes und bisher Gültiges immer neu zu hinterfragen – nicht als ob immer alles anders sein würde, sondern dahingehend, ob wir den immer-gleichen Willen Gottes ausreichend verstanden und befolgt haben.

Es ist gut, in einer bibeltreuen „Mainstream“-Gemeinde zu sein, um ein Beispiel von der anderen Seite zu nehmen – aber ist damit der Wille Gottes erfüllt? Vielleicht sehen auch wir mit Skepsis und Misstrauen auf andere, radikalere oder ausgefallenere christliche Gemeinden, ohne zu fragen, ob die nicht etwas erkannt haben, was uns noch fehlt? Die Auseinandersetrzung mit den Hutterern ist für mich so eine Anfrage an meinen bisherigen Weg; aber auch die Auseinandersetzung mit den Brüdergemeinden hat mich weitergebracht. Der Sachsenplatz oder das Liechtental wären nie entstanden, wenn es nicht einigen klar geworden wäre, dass „mehr“ möglich ist, als in der Tulpengasse gelebt wurde. Die Haltung in der Auseinandersetzung mit Christen anderer Erkenntnis soll die eines gemeinsamen Lernens sein, nicht die eines selbstsicheren Herabblickens auf die Mängel anderer. Im letzten müssen wir alle wie Maria zu den Füßen Jesu sitzen, um von Ihm zu lernen. Haben wir ausgelernt? Nein, natürlich nicht! Also: Wohin möchte der Herr uns als nächstes führen? Sind wir offen dafür, oder verharren wir in den „Gebräuchen der Väter“?

Kurz vor dem Fall Jerusalems verließ die Gemeinde geschlossen die Stadt. Als sie nach 70 zurückkehrten, wurden sie unter dem Namen „Ebioniten“ („die Armen“) bekannt. Sie verwendeten bald ihr eigenes Evangelium (das Ebioniten-Evangelium) und wurden binnen kurzem zu einer christlichen Sekte, die schließlich verschwunden ist.

Die Zerstreuung (Diaspora)

Es gibt innere Feine und äußere Feinde. Die inneren können wir in der Kraft des Geistes überwinden – dafür gab die Gemeinde in Jerusalem einige Beispiele. Aber es gibt auch die Gefahr der Erstarrung in den alten Formen. Auch hier ist uns die Urgemeinde eine Warnung. Was die äußeren Feinde betrifft, werden diese umso aggressiver, je treuer wir den Weg Christi gehen. Wer gottselig leben will, wird verfolgt werden – das ist eine geistliches Naturgesetz. Hier ist Gebet angebracht und eine Haltung im Geist der Bergpredigt. Wenn das Blut der Märtyrer der Same der Kirche ist, wenn das Weizenkorn sterben muss, um Frucht zu bringen, dann müssen wir – wie unser Herr und Meister – unseren Rücken den Schlagenden bieten. Ohne zu murren oder anzuklagen.

Halten wir kurz inne, ehe wir uns wieder Jerusalem zuwenden. Entspricht das eben Gesagte unserer Vorstellung von einem gesegneten christlichen Leben? Ist diese Möglichkeit in unserem Blickfeld? Rechnen wir mit Verfolgung? Ja, mehr noch: Sind wir bereit, Verfolgung zu provozieren durch einen radikalen christlichen Wandel? Wenn nicht, dann haben wir den Herrn Jesus nicht wirklich verstanden, als Er sagte:

(Mt 10,16-18) Siehe, ich sende euch wie Schafe inmitten von Wölfen; so seid nun klug wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben. Hütet euch aber vor den Menschen; denn sie werden euch an Synedrien überliefern und in ihren Synagogen euch geißeln; und auch vor Statthalter und Könige werdet ihr geführt werden um meinetwillen, ihnen und den Nationen zum Zeugnis.

Haben wir richtig gelesen? Der Herr Jesus ist es, der uns mitten unter die Wölfe schickt. Der Sendende rechnet damit, dass wir das Schicksal von Schafen erleiden werden, die unter Wölfe geraten. Er mutet uns das zu bewusst zu, um den Nationen ein Zeugnis zu geben. Vielleicht müssen wir da unser Bild vom „Guten Hirten“ um eine ganz wesentliche Facette erweitern. Er hat den Tod überwunden, indem er selbst als Lamm den Wölfen ausgeliefert war – und wir sollen in Seine Fußstapfen treten. Wir können das getrost tun, weil auch über uns der Tod keine Macht hat. Glauben wir das? Dann gilt auch uns die Verheißung der Bergpredigt:

(Mt 5,11-12) Glückselig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und jedes böse Wort lügnerisch wider euch reden werden um meinetwillen. Freuet euch und frohlocket, denn euer Lohn ist groß in den Himmeln; denn also haben sie die Propheten verfolgt, die vor euch waren.

Verfolgung ist also Grund zur Freude, denn wir erwarten Lohn im Himmel. Allerdings kostet es uns hier das Leben. Wir verlieren hier ein Leben, das wir ohnedies nicht behalten können, um eines zu erhalten, dass wir in dieser Welt nicht finden können. Sterben, das mag kurz und schmerzlos oder langsam und qualvoll geschehen, es ist im ganzen doch ein eher schnelles Ende. Darauf können wir uns vielleicht leichter einstellen. Verfolgung bedeutet aber nicht immer gleich den Tod. Verfolgung kann Gefängnis, Einsamkeit und Verlust von Besitz einschließen, Traurigkeiten und Mangel, der uns über Jahre begleitet. Und doch dürfen wir darin frohlocken, sagt der Herr.

Die Gemeinde in Jerusalem war sehr bald mit Verfolgung konfrontiert:

(Apg 8,1-4) Es entstand aber an jenem Tage eine große Verfolgung wider die Versammlung, die in Jerusalem war; und alle wurden in die Landschaften von Judäa und Samaria zerstreut, ausgenommen die Apostel. Gottesfürchtige Männer aber bestatteten den Stephanus und stellten eine große Klage über ihn an. Saulus aber verwüstete die Versammlung, indem er der Reihe nach in die Häuser ging; und er schleppte sowohl Männer als Weiber fort und überlieferte sie ins Gefängnis. Die Zerstreuten nun gingen umher und verkündigten das Wort.

Der Missionsbefehl des Herrn Jesus besagte, dass die Botschaft von Jerusalem ausgehend über Judäa und Samaria bis an die Enden der Erde gebracht werden sollte. Ich habe oft die Meinung gehört, dass die Jerusalemer Gemeinde ungehorsam war und deshalb zerstreut wurde. Sie hätten sich abgekapselt in ihrer tollen Gemeinschaft und den Auftrag vernachlässigt – allen voran die Apostel, die selbst in der Verfolgung ihren Fuß nicht aus der Stadt hinausbewegten. Ich teile diese Sicht aus folgenden Gründen nicht:

Zuerst hat der Herr zu Pfingsten sehr viele Menschen angesprochen und bekehrt, die aus allen Nationen zum großen Fest nach Jerusalem angereist waren – diese gingen danach wenigstens großteils zurück in ihre Heimat. Da haben sich zwar vielleicht messianische Kreise gebildet, aber keine Gemeinden, da die Lehre der Apostel zuerst in Jerusalem gefestigt worden ist.

Zweitens hat der Herr in Jerusalem täglich zu dieser Gemeinde hinzugetan und ihr Bemühen um Gemeinschaft nicht nur durch den Geist entflammt, sondern auch durch Vollmacht, Zeichen und Wunder bestätigt.

Drittens wurde in dieser Gemeinschaft der Glaube der Jünger sehr gefestigt, er wurde in der Praxis eingeübt, und aus dieser gelebten Gemeinschaft heraus wurden standfeste Christen, die – dann zerstreut – fähig und bereit waren, nicht nur von der Auferstehung Jesu zu reden, sondern zugleich die Grundlagen für biblischen Gemeindebau mitzubringen! Sie haben täglich die Bruderliebe geübt. Sie waren gefestigt in der Apostellehre, waren gewöhnt zu teilen, in Gemeinschaft zu beten, das Brot zu brechen. Um wieviel voller war ihr Zeugnis also als das jener, die nach der Bekehrung zu Pfingsten sofort wieder in ihr Heimat zurückgezogen sind?

Die Zerstreuten gingen also umher und predigten. Nun war in Samaria eine Sache besonders, die sehr wichtig ist. Die Menschen bekehrten sich, erhielten aber nicht den Heiligen Geist.

(Apg 8,14-17) Als aber die Apostel, welche in Jerusalem waren, gehört hatten, dass Samaria das Wort Gottes angenommen habe, sandten sie Petrus und Johannes zu ihnen; welche, als sie hinabgekommen waren, für die beteten, damit sie den Heiligen Geist empfangen möchten; denn er war noch nicht auf einen von ihnen gefallen, sondern sie waren allein getauft auf den Namen des Herrn Jesus. Dann legten sie ihnen die Hände auf, und sie empfingen den Heiligen Geist.

Das hat mit Gemeinschaft zu tun. Die Samariter waren den Juden verhasst – schlimmer als die Hellenisten, vielleicht auch schlimmer als die Nationen. Die Apostel sind die Beauftragten und Gesandten des Herrn Jesus, die Fundamentsteine der Gemeinde sind (Eph 2,20). Gemeinde darf kein Wildwuchs sein – und auch der Geist weht in dieser Hinsicht nicht, wo Er will. Das Ziel ist eine Gemeinde aus allen Völkern, Sprachen, Nationen und Stämmen zu bilden, die durch einen Geist in einen Leib getauft sind. Es ist also ganz wichtig, dass die Apostel, die ja bis heute die anerkannte Leitung der Gemeinde sind, die Samariter offiziell als vollwertige Christen in die Gemeinde aufnahmen. Ebenso musste Petrus die Heidenmission offiziell „eröffnen“, als er Kornelius taufte.

Durch die Zerstreuung kam es also zur ersten Missionswelle. Die Verfolgung selbst wird nur kurz skizziert, es wird nicht viel Aufhebens darum gemacht. Wichtig ist das Zeugnis – wie es auch bei Jesu Worten in Mt 10 war. Die Verfolgung ist eine Missionsstrategie, die dem Widersacher das Gefühl gibt, die Macht zu haben, während sie im gerade durch das bereitwillige Leiden der Schafe entzogen wird.

Nachdem Petrus in Kapitel 11 seine Sendung zu Kornelius gerechtfertigt hatte, ist wieder von den Zerstreuten die Rede:

(Apg 11,19-26) Die nun zerstreut waren durch die Drangsal, welche wegen Stephanus entstanden war, zogen hindurch bis nach Phönicien und Cypern und Antiochien und redeten zu niemand das Wort, als allein zu Juden. Es waren aber unter ihnen etliche Männer von Cypern und Kyrene, welche, als sie nach Antiochien kamen, auch zu den Griechen redeten, indem sie das Evangelium von dem Herrn Jesus verkündigten. Und des Herrn Hand war mit ihnen, und eine große Zahl glaubte und bekehrte sich zu dem Herrn. Es kam aber die Rede von ihnen zu den Ohren der Versammlung, die in Jerusalem war, und sie sandten Barnabas aus, dass er hindurchzöge bis nach Antiochien; welcher, als er hingekommen war und die Gnade Gottes sah, sich freute und alle ermahnte, mit Herzensentschluß bei dem Herrn zu verharren. Denn er war ein guter Mann und voll Heiligen Geistes und Glaubens; und eine zahlreiche Menge wurde dem Herrn hinzugetan. Er zog aber aus nach Tarsus, um Saulus aufzusuchen; und als er ihn gefunden hatte, brachte er ihn nach Antiochien. Es geschah ihnen aber, dass sie ein ganzes Jahr in der Versammlung zusammenkamen und eine zahlreiche Menge lehrten, und dass die Jünger zuerst in Antiochien Christen genannt wurden.

Dass eine heidenchristliche Gemeinde in Antiochien entstand ist eine direkte Frucht der Zerstreuung aus Kapitel 8. Zwar waren die meisten Christen nach wie vor äußerst zurückhaltend, was die Kontakte zu den Heiden betraf, doch einige sprangen über ihren Schatten; zumal ja mittlerweile geklärt war, dass Gott auch den Nationen die Buße zum leben gegeben hatte.

Die Apostel sandten einen zuverlässigen Bruder aus, um das Werk des Geistes zu bestätigen – es ist wiederum dasselbe Prinzip wie in Samaria: Es geht darum, die Gemeinschaft offiziell zu machen. Spätestens in Antiochien sehen wir, dass die zerstreuten Jerusalemer nicht nur das „einfache“ Evangelium predigten, sondern auch ein Verständnis von Gemeinde prägten. Da ist die Rede von der Gnade, vom Verharren, vom zusammenkommen und von der Lehre; und davon, dass sie von den Außenstehenden als eine Gruppe wahrgenommen wurden und den Namen „Christen“ erhielten. Von Antiochien aus wurden schließlich Saulus und Barnabas auf ihre Missionsreisen entsandt.

Die zerstreuten Christen fanden sich nun in einer völlig neuen Situation wieder. Die Gemeinschaft, wie sie sie gekannt hatten, war verwüstet – wie sollten sie nun weitermachen als Gemeinde? Petrus und Jakobus sprechen in ihren Briefen diese Christen direkt an. Was erfahren wir in ihren Briefen über die Gemeinschaft der Zerstreuten?

(1 Petr 1,1-2) Petrus, Apostel Jesu Christi, den Fremdlingen von der Zerstreuung von Pontus, Galatien, Kappadocien, Asien und Bithynien, auserwählt nach Vorkenntnis Gottes, des Vaters, durch Heiligung des Geistes, zum Gehorsam und zur Blutbesprengung Jesu Christi: Gnade und Friede sei euch vermehrt!

Zuerst sehen wir, dass Petrus noch wusste, wo sie sich aufhielten. Er war als sorgsamer Hirte darauf bedacht, den Kontakt aufrechtzuerhalten und Verbindungen zu knüpfen. Den Zerstreuten ruft er zu, dass sie erwählt sind und Gott alles kennt, und malt ihnen ihre Berufung und ihre Vorrechte vor Augen, damit sie daran festhalten und Frieden haben.

(1 Petr 1,5-7) die ihr durch Gottes Macht durch Glauben bewahrt werdet zur Errettung, die bereit ist, in der letzten Zeit geoffenbart zu werden; worin ihr frohlocket, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es nötig ist, betrübt seid durch mancherlei Versuchungen; auf dass die Bewährung eures Glaubens, viel köstlicher als die des Goldes, das vergeht, aber durch Feuer erprobt wird, erfunden werde zu Lob und Herrlichkeit und Ehre in der Offenbarung Jesu Christi;

Er spielt auf die Verfolgung an und erinnert sie an die damit verbundenen Verheißungen. Sie dürfen frohlocken! Gott bewahrt sie und bringt sie ans Ziel.

(1 Petr 1,13-14) Deshalb umgürtet die Lenden eurer Gesinnung, seid nüchtern und hoffet völlig auf die Gnade, die euch gebracht wird bei der Offenbarung Jesu Christi; als Kinder des Gehorsams bildet euch nicht nach den vorigen Lüsten in eurer Unwissenheit,

Sie sind jetzt mehr auf sich gestellt als zuvor. Dadurch stehen sie in der Gefahr, in ihren alten Lebensstil zurückzufallen. Petrus erinnert sie an das Passah (das Umgürten der Lenden), und vergleicht damit die Zerstreuung mit dem Auszug aus Ägypten. Sie sind nun in der Wüste und müssen sich dementsprechend darauf einstellen.

(1 Petr 1,22) Da ihr eure Seelen gereinigt habt durch den Gehorsam gegen die Wahrheit zur ungeheuchelten Bruderliebe, so liebet einander mit Inbrunst aus reinem Herzen,

Gerade durch die Zerstreuung müssen sie noch viel mehr dazu aufgerufen werden, die Brüder beständig und inbrünstig zu lieben – und das bedeutet, das Leben für sie hinzugeben, teilen der Güter je nach dem einer Not hat, besuchen, trösten, ermuntern. Kurz: Gemeinschaft in seiner ganzen Bandbreite. Allerdings ist die Situation nun anders. Nun sind sie nicht mehr in Jerusalem, wo sie als ganze Gemeinde täglich im Tempel zusammenkamen, sondern mehr oder weniger große Gruppen von Versprengten, die ein Zentrum suchen mussten, wo sie zusammenkommen konnten:

(1 Petr 2,4-5) Zu welchem kommend, als zu einem lebendigen Stein, von Menschen zwar verworfen, bei Gott aber auserwählt, kostbar, werdet auch ihr selbst, als lebendige Steine, aufgebaut, ein geistliches Haus, ein heiliges Priestertum, um darzubringen geistliche Schlachtopfer, Gott wohlannehmlich durch Jesum Christum.

Es war gut, dass der sichtbare Tempel nicht mehr zugänglich war für sie, denn das machte den Blick frei auf den geistlichen Tempel, dessen Eckstein der Herr Jesus ist. Er ist die Mitte, das neue Zentrum, der Ort der Gemeinschaft. Wo immer zwei oder drei in Seinem Namen (zu Ihm hin) zusammenkommen, ist Er in der Mitte (Mt 18,20). Interessant ist hier die Aufforderung, sich selbst als Steine einbauen zu lassen. Petrus fordert die Zerstreuten auf, Gemeinde zu bilden, Gemeinschaft zu leben – und das weist sie zurück auf die Gemeinschaft in Jerusalem. Nur, dass sie jetzt selbst der Tempel und das Priestertum sein sollen. Sie sollen geistliche Schlachtopfer bringen, und damit wird der neue Bund verwirklicht, der den Alten Bund und die blutigen Opfer des irdischen Tempels abgelöst hat.

(1 Peter 2:11-17) Geliebte, ich ermahne euch als Fremdlinge und als die ihr ohne Bürgerrecht seid, dass ihr euch enthaltet von den fleischlichen Lüsten, welche wider die Seele streiten, indem ihr euren Wandel unter den Nationen ehrbar führet, auf dass sie, worin sie wider euch als Übeltäter reden, aus den guten Werken, die sie anschauen, Gott verherrlichen am Tage der Heimsuchung. Unterwerfet euch [nun] aller menschlichen Einrichtung um des Herrn willen: es sei dem Könige als Oberherrn, oder den Statthaltern als denen, die von ihm gesandt werden zur Bestrafung der Übeltäter, aber zum Lobe derer, die Gutes tun. Denn also ist es der Wille Gottes, dass ihr durch Gutestun die Unwissenheit der unverständigen Menschen zum Schweigen bringet: als Freie, und die nicht die Freiheit zum Deckmantel der Bosheit haben, sondern als Knechte Gottes. Erweiset allen Ehre; liebet die Brüderschaft; fürchtet Gott; ehret den König.

Fremdling und ohne Bürgerrecht ist hier ein sehr realer, irdischer Zustand. Auch wenn er eine geistliche Bedeutung hat (wir sind alle Fremde in dieser Welt), waren sie als Zerstreute oft buchstäblich Ausländer und von daher besonders dem Argwohn der Nachbarn ausgesetzt. Durch Sprache und Gewohnheiten fielen sie als „Judäer“ auf in den Gegenden, in die der Herr sie zerstreut hatte. Aber nicht dadurch sollen sie als Gruppe auffallen, sondern durch Heiligkeit. Die Menschen sollen an ihren guten Werken Gottes erkennen, und Ihn verherrlichen – das geht nur, wenn sie als Gemeinde ein gemeinsames Zeugnis sind. Darum ist die Bruderliebe wieder genannt, die die Basis für die Gemeinschaft ist. Weiter unten noch einmal:

(1 Petr 3,8) Endlich aber seid alle gleichgesinnt, mitleidig, voll brüderlicher Liebe, barmherzig, demütig,

Und wieder:

(1 Petr 4,7-11) Es ist aber nahe gekommen das Ende aller Dinge. Seid nun besonnen und seid nüchtern zum Gebet. Vor allen Dingen aber habt untereinander eine inbrünstige Liebe, denn die Liebe bedeckt eine Menge von Sünden. Seid gastfrei gegeneinander ohne Murren. Je nachdem ein jeder eine Gnadengabe empfangen hat, dienet einander damit als gute Verwalter der mancherlei Gnade Gottes. Wenn jemand redet, so rede er als Aussprüche Gottes; wenn jemand dient, so sei es als aus der Kraft, die Gott darreicht, auf dass in allem Gott verherrlicht werde durch Jesum Christum, welchem die Herrlichkeit ist und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Wer Jerusalem erlebt hat, weiß worauf Petrus hinaus will: Verwirklicht so viel als möglich von dem, was Gott mit Gemeinschaft meint. Ja, es ist schwieriger geworden in der Zerstreuung. Gastfreundschaft ist mit mehr Aufwand verbunden, darum ganz deutlich: Murrt nicht dabei. Tut alles aus der Liebe heraus; dient einander mit allem, was Gott euch geschenkt hat. Betet miteinander – seid nüchtern zum Gebet: Also ernst und klar zur Kenntnis nehmen, dass wir in allem auf Gottes Hilfe angewiesen sind; darum muss gebetet werden; auch wenn es ein Kampf ist, in Zeiten wie diesen zum Gebet zusammenzukommen. Doch dadurch wird Gott verherrlicht, wenn Seine Gemeinde in Liebe sichtbar wird.

Die Gemeinde soll wieder aufgebaut werden. Unter Verfolgung und Schwierigkeiten sollen dennoch die Zerstreuten wieder gesammelt werden und deshalb schreibt Petrus gegen Ende des Briefes an die Ältesten:

(1 Petr 5,1-3) Die Ältesten, die unter euch sind, ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden des Christus und auch Teilhaber der Herrlichkeit, die geoffenbart werden soll: Hütet die Herde Gottes, die bei euch ist, indem ihr die Aufsicht nicht aus Zwang führet, sondern freiwillig, auch nicht um schändlichen Gewinn, sondern bereitwillig, nicht als die da herrschen über ihre Besitztümer, sondern indem ihr Vorbilder der Herde seid.

Die Hirten haben die Aufgabe, die Herde zusammenzuhalten und zu hüten. In Zeiten der Zerstreuung kommt ihrem Dienst eine ganz große Bedeutung zu, weil sie nachgehen und suchen müssen, weil zu zusammenführen und zusammenhalten müssen. Es geht nicht um ihren Besitz, sondern um die Herde Gottes, von der sie selbst Teil sind. Als reifere Christen sollen sie in allem ein Vorbild sein.

Das war ein kurzer Querschnitt durch den ersten Petrusbrief, der uns zeigt, dass die Zerstreuung nicht einfach hingenommen wird. Das Ziel ist eine möglichst gute, tragfähige Gemeinschaft zu bilden; die Zerstreuten sollen wieder gesammelt werden und als Herde Gottes, als berufenes Volk Gottes, als geistlicher Tempel und königliche Priesterschaft ein gemeinsames und gemeinschaftliches Zeugnis in dieser Welt sein.

Der zweite Brief, der sich direkt an die Zerstreuten richtet, stammt von Jakobus, dem Bruder des Herrn:

(Jak 1,1-4) Jakobus, Knecht Gottes und des Herrn Jesus Christus, den zwölf Stämmen, die in der Zerstreuung sind, seinen Gruß! Achtet es für lauter Freude, meine Brüder, wenn ihr in mancherlei Versuchungen fallet, da ihr wisset, dass die Bewährung eures Glaubens Ausharren bewirkt. Das Ausharren aber habe ein vollkommenes Werk, auf dass ihr vollkommen und vollendet seid und in nichts Mangel habt.

Auch Jakobus sagt den Zerstreuten, dass sie sich freuen sollen – die Versuchungen sind wohl die Prüfungen durch die Verfolgung. Niemand soll Versuchungen zur Sünde Gott zuschreiben oder sich darüber freuen; aber die Prüfungen der Verfolgung bringen Bewährung des Glaubens. Jakobus hat einen völlig anderen Stil als Petrus. Er spricht in sehr eindringlicher Sprache vom gehorsamen Glauben; aber er geht auch auf Gemeindethemen ein.

(Jak 1,26-27) Wenn jemand sich dünkt, er diene Gott, und zügelt nicht seine Zunge, sondern betrügt sein Herz, dessen Gottesdienst ist eitel. Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott und dem Vater ist dieser: Waisen und Witwen in ihrer Drangsal besuchen, sich selbst von der Welt unbefleckt erhalten.

Jakobus stellt den nutzlosen Gottesdienst dem reinen Gottesdienst gegenüber und greift dabei ein zentrales Anliegen der Urgemeinde auf: Das Versorgen der Witwen und Waisen und die Absonderung. Das eine ist die praktische Liebe innerhalb der Gemeinde, das andere die deutlich sichtbare Abgrenzung nach außen. Gemeinde muss sichtbar sein, und Gemeinschaft trägt die Schwachen. Er sagt das den Zerstreuten, damit sie nicht darauf vergessen, was ihre Gemeinde in Jerusalem ausgezeichnet hat, und dem nachstreben.

(Jak 2:1-5) Meine Brüder, habet den Glauben unseres Herrn Jesus Christus, des Herrn der Herrlichkeit, nicht mit Ansehen der Person. Denn wenn in eure Synagoge ein Mann kommt mit goldenem Ringe, in prächtigem Kleide, es kommt aber auch ein Armer in unsauberem Kleide herein, und ihr sehet auf den, der das prächtige Kleid trägt, und sprechet: Setze du dich bequem hierher, und zu dem Armen sprechet ihr: Stehe du dort, oder setze dich hier unter meinen Fußschemel – habt ihr nicht unter euch selbst einen Unterschied gemacht und seid Richter mit bösen Gedanken geworden? Höret, meine geliebten Brüder: Hat nicht Gott die weltlich Armen auserwählt, reich zu sein im Glauben, und zu Erben des Reiches, welches er denen verheißen hat, die ihn lieben?

Die zerstreuten Judenchristen haben – aus ihrem Hintergrund heraus ganz selbstverständlich – christliche Synagogen gebildet. Das macht Sinn, denn es ist eine Möglichkeit, einen Ort der Zusammenkunft zu finden. Nun spricht Jakobus ein sehr heikles Thema an, bei dem wir selbst wohl auch unsere Mühe hätten: Als einmal Mitarbeiter der christlichen Drogenarbeit zu uns in die Versammlung kamen – mit Lederjacke, etwas verlebten Gesichtern (weil sie selbst aus der Szene herausgerettet waren) und derber Aussprache – hatte ich anfangs wirklich Mühe, mich mit ihrer Gegenwart bei uns abzufinden. Das war eine Sünde, die ich ihnen auch bekannt habe. Jedenfalls kann ich die Situation, die Jakobus beschreibt, gut nachvollziehen. Das Thema Reichtum und Armut durchzieht seinen ganzen Brief. Damit erinnert er die Zerstreuten daran, dass man das in der Jerusalemer Gemeinde nicht groß erwähnen musste, da sie ja alle ein Herz und eine Seele waren! Da war gegenseitige Hilfe selbstverständlich. Nun aber musste er es ihnen einschärfen.

(Jak 2:15-16) Wenn aber ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und der täglichen Nahrung entbehrt, und jemand unter euch spricht zu ihnen: Gehet hin in Frieden, wärmet euch und sättiget euch! ihr gebet ihnen aber nicht die Notdurft des Leibes, was nützt es?

Das erste Beispiel des Jakobus zum Thema Glaube und Werke dreht sich gleich um den Umgang mit Armut in der Gemeinde.

(Jak 3,14-16) Wenn ihr aber bitteren Neid und Streitsucht (Eigennutz) in eurem Herzen habt, so rühmet euch nicht und lüget nicht wider die Wahrheit. Dies ist nicht die Weisheit, die von oben herabkommt, sondern eine irdische, sinnliche, teuflische. Denn wo Neid und Streitsucht (Eigennutz) ist, da ist Zerrüttung und jede schlechte Tat.

Jakobus nennt hier Haltungen, die die Gemeinschaft zerstören, die (wenn man die Übersetzung Eigennutz bevorzugt) mit irdischem Besitz zu tun haben: Neid, weil man den anderen etwas nicht gönnt; Eigennutz, weil man die Güter nur für sich nützen will. Die Folge ist Zerrüttung statt Gemeinschaft. Jakobus geht mit solchen Christen hart ins Gericht:

(Jak 4:4) Ihr Ehebrecherinnen, wisset ihr nicht, dass die Freundschaft der Welt Feindschaft wider Gott ist? Wer nun irgend ein Freund der Welt sein will, stellt sich als Feind Gottes dar.

Er fährt fort, indem er den Reichen klar macht, dass sie auf der falschen Seite stehen:

(Jak 4,13-17) Wohlan denn, die ihr saget: Heute oder morgen wollen wir in die und die Stadt gehen und daselbst ein Jahr zubringen und Handel treiben und Gewinn machen; (die ihr nicht wisset, was der morgende Tag bringen wird; [denn] was ist euer Leben? Ein Dampf ist es ja, der eine kleine Zeit sichtbar ist und dann verschwindet;) statt dass ihr saget: Wenn der Herr will und wir leben, so werden wir auch dieses oder jenes tun. Nun aber rühmet ihr euch in euren Großtuereien. Alles solches Rühmen ist böse. Wer nun weiß, Gutes zu tun, und tut es nicht, dem ist es Sünde.

Was ist das Gute, das sie zu tun wissen müssten? Mit dem Reichtum den Armen aushelfen. Jakobus ist in seinem Brief diesbezüglich sehr klar und fordert das ein von den Zerstreuten. Hatten sie das nicht praktiziert in Jerusalem? Aber Saulus verwüstete die Gemeinde, und in der Zerstreuung verlernten sie offenbar sehr bald diese praktische Seite der Liebe. Jakobus setzt noch eines drauf, damit keine Ausflucht und keine Hoffnung bleibt für jene, die reich sein wollen:

(Jak 5,1-6) Wohlan nun, ihr Reichen, weinet und heulet über euer Elend, das über euch kommt! Euer Reichtum ist verfault, und eure Kleider sind mottenfräßig geworden. Euer Gold und Silber ist verrostet, und ihr Rost wird zum Zeugnis sein wider euch und euer Fleisch fressen wie Feuer; ihr habt Schätze gesammelt in den letzten Tagen. Siehe, der Lohn der Arbeiter, die eure Felder geschnitten haben, der von euch vorenthalten ist, schreit, und das Geschrei der Schnitter ist vor die Ohren des Herrn Zebaoth gekommen. Ihr habt in Üppigkeit gelebt auf der Erde und geschwelgt; ihr habt eure Herzen gepflegt wie an einem Schlachttage. Ihr habt verurteilt, ihr habt getötet den Gerechten; er widersteht euch nicht.

Gegen Ende des Briefes gibt Jakobus noch einige Anweisungen für das praktische Gemeinschaftsleben:

(Jak 5,14-20) Ist jemand krank unter euch? Er rufe die Ältesten der Versammlung zu sich, und sie mögen über ihn beten und ihn mit Öl salben im Namen des Herrn. Und das Gebet des Glaubens wird den Kranken heilen, und der Herr wird ihn aufrichten, und wenn er Sünden begangen hat, wird ihm vergeben werden. Bekennet denn einander die Vergehungen und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet; das inbrünstige Gebet eines Gerechten vermag viel. Elias war ein Mensch von gleichen Gemütsbewegungen wie wir; und er betete ernstlich, dass es nicht regnen möge, und es regnete nicht auf der Erde drei Jahre und sechs Monate. Und wiederum betete er, und der Himmel gab Regen, und die Erde brachte ihre Frucht hervor. Meine Brüder, wenn jemand unter euch von der Wahrheit abirrt, und es führt ihn jemand zurück, so wisse er, dass der, welcher einen Sünder von der Verirrung seines Weges zurückführt, eine Seele vom Tode erretten und eine Menge von Sünden bedecken wird.

Jakobus erwartet, dass wir in leiblichen und geistlichen Dingen aufeinander Acht haben. Das Thema arm und reich in der Gemeinde ist ausgiebig erörtert worden, aber auch das Thema Krankheit gehört dazu – und hier haben die Ältesten in der Gemeinde eine Verantwortung, wie sich auf Hirten um kranke Schafe kümmern müssen. Aber auch aufeinander sollen wir acht haben, dass niemand vom Weg abirrt.

Der Brief des Jakobus spricht ganz andere Dinge an als der Petrusbrief, aber beide richten sich an die Zerstreuten und beide ermahnen, die Gemeinschaft verbindlicher zu leben, Die Zerstreuung verleitet dazu, eigene Wege zu gehen. Man ist nicht mehr in unmittelbarer Nähe zueinander, es ist schwieriger, regelmäßig Gemeinschaft zu haben. Die Verfolgung ist ein zusätzlicher Risikofaktor. Aber Gott rückt nicht ab von Seinem Ziel für die Gemeinde. Er fordert andererseits auch nichts Unmögliches. Er erkennt die Situation und sieht sehr wohl, was jetzt möglich ist, welche Schritte gegangen werden können.

Wir müssen also beim Thema Gemeinschaft die Situation genau beurteilen, in der wir leben, aber wir dürfen sie nicht als Ausrede vor uns herschieben. Egal wie die Umstände sind, es ist immer möglich und auch geboten, in der Liebe zu wachsen und die Zerstreuten zu sammeln, damit wir als Gemeinde sichtbar und wahrgenommen werden und gemeinsam Gott verherrlichen in dieser finsteren Welt. Trotz aller Mängel waren die Zerstreutren nicht fruchtleer. Sie trugen das Evangelium von Jerusalem über Judäa, Samaria bis zu den Nationen. Gott verwendet uns obwohl wir unvollkommen sind.

Weitere Zeugnisse aus dem Neuen Testament und der frühen Kirche

Welche Form von Gemeinschaft lehrte Paulus die Gemeinden, der doch als Saulus die Gemeinschaft in Jerusalem verwüstet hatte? Hat jemand schon einmal eine solche Frage gestellt? Jedenfalls gehört sie gestellt, wenn wir wirklich ein gesundes und vollständiges neutestamentliches Verständnis von Gemeinschaft erlangen wollen. Ich will anhand der drei Überschriften – tägliche Gemeinschaft, gemeinsame Mahlzeiten und Gemeinschaft im Materiellen – der Praxis der „paulinischen“ Gemeinden auf die Spur kommen. Dabei werde ich aber auch den Hebräerbrief zitieren, da ich davon ausgehe, dass dieser von Paulus an die Jerusalemer Gemeinde geschrieben worden ist. Dazu ein zwei Zeugnisse aus der Frühen Kirche:

„Vom Schreibstil her könnte Lukas als Autor dafür n Frage kommen sowohl die Apostelgeschichte verfasst zu haben als auch den Brief des Paulus an die Hebräer übersetzt zu haben.“ (Clemens von Alexandria, um 195 n.Chr.)

„Es muss, denke ich, ausreichen das Zeugnis des Apostels Paulus im Brief an die Hebräer zu zitieren.“ (Origines, um 225 n.Chr.)

Ich finde, es ist besonders aussagekräftig, was der ehemalige „Verwüster“ der Gemeinschaft der verwüsteten Gemeinde ins Gewissen ruft. Neben diesem versuche ich, einige Aussagen aus der Apostelgeschichte und den Briefen zusammenzufassen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit), wobei ich diese mit außerbiblischen Zeugnissen der frühen Kirche aus den ersten drei Jahrhunderten abrunden möchte.

Der große Unterscheid zwischen der Jerusalemer Gemeindearbeit und der Mission unter den Nationen liegt darin, dass die neuen Gemeinden von Beginn an unter der Verfolgung zu leiden hatten, was die Gemeinschaftsbildung deutlich erschwerte. Das müssen wir im Hinterkopf haben, wenn wir dieses Werk mit Jerusalem vergleichen wollen.

In jedem der drei Abschnitte gehe ich in derselben Reihenfolge vor: Was Paulus an die Hebräer schreibt, kommt zuerst, gefolgt vom Zeugnis der Apostelgeschichte und den Briefen, abgerundet durch frühchristliche Beispiele.

Tägliche Gemeinschaft

Die tägliche Gemeinschaft in Jerusalem beruhte auf den täglichen Zusammenkommen im Tempel und den Treffen in den Häusern zum Essen und Brotbrechen. Der Tempel stand noch immer, als Paulus an die Hebräer schrieb, aber er wie sie deutlich darauf hin, dass er gemeinsam mit alten Bund dem Verschwinden nahe ist. Was hatte er nun über das Zusammenkommen zu sagen?

(Heb 10:19-22) Da wir nun, Brüder, Freimütigkeit haben zum Eintritt in das Heiligtum durch das Blut Jesu, auf dem neuen und lebendigen Wege, welchen er uns eingeweiht hat durch den Vorhang hin, das ist sein Fleisch, und einen großen Priester über das Haus Gottes, so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen, in voller Gewissheit des Glaubens, die Herzen besprengt und also gereinigt vom bösen Gewissen, und den Leib gewaschen mit reinem Wasser.

Zuerst versucht Paulus den Blick vom irdischen Tempel zum himmlischen zu lenken, von dem er im Kapitel davor geredet hat. Es geht um den vollkommenen Tempel, das vollkommene Opfer und den vollkommenen Priester nach der vollkommenen Ordnung. Die alttestamentlichen Vorschriften werden so zu Bildern und Illustrationen des neuen Bundes. Der neue Bund wird dadurch erklärt und vertieft. Der alte Tempel ist dem Verschwinden nahe, aber wir können in den neuen Tempel eintreten. Das ist einerseits geistlich zu verstehen, andererseits aber auch sehr konkret:

(Heb 10:23-25) Lasst uns das Bekenntnis der Hoffnung unbeweglich festhalten, (denn treu ist er, der die Verheißung gegeben hat); und lasst uns aufeinander achthaben zur Anreizung zur Liebe und zu guten Werken, indem wir unser Zusammenkommen nicht versäumen, wie es bei etlichen Sitte ist, sondern einander ermuntern, und das um so mehr, je mehr ihr den Tag herannahen sehet.

Wenn ich in unserer Gemeinde diesen Vers zitiere und darauf beharre, dass die Gebetsstunden ebenso zu dem „Zusammenkommen“ gehören wie der Sonntag, dann ernte ich manchmal Verständnislosigkeit oder den Vorwurf der Gesetzlichkeit. Das liegt daran, dass wir schon im „Sonntagschristentum“ erzogen worden sind und gar nicht mehr verstehen, dass die Christen zu weit mehr Gemeinschaft angehalten sind. Wenn ich die Apostelgeschichte lese, dann ist darin getrennt von Zusammenkommen zum Gebet (zB Apg 4,23ff), zu Beratung (zB Apg 6,2), zum Brotbrechen (zB Apg 20,7), zur Lehre (zB Apg 20,1) und anderen Anlässen die Rede. Im 1.Korintherbrief ist im Kapitel 11 von Gebet, Weissagung und Brotbrechen die Rede, dann im Kapitel 14 ab Vers 26 von Versammlungen, in denen Wort und Lehre im Zentrum stehen. Die Idee, dass man Anbetung, Brotbrechen, Lehre, Fürbitte und Gemeinschaft in eine einzige Stunde am Sonntag hineinquetschen kann, ist nicht nur unbiblisch, sondern auch völlig unmöglich. Die Gemeinde muss oft zusammenkommen, um sich auszutauschen. Dabei sind (wie wir in dem Text gesehen haben), mehrere Aspekte im Vordergrund:

Das Bekenntnis der Hoffnung festhalten

Wenn wir an Bekenntnis denken, denken wir vielleicht zurecht zuerst an festgelegte Formulierungen, wie das Apostolische Glaubensbekenntnis. Ein Bekenntnis ist inhaltlich klar festgelegt: Dazu stehen wir, das nehmen wir ernst, das prägt unsere Gesinnung, davon leben wir. Das Bekenntnis gibt uns Hoffnung, die Hoffnung, das diese Welt überwunden ist durch den Herrn Jesus und vergehen wird. So warten wir auf den Neuen Tag und sprechen einander Mut zu in der kalten Nacht. Wir achten darauf, dass das Öl in unseren Lampen nicht zur Neige geht; wir lassen die Lampen hell brennen und warten auf den Bräutigam. Wir sind wie solche, die bereits den Silberstreif am Horizont sehen, und die ersten Strahlen der Sonne begrüßen, wie es David sagt: „Ich will die Morgenröte wecken!“ (Ps 57,9). Sind wir eine solche Gemeinde?

Aufeinander Achthaben

Wirst Du angerufen, wenn Du einmal am Sonntag bei der Versammlung gefehlt hast? Dann danke Gott für solch aufmerksame Geschwister! In der Welt wird das als Überwachung oder sektiererische Vereinnahmung beargwöhnt, aber es gehört zum biblischen Verständnis von Gemeinschaft, dass wir gemeinsam ans Ziel kommen wollen. Ich habe einmal ein Brettspiel entwickelt, in dem es darum geht, Bibelstellen in verschiedenen Alltagssituationen anzuwenden. Beurteilt wird dabei am Ende allerdings nicht der Punktestand des Einzelnen, sondern der Abstand zwischen dem ersten und dem Letzten. Je enger wir beisammen geblieben sind, desto besser ist das Ergebnis. Dementsprechend kann man einander in dem Spiel auch helfen, indem man füreinander Betet, oder sich über verschiedene Anwendungen berät. So, wie es im wirklichen Leben sein sollte. Ein junger Bruder erzählte mir einmal etwas sehr Ermutigendes dazu: Er wohnt im selben Haus, in dem eine andere Familie der Gemeinde wohnt – die Kinder sind ebenso schulpflichtig wie er und ähnlichen Herausforderungen gegenübergestellt. So trafen sie sich im Haus und tauschten über eine aktuelle Situation aus. Ein paar Tage später war der Bruder in der gleichen Situation und konnte aufgrund der Erlebnisse der Schwester richtig handeln. So sollte es sein – aber wie oft kommt es anders, weil wir nichts vom Leben des anderen wissen?

Aufeinander achthaben setzt eine gute Gemeinschaft voraus, wo man sich nicht hinter einem Sonntagslächeln verbergen kann. Man kann nicht ununterbrochen eine Maske tragen, und je öfter man sich sieht, desto besser lernt man auch die Körpersprache des Bruders und der Schwester kennen. „Was ist los mit dir?“ – wie oft hast du eine solche Frage schon gehört? Meistens geht es leider so: „Wie geht’s?“ – „Danke gut.“ Super! Eine Gemeinde ohne Probleme … Aber die gibt es nicht. Das heißt, wir sind unehrlich; bzw nicht bereit uns mehr zu öffnen, weil wir einander noch zu fremd sind. Warum? Fehlende Gemeinschaft. Allein das Aufeinander Achthaben setzt voraus, dass man oft zusammenkommt – das sprengt den Rahmen einer Sonntagsgemeinde.

Anreizen zur Liebe und zu guten Werken

Liebe lässt sich nicht über Distanz üben, sie setzt körperliche Nähe voraus; Liebe ist zudem sehr praktisch und soll sich in guten Werken aneinander zeigen. Manchmal fragen wir uns, was „gute Werke“ eigentlich seien, denn darüber hört man ja kaum eine Predigt. Seltsam,. Oder? Vielleicht liegt es aber auch daran, dass man gute Theologie vom Schreibtisch aus betreiben kann, während die Liebe bereit ist, in den Dreck zu greifen – als Mainstream-Gemeinden haben wir uns auf die korrekte Lehre spezialisiert. Vielleicht ist das auch zu ungerecht und schwarz-weiß formuliert; aber es geht mir genau um den Kontrast, um zu überlegen, worüber wir uns in unseren Zusammenkünften Gedanken machen sollten. Enken wir gemeinsam darüber nach, wie man die Hungrigen speisen und die Nackten bekleiden, die Kranken besuchen und die Schwachen kräftigen kann? Reizen wir einander zu solchen Werken an? Werden wir dazu angeleitet?

Unser Glaube soll ja fruchtbar sein in guten Werken, um als Licht in dieser Welt zu leuchten. Es stimmt zwar, dass Gott die Werke zuvor bereitet, damit wir in ihnen wandeln sollen (Eph 2,10), aber das rechtfertigt unsere Passivität nicht, denn wir sollen unsererseits die Gelegenheiten wahrnehmen (Gal 6,10).

Indem wir unsere Zusammenkünfte nicht versäumen

All das setzt voraus, dass wir regelmäßig und häufig zusammenkommen. Täglich? Ja, solange es uns nicht als Ausrede davon abhält, die guten Werke, zu denen wir angereizt worden sind, auch eifrig zu tun. Wir sehen hier, dass der Eifer der Jerusalemer Christen etwas erlahmt sein dürfte – es war längst nicht mehr selbstverständlich, dass man alle Gelegenheiten zum Zusammenkommen auch wahrnimmt. Es geht distanzierter und kälter zu. Paulus, der als Saulus seinen Teil zum Niedergang der Gemeinde beigetragen hat, fordert die Geschwister auf, zur ersten Liebe zurückzukehren und die ersten Werke zu tun.

Telefon, E-mail oder SMS sind kein Ersatz für Gemeinschaft – und manchmal spiele ich (ganz kurz) mit dem Gedanken, all das zu verbieten, damit wir uns aufmachen müssen, um zusammenzukommen. Damit wir Stimme und Tonfall, Mimik und Gestik, den warmen Händedruck und das aufmunterte Blitzen in den Augen des Gegenübers wahrnehmen, gemeinsam lachen oder weinen, gemeinsam essen oder unterwegs sind. All das geht nicht auf elektronischem Weg. Auch nicht über Videotelefonie.

Umso mehr ihr den Tag herannahmen seht

Hier geht es wieder zurück zum Bekenntnis der Hoffnung, das wir festhalten sollen. Bereiten wir uns auf Sein Kommen vor? Das müssen wir nämlich gemeinsam tun, indem wir darauf achten, dass nicht einige von uns an der Gnade Mangel leiden und den törichten Jungfrauen gleichen.

Wir sehen, wie sehr es Paulus am Herzen lag, dass die Gemeinde treu bleibt im Zusammenkommen, dass Gemeinschaft erlebt und gelebt wird – nicht als Selbstzweck, sondern der Hoffnung wegen und damit wir nicht fruchtleer bleiben, all das, was in diesen kurzen Sätzen alles angesprochen ist. Ich denke, dass es auch absolut klar ist, dass ein reines Sonntagschristentum, diese Ziele nicht verwirklichen kann. Dass der Mainstream daher mehr und mehr verweltlicht, darf nicht verwundern, denn die Gemeinschaft mit Ungläubigen überwiegt die Gemeinschaft mit Gläubigen bei weitem. Das, was zu unseren Augen und Ohren hereinkommt, ist zum allergrößten Teil der Schmutz und die Sünde der Welt – und das prägt uns, ob wir wollen oder nicht. Je öfter wir zusammenkommen, um uns in der Gemeinschaft des Geistes von diesen Einflüssen reinigen zu lassen, desto eher bleiben wir auf dem schmalen Weg ohne abzudriften.

Nach diesem Schlüsseltext möchte ich ein paar andere Aspekte aus der Missionsarbeit des Paulus erwähnen:

Von der Synagoge zur Gemeinde

(Apg 13,14-15) Sie aber zogen von Perge aus hindurch und kamen nach Antiochien in Pisidien; und sie gingen am Tage des Sabbaths in die Synagoge und setzten sich. Aber nach dem Vorlesen des Gesetzes und der Propheten sandten die Vorsteher der Synagoge zu ihnen und sagten: Brüder, wenn in euch irgend ein Wort der Ermahnung an das Volk ist, so redet.

(Apg 13,42) Als sie aber hinausgingen, baten sie, dass auf den folgenden Sabbath diese Worte zu ihnen geredet würden.

Paulus begann fast überall, wo er hinkam, damit, in den Synagogen zu Juden und gottesfürchtigen Griechen Kontakt zu suchen, um ihnen das Evangelium zu bringen. Anders als in Jerusalem, wo es die täglichen Gebetszeiten im Tempel gab, war es in den Synagogen üblich, nur am Sabbath zusammenzukommen. Interessant ist die Reaktion der Juden auf die Botschaft: „Wir wollen Dich nächsten Sabbath weiter darüber hören“. Und die sechs übrigen Tage? Als der Sämann das Wort aussäte in jenem Gleichnis des Herrn über das Reich Gottes, da fiel einiges unter die Dornen. Die alltäglichen Beschäftigungen haben die Eigenschaft, das am Sabbath/Sonntag gehörte zuzudecken und zu ersticken. Vor diesem Hintergrund ist Mission sehr erschwert.

Aber ist das wirklich alles, was Paulus tun konnte, um das Wort weiterzusagen?

(Apg 13,43) Als aber die Synagoge aus war, folgten viele der Juden und der anbetenden Proselyten dem Paulus und Barnabas, welche zu ihnen sprachen und ihnen zuredeten, in der Gnade Gottes zu verharren.

Es gab also zwei Arten von Zuhörern: Die abwartend Interessierten, die auf den nächsten Sabbath warteten, und jene, denen die aufgeworfenen Fragen unter den Nägeln brannten. Die letzteren folgten Paulus und Barnabas und erhielten weitergehende Unterweisung. In Thessalonich hatte Paulus nur drei Sabbate Zeit, um in der Synagoge zu reden. Das ist sehr wenig, aber welchen Eindruck konnte er dort hinterlassen!

(1Thess 2,8-12) Also, da wir ein sehnliches Verlangen nach euch haben, gefiel es uns wohl, euch nicht allein das Evangelium Gottes, sondern auch unser eigenes Leben mitzuteilen, weil ihr uns lieb geworden wart. Denn ihr gedenket, Brüder, an unsere Mühe und Beschwerde: Nacht und Tag arbeitend, um niemand von euch beschwerlich zu fallen, haben wir euch das Evangelium Gottes gepredigt. Ihr seid Zeugen und Gott, wie göttlich und gerecht und untadelig wir gegen euch, die Glaubenden, waren; gleichwie ihr wisset, wie wir jeden einzelnen von euch, wie ein Vater seine eigenen Kinder, euch ermahnt und getröstet und euch bezeugt haben, dass ihr wandeln solltet würdig des Gottes, der euch zu seinem eigenen Reiche und seiner eigenen Herrlichkeit beruft.

Paulus teilte sein Leben mit. Die Botschaft ist also nicht nur eine Sache von Worten, die man im Stile eines Predigtvortrages weitergibt, sondern ein Lebensstil, der gezeigt werden muss. Paulus war darin sehr konsequent, er wollte jeden falschen Eindruck vermeiden und arbeitete hart, um nicht das Gerücht aufkommen zu lasen, er hätte es auf die Geldbörsen der Bekehrten abgesehen. Diese Art der Verkündigung geht weit über die Synagogen hinaus und setzt tägliche Gemeinschaft voraus. Nacht und Tag hat er ein transparentes Leben geführt, ist jedem einzeln nachgegangen und hat damit das Beispiel des Guten Hirten in die Tat umgesetzt. Er ist ein Nachahmer Christi geworden (1.Kor 11,1).

Täglich Gemeinschaft? Lese ich da nicht zuviel in den Text? Zugegeben, es steht nicht da. Aber es wurde viel nicht ausdrücklich aufgeschrieben, weil es jedem bekannt war. Es ist eine Zusammenschau aus mehreren Bemerkungen, die hier im Hintergrund mitreden. Zum Beispiel seine Rede an die Epheser Ältesten:

(Apg 20,18-20) Als sie aber zu ihm gekommen waren, sprach er zu ihnen: Ihr wisset von dem ersten Tage an, da ich nach Asien kam, wie ich die ganze Zeit bei euch gewesen bin, dem Herrn dienend mit aller Demut und mit Tränen und Versuchungen, welche mir durch die Nachstellungen der Juden widerfuhren; wie ich nichts zurückgehalten habe von dem, was nützlich ist, dass ich es euch nicht verkündigt und euch gelehrt hätte, öffentlich und in den Häusern,

Hier ist die Rede von „der ganzen Zeit“ und „vom ersten Tag an“, sowie von verschiedenen Orten: Öffentlich und privat. „In den Häusern“ erinnert an die Formulierung in Apg 2,46. Weiter unten heißt es:

(Apg 20,31) Darum wachet und gedenket, dass ich drei Jahre lang Nacht und Tag nicht aufgehört habe, einen jeden mit Tränen zu ermahnen.

Das ist dieselbe Aussage wie im Thessalonicherbrief. Waren es in Thessalonich nur drei Wochen, die Paulus dort wirken konnte, hatte er in Ephesus drei Jahre Zeit. Das heißt, diese intensive Betreuung der Gläubigen und der Suchenden ist unabdingbar für die Verkündigung des Evangeliums, denn es ist ein Lebensstil und nicht nur eine Botschaft. Kann man daraus „tägliche Gemeinschaft“ ableiten? Wiederum, es steht nicht ausdrücklich da. Aber wie soll es sonst gehen? Blicken wir aber zurück in der Apostelgeschichte, wo der Dienst des Apostels in Ephesus beschrieben wird:

(Apg 19,8-10) Er ging aber in die Synagoge und sprach freimütig drei Monate lang, indem er sich unterredete und sie von den Dingen des Reiches Gottes überzeugte. Als aber etliche sich verhärteten und nicht glaubten und vor der Menge übel redeten von dem Wege, trennte er sich von ihnen und sonderte die Jünger ab, indem er sich täglich in der Schule des Tyrannus unterredete. Dies aber geschah zwei Jahre lang, so dass alle, die in Asien wohnten, sowohl Juden als Griechen, das Wort des Herrn hörten.

Hier ist ausdrücklich von einem täglichen Zusammenkommen die Rede, und zwar an einem „öffentlichen“ Ort, der Schule des Tyrannus – daneben (haben wir oben gesehen) pflegte er noch intensive Einzelbetreuung, traf sich mit Gläubigen in ihren Häusern, und …. und arbeitete mit seinen Händen! Ich denke nicht, dass immer alle zusammengekommen sind, aber es war täglich Möglichkeit zur Gemeinschaft gegeben, und die wurde genutzt, soweit es jedem einzelnen möglich war. Die es nicht schafften, wurden von Paulus persönlich aufgesucht und betreut. Er hatte zugegebenermaßen keine Familie und konnte so seine ganze Zeit und kraft in das Werk Gottes stecken. Aber die Frucht ist ident mit der Frucht der Jerusalemer Gemeinde – alle in Asien hörten dadurch das Wort. In Jerusalem tat der Herr täglich solche hinzu, die errettet wurden (Apg 2,47). Man kann keine einfache Gleichung aufstellen im Sinne von: Tägliche Gemeinschaft bewirkt tägliches Wachstum, aber der Zusammenhang von beidem ist unbestreitbar.

Wie ist das nun bei uns? Es gibt einmal die Woche an verschiedenen Orten Bibelkreise, manchmal auch nur 14-tägig, zu denen allerdings nicht alle Geschwister kommen können. Wir selbst wohnen zu ziemlich am Entferntesten von den übrigen Geschwistern und haben als Familie einen Familienbibelkreis. Die Gebetstreffen sind zweiwöchig, einmal im (zentral gelegenen) Gemeindelokal, das andere mal „in den Häusern“ – diese Formulierung haben wir bewusst von der Apostelgeschichte übernommen. Da gehe ich zu einer Familie, die im Zentrum von Wien wohnt. Diese nacht Jüngerschaftskurse für Jugendliche, die bei ihnen stattfinden. Es tut sich schon etwas unter Woche, und das ist gut – aber es ist weit hinter dem Beispiel der frühen Kirche. Ob es einen Zusammenhang gibt zwischen dem langsamen Wachsen, dem Zurückbleiben Einzelner (die der Gemeinde schleichend verloren gehen) und den wenigen Möglichkeiten, als Gemeinde zusammenzukommen? Gewiss, und die Ursachen liegen nicht etwa in mangelnder Liebe zueinander, sondern zum einen in der bereits angesprochenen „Zersiedelung“ und zum anderen in einem fehlenden Bewusstsein für die Notwendigkeit häufiger Gemeinschaft. Ich bin zuversichtlich, dass die Liebe ihre Wege findet, um die Isolation der Geschwister zu überwinden, aber es wird einiges kosten.

Bei den Jüngern verweilen
Bevor wir Paulus verlassen, möchte ich noch einen Aspekt betrachten. Wir haben zum einen gesehen, dass die tägliche Gemeinschaft mit dem Ermuntern, dem Anreizen zur Liebe und guten Werken und dem Festhalten der Hoffnung zu tun hat (Brief an die Hebräer); dann auch, dass es nötig ist, um das Leben mitzuteilen, damit die Botschaft nicht nur gepredigt, sondern vorgezeigt wird; auch um Jungbekehrte zu festigen, sowie als Treffpunkt für Suchende, sodass der Herr täglich hinzufügen kann.

Aber es gibt noch einen Aspekt der täglichen Gemeinschaft, den man leicht übersehen kann. Die folgenden Verse sind alle im Kontext der Jerusalem-Reise des Apostels zu sehen. Paulus hatte einen sehr engen Zeitplan:

(Apg 20:16) denn Paulus hatte sich entschlossen, an Ephesus vorbeizufahren, damit es ihm nicht geschehe, in Asien Zeit zu versäumen; denn er eilte, wenn es ihm möglich wäre, am Pfingsttage in Jerusalem zu sein.

Es gibt Termine, die sind nicht zu verschieben. Dazu gehören die festgelegten Feiertage, und der Grund der Eile ist eben ein besonderer Tag, an dem er die Gelegenheit hat, sehr viele Glaubensgeschwister zu treffen, die am Brauch der Wallfahrten festgehalten haben.; oder auch die Gelegenheit zur Verkündigung wahrzunehmen, da so viele Menschen dann mit der Botschaft zurück in ihre Heimat reisen würden. Was immer sein Motiv war, Eile war angesagt. Wie reist man nun, wenn man in Eile ist? Nun, er zog an Ephesus vorbei, um dort nicht aufgehalten zu werden – wir können das gut nachvollziehen oder? Aber sonst?

(Apg 20,6) wir aber segelten nach den Tagen der ungesäuerten Brote von Philippi ab und kamen in fünf Tagen zu ihnen nach Troas, wo wir sieben Tage verweilten.

(Apg 21,3-5) Als wir aber Cyperns ansichtig wurden und es links liegen ließen, segelten wir nach Syrien und legten zu Tyrus an, denn daselbst hatte das Schiff die Ladung abzuliefern. Und als wir die Jünger gefunden hatten, blieben wir daselbst sieben Tage; diese sagten dem Paulus durch den Geist, er möge nicht nach Jerusalem hinaufgehen. Als es aber geschah, dass wir die Tage vollendet hatten, zogen wir fort und reisten weiter; und sie alle geleiteten uns mit Weibern und Kindern bis außerhalb der Stadt; und wir knieten am Ufer nieder und beteten.

(Apg 21,7) Als wir aber die Fahrt vollbracht hatten, gelangten wir von Tyrus nach Ptolemais; und wir begrüßten die Brüder und blieben einen Tag bei ihnen.

(Apg 21,8-10) Des folgenden Tages aber zogen wir aus und kamen nach Cäsarea; und wir gingen in das Haus des Philippus, des Evangelisten, der einer von den sieben war, und blieben bei ihm. Dieser aber hatte vier Töchter, Jungfrauen, welche weissagten. Als wir aber mehrere Tage blieben, kam ein gewisser Prophet, mit Namen Agabus, von Judäa herab.

Zweimal sieben Tage, einmal einen Tag, dann wieder unbestimmte „mehrere“ Tage – der Mann hat scheinbar alle Zeit der Welt! Welch ein Kontrast zur zuvor genannten Eile! Ein Kontrast, aber kein Widerspruch, wenn man versteht, was Prioritäten sind. Für ausgiebige Gemeinschaft ist offenbar immer ausreichend Zeit, bzw. sie ist sogar fix eingeplant. Man kann sich vorstellen, wie Paulus und seine Begleiter die Reiseroute überlegt haben – in Ephesus waren sie wenige Monate zuvor für mehrere Jahre, das wollten sie überspringen. Sie fuhren mit dem Finger auf der Landkarte nach Troas und erinnerten sich an die Gemeinde dort, beschlossen kurzerhand, dort eine Woche zuzubringen. Dann planten sie die Reise über Tyrus und wussten von einer Gemeinde an diesem Ort (gegründet übrigens durch die Zerstreuten – vgl. Apg 11,19; Tyrus liegt in Phönizien), mussten diese bei der Ankunft sogar erst einmal suchen – aber sie verbrachten eine Woche bei ihnen. Hier wird auch deutlich, dass sie wirklich eine Woche lang Gemeinschaft hatten, ja selbst beim Abschied war das Losreißen voneinander nicht einfach: Alle, samt Kinder begleiteten ihn zum Schiff.

Wenn man unangemeldet an einen Ort kommt – und damals gab es weder E-Mail, noch Telefon! – dann muss man entweder zufällig den richtigen Tag erwischen, oder aber die Gemeinde versammelt sich täglich. Ob immer alle dabei waren, sei dahingestellt, aber es gab offenbar jeden Tag Zusammenkünfte.

Paulus „verweilte“ an diesen Orten. Ich denke, das drückt etwas von Muße und Auftanken aus, das unserer hektischen Zeit fehlt. Man sitzt zusammen, man isst und tauscht sich aus, man berät über allfällige Dinge (hier eben die weiteren Reispläne, zu denen die Geschwister auch ihre Meinung äußerten) und genießt sichtlich die Gastfreundschaft und Liebe der Gemeinde. Kennen wir das? Oder fehlt uns hier ein ganz wesentlicher Aspekt gemeinschaftlicher Qualität?

Das Zeugnis der frühen Kirche

Ich gehe von Paulus weiter zu Zeugnissen aus der frühen Kirche, die bestätigen, wie wichtig den ersten Christen das häufige Zusammenkommen war. Diese Texte gehören nicht zum neutestamentlichen Kanon, obwohl beispielsweise der Barnabasbrief lange Zeit ein Kandidat dafür war und in manchen Handschriften als Teil des Neuen Testamentes enthalten ist. Der Wert dieser frühen Zeugen liegt darin, dass sie uns sehr deutlich zeigen, wie die ersten Christen die Apostel verstanden haben und als Gemeinde gelebt haben. In diesem Sinne sind sie ein wertvoller und meines Erachtens auch unverzichtbarer Kommentar zur Bibel.

In zwei Schriften, die noch zu Lebzeiten des Apostels Johannes großes Ansehen in den Gemeinden genossen, wird auf das tägliche Zusammenkommen explizit hingewiesen. Das zeigt, dass hier wirklich eine festestehende Praxis oder gar Regel angesprochen wird, die allgemein anerkannt war. Das eine Dokument ist der Barnabasbrief, das andere die Zwölf-Apostellehre, die Didaché – beide aus dem späteren ersten Jahrhundert.

(Barnabas 19,10) Denke Tag und Nacht daran, dass der Gerichtstag kommen wird, und suche jeden Tag Kontakt mit Christen. Das kann auf verschiedene Weise geschehen: Man kann sich mit der Wortverkündigung mühen, man kann die Menschen aufmuntern und bestrebt sein, ihnen durch das Wort das Heil zu bringen, man kann mit Händen arbeiten und dadurch Sünden wiedergutmachen.

Der letzte Satz ist sicher leicht „missverständlich“ – ich verstehe ihn im Sinne von Eph 4,28. Doch das nur am Rande. Es geht hier darum (ähnlich wie in der am Anfang betrachteten Hebräerbriefstelle!), dass das Nahen des Tages uns zur Gemeinschaft drängen soll. Täglich. Können wir uns vorstellen, welch einen Unterschied das für unser Leben bedeuten könnte, wenn wir täglich als Gemeinschaft unter dem Wort Gottes zusammenkommen? Barnabas zertstreut auch die bedenken, dass tägliche Gemeinschaft ein Hindernis für Evangelisation wäre. Im Gegenteil! Wenn wir täglich zusammenkommen, haben unsere Kontakte keine Ausreden! „Montag geht nicht? Wie wäre es mit Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag?“ ideale Voraussetzungen, um jemanden mitzunehmen – am Sonntag jedoch waren Gäste von jeher vom Brotbrechen ausgeschlossen; die Sonntagsversammlung war immer besonders.

(Didaché 4,2) Bemühe dich, täglich Mitchristen zu sehen, damit du durch ihre Worte Ruhe findest

Dass die Briefschreiber hier nicht voneinander abgeschrieben haben, geht schon daraus hervor, dass Barnabas den Aspekt des Dienens betont und die Didaché den des Empfangens. Beides gehört natürlich zusammen. Sehr ehrlich heißt es in der Didaché: „Bemühe dich“, denn es ist ein Kampf. Wir ringen mit Terminen und anderen wichtigen Dingen und müssen dem „guten Teil“ den Vorrang einräumen. Jesus sagte zu Martha, dass sie sich um zu viele Dinge Sorgen mache, aber nur eines sei wirklich wichtig: Zu Seinen Füßen sitzen. Alles andere kann (und muss bisweilen) liegen bleiben.

Aber es gibt noch andere Stimmen zum Thema. Ignatius war ein Ältester von Antiochien, der von Paulus selbst eingesetzt worden ist. Er schreibt cirka 105 n.Chr. an die Epheser Gemeinde:

(Ign.Eph 13) Achtet also darauf, oft zusammenzukommen, um Gott zu danken Sein Lob zu bringen. Denn wenn ihr euch häufig am selben Ort versammelt, wird die Macht Satans zerstört und das Werk auf das er zielt, wird durch eure Einheit im Glauben verhindert.

Hier geht es um einen weiteren Aspekt, nämlich die Bewahrung der Einheit. Je öfter wir zusammenkommen (Ignatius macht es nicht am Wort „täglich“ fest), desto weniger Macht hat Satan, unsere Einheit zu zerstören. Die Grundlage dafür ist das einmütige Lob Gottes. Sind wir eine regelmäßig anbetende Gemeinde, die Gottes Größe bewundert und in Seinem Licht die eigene Schwachheit erkennt? Regelmäßig, häufig, täglich?

Interessant ist auch ein Brief des ‚Ignatrius an einen anderen Ältesten, nämlich Polycarp. Polycarp war ein Schüler des Apostels Johannes und Vorsteher in Smyrna, als das Sendschreiben der Offenbarung dorthin gesandt wurde. An Smyrna fand der Herr nichts tadelnswertes.

(Ign.Pol 4) Lasst eure Versammlungen häufig stattfinden, gehe jedem einzeln nach.

Ein Wort unter Ältesten. Das zeigt uns etwas von der Bedeutung dieses Themas. Polycarp soll wie ein Hirte hier wirklich jeden einzelnen dazu ermuntern. Die Gründe für die häufigen Versammlungen waren ihm genauso klar wie Ignatius, denn sie wurden beide von den Aposteln des Herrn unterwiesen. Wir sehen hier, dass nicht immer alles haarklein im Neuen Testament aufgezeichnet ist – vieles war so selbstverständlich, dass es in den Briefen der Apostel keiner weiteren Erwähnung bedurfte. Erst, als Dinge sich zu verdünnen begannen, musste wieder neu und direkter darauf gedrängt werden. Das Neue Testament ist kein Auftragswerk der Gemeinde des 21. Jahrhunderts, in dem genau die Fragen genauer ausgeführt werden, die uns heute unter den Nägeln brennen. Aber es ist alles darin vorhanden, was wir zum Leben und zur Gottseligkeit benötigen – das tägliche Zusammenkommen ist eine vernachlässigte biblische Lehre, die bereits kurz nach den Aposteln mit Nachdruck eingefordert werden musste. Was würden Brüder wie Ignatius oder Polycarp unseren Gemeinden schreiben?

Die Haltung der vornizäischen Kirche wurde in dem Werk „Apostolische Konstitution“ um 390 n.Chr. noch einmal zusammengefasst:

(Ap.Konst. 59) Sondern versammelt euch täglich, morgens und abends im Haus den Herrn, um Psalmen zu singen und zu beten.

Es gäbe wohl noch viel dazu zu sagen – aber ist das überhaupt nötig? Wir haben gesehen, dass das Jerusalemer Beispiel der täglichen Gemeinschaft, die Zielvorgabe der gesamten frühen Christenheit ist. Paulus deutet es an, und es wird durch frühchristliche Texte aus er Zeit der Apostel eindeutig bestätigt. Dass wir daraus den Schluss ziehen müssen, dass auch wir heute unsere Gemeinschaft intensivieren müssen, indem wir häufiger zusammenkommen, liegt auf der Hand. Es geht nicht darum ob wir uns häufiger versammeln sollen, sondern wie wir das in unserer Situation umsetzen können – und was wir gegebenenfalls an unserer Situation ändern müssten. Lassen wir diese Fragen im Hinterkopf af kleiner Flamme köcheln, während wir uns den nächsten Themen zuwenden:

Gemeinsame Mahlzeiten

Paulus hat die Gemeinde in Jerusalem verwüstet, indem er von Haus zu Haus ging und die Christen töten und gefangen nehmen ließ. Die Häuser waren das Zentrum der Gastlichkeit – dort wurde gemeinsam gegessen. Gastfreundschaft ist eine der Kerntugenden, die jeder christliche Haushalt anstreben muss. Den Hebräern schreibt nun der Verwüster der Gastlichkeit:

(Heb 13:1-3) Die Bruderliebe bleibe. Der Gastfreundschaft vergesset nicht, denn durch dieselbe haben etliche ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Gedenket der Gefangenen, als Mitgefangene; derer, die Ungemach leiden, als solche, die auch selbst im Leibe sind.

Ob ein paar der Gefangenen, die er erwähnt, durch seine eigene Hand ins Gefängnis gebracht worden sind? Das wissen wir nicht, aber die Gemeinde wurde auch nach der Bekehrung des Paulus hart verfolgt. Gefängnisse damals waren keine schönen Orte, und die Gefangenen waren darauf angewiesen, dass sie von Freunden und Bekannten besucht werden, um mit dem Nötigsten versorgt zu werden. Aus dem Auge, aus dem Sinn? Ja, es kann schnell gehen, dass Geschwister vergessen werden, aber das darf nicht toleriert werden. Es geht hier unter anderem auch ums Essen.

Doch das eigentliche Thema, um das es mir in diesem Abschnitt geht, sind die gemeinsamen Mahlzeiten der Gemeinde und das damit zusammenhängende Thema der Gastfreundschaft. Essen und Trinken ist der tiefste Ausdruck von Gemeinschaft außerhalb der ehelichen Beziehung. Hier kommen fremde Menschen in unser Haus, in unsere Privatsphäre und an unseren Tisch. Sie erleben, wie wir als Familie leben, ob die Wohnung aufgeräumt ist und wie wir miteinander umgehen. Sie essen von unseren Speisen, aus unserem Topf, als ob sie Teil unserer Familie wären. Sie werden einbezogen in unsere Tischgespräche und damit in das, was unser Haus bewegt. Wir sehen daran, dass es eine gehörige Portion Offenheit braucht, um ein guter Gastgeber zu sein.

Was hat Paulus zu diesem Thema zu sagen? Und was finden wir sonst im Neuen Testament dazu? Einen Teil des Themas haben wir bereits behandelt, als wir über die Witwen in Apostelgeschichte 6 und das Essen mit den Heiden nachgedacht haben. Das sind wirklich neuralgische Punkte, denn zum einen geht es um die Armen in der Gemeinde, zum anderen um jene, die man vor der Bekehrung nicht einmal gegrüßt hätte. Nun aber sitzen sie an unserem Tisch, als ob sie Teil unseres Hauses, unserer Familie wären.

Paulus beschreibt die Gemeinde einmal genau so, als Haus Gottes:

(Eph 2:19) Also seid ihr denn nicht mehr Fremdlinge und ohne Bürgerrecht, sondern ihr seid Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes,

Hier geht es im Zusammenhang um eben dieses spannungsgeladene Verhältnis zwischen Heiden und Juden. Paulus sagt der Gemeinde, sie seien nun gemeinsam Hausgenossen Gottes, das heißt Familie, das bedeutet unter anderem Tischgemeinschaft! Beachten wir aber aus dieser Perspektive, wer der Gastgeber ist: Es ist Gott. Im Zusammenhang mit dem Brotbrechen ist deshalb vom Tisch des Herrn (1.Kor 10,21) und Mahl des Herrn ( 1.Kor 11,20) die Rede. Wenn wir an Apg 2,46 zurückdenken, dann war das Mahl des Herrn ursprünglich mit einer gemeinsamen Mahlzeit verbunden. Ebenso war die Einsetzung des Brotbrechens im Zusammenhang mit einem Festmahl, dem Passahmahl. Der Brief des Judas erwähnt regelmäßige Liebesmahle der Gemeinde (Jud 12).

Betrachten wir in diesem Abschnitt zuerst die Betonung der Gastfreiheit und der regelmäßigen Mahlzeiten und in einem zweiten Abschnitt die aufgetretenen Schwierigkeiten und Hindernisse, die dazu geführt haben, das Mahl des Herrn von den gemeinsamen Mahlzeiten zu trennen und letztere in einem Fall sogar auszusetzen.

Gastfreiheit und gemeinsames Essen als christliche Urtugend

(Röm 12,13) an den Bedürfnissen der Heiligen nehmet teil; nach Gastfreundschaft trachtet.

Der Römerbrief ist insofern ein wichtiger Brief, als Paulus hier eine Zusammenfassung der Christlichen Lehre für eine ihm unbekannte Gemeinde verfasste. Da fehlt dementsprechend auch der Aspekt praktischer christlicher Gemeinschaft nicht. In diesem Vers ist vom Teilen der Güter die Rede und von der Gastfreundschaft die Rede. Ganz einfach und ganz klar. In der Gastfreundschaft sollen übrigens die Ältesten selbst ein Beispiel geben, wie Paulus sowohl an Timotheus als auch an Titus schreibt:

(1.Tim 3,2) Der Aufseher nun muss untadelig sein, eines Weibes Mann, nüchtern, besonnen, sittsam, gastfrei, lehrfähig;

(Tit 1,8) sondern gastfrei, das Gute liebend, besonnen, gerecht, fromm, enthaltsam,

Ich kann mich noch gut an das überraschte Gesicht eines Ältesten erinnern, als ich das als Junggläubiger mit einem etwas älteren Bruder einmal ausprobierte. Wir suchten einen unserer Ältesten unangemeldet auf, wurden mit Kaffee und Kuchen bewirtet und hatten eine schöne Gemeinschaft. Ja, er war vorbereitet, und dieses Beispiel werde ich nie vergessen. Ich mag das Wort „gastfrei“, denn es drückt aus, dass wir frei für Gäste sind, und das spiegelt etwas vom Herrn wieder, denn – wie wir oben gesehen haben – es ist der Herr, der unser Gastgeber ist an Seinem Tisch.

(1.Petr 4,9) Seid gastfrei gegeneinander ohne Murren.

Diesen Vers haben wir bereits betrachtet, aber es ist wichtig, hier daran zu erinnern. Petrus macht uns hier darauf aufmerksam, dass Gastfreundschaft mit Arbeit verbunden ist. Es kostet etwas, auf Gäste vorbereitet zu sein. Man muss sich zum Beispiel überlegen, was Gäste erwarten, wenn sie zu uns kommen. Kann ich ihnen spontan eine Kleinigkeit zum Essen aufwarten? Ich denke da an das Beispiel Abrahams, der seine Gäste völlig unkompliziert, aber ordentlich bewirtete:

(Gen 18,1-8) Und Jahwe erschien ihm bei den Terebinthen Mamres; und er saß an dem Eingang des Zeltes bei der Hitze des Tages. Und er hob seine Augen auf und sah: und siehe, drei Männer standen vor ihm; und als er sie sah, lief er ihnen entgegen von dem Eingang des Zeltes und beugte sich nieder zur Erde; und er sprach: Herr, wenn ich anders Gnade gefunden habe in deinen Augen, so gehe doch nicht an deinem Knechte vorüber! Es werde doch ein wenig Wasser geholt, und waschet eure Füße; und lagert euch unter dem Baume, und ich will einen Bissen Brot holen, und stärket euer Herz; danach möget ihr weitergehen; da ihr nun einmal vorbeigekommen seid bei eurem Knechte. Und sie sprachen: Tue also, wie du geredet hast. Da eilte Abraham ins Zelt zu Sara und sprach: Nimm schnell drei Maß Feinmehl, knete und mache Kuchen! Und Abraham lief zu den Rindern und nahm ein Kalb, zart und gut, und gab es dem Knaben; und der beeilte sich, es zuzubereiten. Und er holte dicke und süße Milch und das Kalb, das er zubereitet hatte, und setzte es ihnen vor; und er stand vor ihnen unter dem Baume, und sie aßen.

Abraham diente seinen Gästen mit Hingabe. Er lief, er eilte, er versuchte ihre Bedürfnisse zu erkennen und zu stillen – ich versuche mir vorzustellen, wie sein langer weißer Bart flatterte, als er zum Zelt und zu den Gästen eilte. Genau diese Stelle hatte Paulus im Hinterkopf, als er die Hebräer ermahnte, an der Gastfreundschaft festzuhalten. Es ist eine Tugend, die sich den Söhnen Abrahams durch den Glauben geziemt. Abraham gab grundsätzlich vom Besten, ohne zu geizen, und damit gibt er ein Beispiel für jene Liebe, die sich selbst völlig gegeben hat.

Wir sind doch Söhne Abrahams durch den Glauben, wie Paulus betont (Gal 3,7); und dieser Glaube war durch Werke überaus lebendig, wie Jakobus ergänzt (Jak 2,21-22); und die Schwestern werden von Petrus „Saras Töchter“ genannt (1.Petr 3,6) – anders gesagt: Das leben dieses Ehepaares gilt als Vorbild für jeden Gläubigen, wobei die Tugend der Gastfreundschaft deutlich hervorsticht.

Schwierigkeiten beim gemeinsamen Essen

Ich habe zwei kleine Kinder, die zu ernähren weniger ein finanzielles Problem ist, als die Herausforderung, ihnen die Abscheu vor abwechslungsreicher Kost zu nehmen. „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht“, lautet ein Sprichwort; aber das sind Kleinigkeiten gegenüber den Problemen, vor denen die junge Gemeinde stand, als es um das gemeinsame Essen von Judenchristen und Heidenchristen ging.

Indem wir das bereits betrachtet haben, möchte ich hier nur kurz verweilen. Wir haben gesehen, dass die Frage von Blut und von Ersticktem behandelt worden ist; Paulus musste das Thema Götzenopferfleisch gründlich durchkauen, und zwar sowohl im Römerbrief als auch im Korintherbrief. Aus der Liebe heraus müsse der Starke hier auf den Schwachen Rücksicht nehmen:

(Röm 14,19-21) Also lasst uns nun dem nachstreben, was des Friedens ist, und dem, was zur gegenseitigen Erbauung dient. Zerstöre nicht einer Speise wegen das Werk Gottes. Alles zwar ist rein, aber es ist böse für den Menschen, der mit Anstoß isset. Es ist gut, kein Fleisch zu essen, noch Wein zu trinken, noch etwas zu tun, worin dein Bruder sich stößt oder sich ärgert oder schwach ist.

Indem Paulus „alles“ für rein erklärt, hebt er nicht die Einschränkungen auf, die in Apostelgeschichte 15 in seiner Gegenwart und mit seiner Zustimmung festgelegt worden sind, sondern er setzt sie naturgenäß voraus; doch daneben gab es eben viele offene Fragen, wo einzelne länger zu lernen hatten als andere. Wenn ein Jude zum Glauben kommt, wird er nicht von heute auf morgen seinen gewohnten koscheren Speiseplan umstellen – wie soll nun aber gemeinsames Essen unter solchen Voraussetzungen möglich sein? Durch Verzicht. Die christliche Freiheit, die Paulus immer wieder hervorhebt, beinhaltet die Freiheit zum Verzicht. Es heißt einmal, dass es Menschen gibt, deren Gott ihr Bauch ist (Phil 3,19), andererseits lautet ein Sprichwort: „Liebe geht durch den Magen“. In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns. Jenen, die hier zum Verzicht aufgerufen sind – das sind die Starken – sagt Paulus:

(Rom 14:17) Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geiste.

Das bedeutet nicht, dass Essen und Trinken keine Rolle spielen, sondern dass Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist die Basis der Gemeinschaft sind. Wenn wir um einer Speise willen das Gewissen des Bruders oder Schwester verletzen, dann zerstören wir das Fundament der Gemeinschaft. Paulus ging sogar soweit, die gemeinsamen Mahlzeiten auszusetzten (nicht abzuschaffen), als er feststellte, dass es im Grundsätzlichen schon nicht stimmte:

(1.Kor 11:20-22) Wenn ihr nun an einem Orte zusammenkommet, so ist das nicht des Herrn Mahl essen. Denn ein jeder nimmt beim Essen sein eigenes Mahl vorweg, und der eine ist hungrig, der andere ist trunken. Habt ihr denn nicht Häuser, um zu essen und zu trinken? Oder verachtet ihr die Versammlung Gottes und beschämet die, welche nichts haben? Was soll ich euch sagen? Soll ich euch loben? In diesem lobe ich nicht.

Wie in Jerusalem, so war es auch in Korinth üblich, das Brotbrechen im Zuge der gemeinsamen Mahlzeiten zu feiern. Hier aber war die Basis für die Gemeinschaft gefährdet, indem die Reichen die Armen einerseits verachteten, andererseits andere sich vollfraßen und betranken! Ich trinke selbst gerne mein Bier zum Essen und kann von daher nachvollziehen, was sich in Korinth abgespielt haben muss – Aber das Reich Gottes ist nicht Essen und trinken! Essen und trinken ist Ausdruck einer intakten Gemeinschaft! Interessant ist daher die Folgerung: Bevor es deshalb unmöglich wird das Mahl des Herrn zu feiern, setzt Paulus die gemeinsamen Mahlzeiten aus, und schickt die Gläubigen dazu zurück in die eigenen Häuser. Das Mahl des Herrn hat Priorität, denn es ist der zentrale Ausdruck es Evangeliums.

Andere Regelungen mussten – aus eben demselben Grund! – getroffen werden für Christen, die unordentlich wandelten:

(1.Kor 5,11) Nun aber habe ich euch geschrieben, keinen Umgang zu haben, wenn jemand, der Bruder genannt wird, ein Hurer ist, oder ein Habsüchtiger oder ein Götzendiener oder ein Schmäher oder ein Trunkenbold oder ein Räuber, mit einem solchen selbst nicht zu essen.

(Jud 1:11-13) Wehe ihnen! Denn sie sind den Weg Kains gegangen und haben sich für Lohn dem Irrtum Balaams überliefert, und in dem Widerspruch Korahs sind sie umgekommen. Diese sind Flecken bei euren Liebesmahlen, indem sie ohne Furcht Festessen mit euch halten und sich selbst weiden; Wolken ohne Wasser, von Winden hingetrieben; spätherbstliche Bäume, fruchtleer, zweimal erstorben, entwurzelt; wilde Meereswogen, die ihre eigenen Schändlichkeiten ausschäumen; Irrsterne, denen das Dunkel der Finsternis in Ewigkeit aufbewahrt ist.

Die gemeinsamen Mahlzeiten haben mit der Heiligkeit der Gemeinde zu tun! Das ist ungemein wichtig zu verstehen. Nicht, dass wir ungläubige Gäste von der Mahlzeit ausschließen müssten – denn das Gebot der Gastfreiheit geht über die Gemeindegrenzen hinaus – aber die Gemeinde muss ein Herz und eine Seele sein und bleiben. Dazu gehört ein heiliger Lebenswandel. Sünde zerstört die Gemeinschaft, deshalb ist der Ausschluss von den gemeinsamen Mahlzeiten ein ganz wesentliches Werkzeug der Gemeindezucht.

Das Ziel ist aber immer Wiederherstellung. Sogar einer Gemeinde wie Laodizäa bot der Herr Jesus selbst an:

(Offb 3,20) Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an; wenn jemand meine Stimme hört und die Tür auftut, zu dem werde ich eingehen und das Abendbrot mit ihm essen, und er mit mir.

Als letzten Gedanken dazu möchte ich ein Himmelreichgleichnis vom Herrn selbst bringen, das das Gegengewicht zur Feststellung des Paulus ist, dass das Reich Gottes nicht in Essen und Trinken besteht:

(Lk 13,28-29) Da wird sein das Weinen und das Zähneknirschen, wenn ihr sehen werdet Abraham und Isaak und Jakob und alle Propheten im Reiche Gottes, euch aber draußen hinausgeworfen. Und sie werden kommen von Osten und Westen und von Norden und Süden und zu Tische liegen im Reiche Gottes.

Das Zeugnis der frühen Kirche

Es ist auch in der frühen Kirche klar bezeugt, welchen Stellenwert Gastfreundschaft und gemeinsame Mahlzeiten haben. Ich war einmal recht überrascht, als ich im ersten Brief des Clemens (um 75 n.Chr.) folgende Ausführungen fand:

(1.ClemR 10,7-12,3) Weil Abraham an Gott glaubte und gastfreundlich war, wurde ihm trotz seines hohen Alters ein Sohn geschenkt. Er wollte ihn gehorsam Gott als Opfer darbringen und brachte ihn zu dem Berg, den Gott ihm gezeigt hatte. Lot wurde aus Sodom gerettet, weil er Gastfreundschaft übte und fromm war, obwohl ja das ganze umliegende Land mit Feuer und Schwefel bestraft wurde. Gott machte offenbar, dass er die nicht verlässt, die auf ihn hoffen, aber die Widerspenstigen bestraft und züchtigt. Lots Frau, die mit ihm aus Sodom auszog, war anderer Meinung als er. Deswegen wurde sie zur Salzsäule gemacht, ein Zeichen bis auf den heutigen Tag. So soll erkennbar sein, dass die Unentschlossenen und die, die an Gottes Macht zweifeln, ins Gericht kommen und für alle Geschlechter zum Warnzeichen werden. Die Dirne Rahab wurde erlöst, weil sie glaubte und gastfreundlich war. Als Josua, Naves Sohn, Späher nach Jericho ausschickte, erfuhr der König, dass sie gekommen waren, um sein Volk auszukundschaften. Da befahl er seinen Männern, die Späher zu ergreifen und dem Henker zu übergeben. Die gastfreundliche Rahab aber nahm sie bei sich auf und verbarg sie in ihrem Obergemach unter ihrem Bett.

Merken wir etwas von der Absicht des Clemens? Ganz klar: Glaube und Gastfreundschaft gehören so untrennbar zusammen, dass man gewissermaßen die Gastfreundschaft als Ursache des Heils beschreiben kann! In den genannten Beispielen wäre die Geschichte jedenfalls immer völlig anders verlaufen, wenn Abraham, Lot oder Rahab kein offenes Haus gehabt hätten. Können wir uns die Folgen vorstellen?

Abgesehen von der allgemeinen Tugend der Gastfreundschaft wurden in der frühen Kirche aber auch die gemeinsamen Mahlzeiten der Gemeinde konkret angesprochen. Ignatius geht es besonders um die formale Ordnung, die zum Ausdruck bringt, dass das gemeinsame Essen eine Gemeindesache ist, wenn er um 105 n.Chr. an die Smyrnäer schreibt:

(IgnSmy 8) Es ist nicht in Ordnung, wenn ihr ohne des Aufseher tauft oder das Liebesmahl feiert.

Die Verbindung mit der Taufe unterstreicht den hohen Stellenwert des Liebesmahls, der gemeinsamen Mahlzeit. Der Begriff aus dem Judasbrief hat sich recht bald durchgesetzt, und genau dieser Bezug zur Liebe bot Anlass zur stetigen Neubesinnung, wie es etwa um 195 n.Chr. Clemens aus Alexandrien tut (Der Lehrer, 2.Buch, im ersten Kapitel, das sich vollständig mit dem Essen beschäftigt – einige Auszüge daraus):

(ClemA): Manche Menschen leben in Wahrheit, um zu essen – wie die unvernünftigen Tiere, „deren Leben ihr Bauch ist, und sonst nichts“ Doch der Lehrer zeigt uns, dass wir essen sollen um zu leben. Essen ist also weder unser Geschäft, noch ist Genuss unser Ziel, sondern beides dient unserem Leben hienieden, das durch das Wort zur Unsterblichkeit trainiert wird. … Der Epikurismus (Genuß-Philosophie) kennt keine Grenzen unter den Menschen. Er hat sie zu süßem Fleisch, Honigkuchen und Zuckerpflaumen getrieben, sie erfinden eine Unmenge an Desserts und jagen allen Arten von Speisen nach.Solch ein Mensch scheint mir nur aus den Kiefern zu bestehen, sonst aus nichts. … Doch wir, die wir das Himmelsbrot suchen, müssen unseren Bauch beherrschen, der ja geringer als der Himmel ist, und alles, was dem Bauch erstrebenswert scheint, was „Gott zerstören wird“, wie der Apostel sagt; indem Er ein gerechtes Gericht an unseren verschwenderischen Begierden üben wird. Das Fleisch ist für den Bauch, denn davon hängt unser wahrhaft fleischliches und zerstörerisches Leben ab; weshalb manche – indem sie mit ungezügelter Zunge reden – das Wort Liebesmahl verwenden für armselige Mahlzeiten, duftend nach Gewürzen und Saucen. Dabei verunehren sie das gute Erlösungswerk des Wortes, der das wahrhaftige Liebesmahl ist, mit Töpfen und dem Ausgießen von Saucen; durch Getränke und Delikatessen entheiligen sie den Namen, indem sie der Idee verfallen sind, die Verheißung Gottes könnte mit Mahlzeiten erlangt werden. … Das Mahl ist jedoch für die Liebe gemacht worden, aber das Mahl selbst ist nicht die Liebe.

Wir werden hier an die Zustände in Korinth erinnert, und es ist wohl ein allgemein menschliches Phänomen, dass Essen und Trinken rasch zum Selbstzweck ausarten kann. Es schmeckt auch so gut! Aber davon dürfen wir uns nicht blenden lassen – die reine geistliche Speise, von der wir leben, ist Christus, unser Himmelsbrot. Der Rest ist nur Mittel zum Zweck, nämlich gemeinsames Essen um der Liebe zueinander Ausdruck zu verleihen. Aber nicht, um uns mit Gaumenfreuden und exaltierten Genüssen vom Ziel abbringen zu lassen. Die Mahlzeiten sollen also schlicht sein. Tertullian schreibt um etwa 197 in seiner Apologie:

(TertApol 39) Unser Festmahl erklärt sich durch den Namen. Die Griechen nennen es Agape, d.h. Liebe. Was immer es kostet, es ist eine Ausgabe der Frömmigkeit, die uns Gewinn bringt., denn mit den guten Dingen des Festmahls unterstützen wir die Bedürftigen. … Indem es Teil unseres Gottesdienstes ist, erlaubt es weder Grobheit noch Unmäßigkeit. Bevor sich die Teilnehmer dazu setzen, kosten sie zuerst vom Gebet zu Gott. Es wird gerade soviel gegessen, um den Hunger zu stillen, und soviel getrunken, wie es der Zucht entspricht.

Agape ist bis heute ein feststehender Begriff in der katholischen Kirche, der ein gemeinsames Essen beschreibt – meist im Anschluss an eine Hochzeit, Taufe oder Beerdigung. Ursprünglich war es jedoch ein zentraler Bestandteil des christlichen Gemeindelebens, gemeinsam zu essen. Zweimal im Monat? Täglich? So oft als möglich!

Gemeinsamer Besitz

Um den dritten Themenkreis zu beginnen, kehren wir zurück zum Hebräerbrief. Was hatte Paulus, der als Saulus der Jerusalemer Gemeinschaft schweren Schaden zugefügt hatte, den Hebräern über das Teilen der Güter zu sagen?

(Heb 13,5) Der Wandel sei ohne Geldliebe; begnüget euch mit dem, was vorhanden ist, denn er hat gesagt: “Ich will dich nicht versäumen, noch dich verlassen”;

(Heb 13,16) Des Wohltuns aber und Mitteilens vergesset nicht, denn an solchen Opfern hat Gott Wohlgefallen.

Paulus spricht in diesen kurzen Bemerkungen gleich eine ganze Reihe von Punkten an, die wichtig sind: Wir sollen grundsätzlich ohne Geldliebe sein. Das ist eine wichtige Voraussetzung zum Teilen, und diese Haltung kennzeichnete die Jerusalemer Gemeinde von Anfang an. Er spricht auch von Genügsamkeit, einer Tugend, die eng mit dem Vertrauen auf Gottes Fürsorge zusammenhängt. Gottes Fürsorge wird hier konkret für die irdischen Bedürfnisse genannt – haben wir ein solches Vertrauen zu Gott? Nimmt man diese Aussagen zu Herzen, dann verändert das sämtliche Prioritäten unseres finanziellen Lebens: Dann müssen wir keine Eigenvorsorge betreiben, dann können wir Warten bis Gott uns versorgt, dann ist unser Besitz frei, um anderen zu dienen. Heb 13,5 ist die Voraussetzung für 13,16.

Im letztgenannten Vers werden wir daran erinnert, daran zu denken, dass wir Teilen und Gutes tun müssen. Man kann schon darauf vergessen, wenn man zu sehr auf sich selbst schaut und zuwenig auf die Bedürfnisse der anderen. Gutes tun und Teilen sind Themen, die fast alle Briefe durchziehen. Das mit „Mitteilen“ übersetzte Wort ist „koinonia“, dasselbe Wort wie in Apg 2,42 – Gemeinschaft.

Was geht wohl in den Köpfen der Hebräer vor, wenn der ehemalige Verwüster der Gemeinschaft sie dringend auffordert, an der Gemeinschaft festzuhalten? Es ist ein Wunder der Gnade Gottes!

Ein Wort gibt den Aufforderungen des Paulus noch eine nüchterne Note: Opfer. Gemeinschaft ist ein Opfer, es kostet etwas. Wenn wir keine Geldliebe haben, dann fällt es zwar leicht, Besitz wegzugeben, aber Gemeinschaft ist mehr als das bloße Weggeben von Besitz. Wenn man Gutes tun will, muss man sich mit den Bedürfnissen der Gemeinde konkret auseinandersetzen, was darüber hinaus Zeit und Liebe kostet. Zusammen mit der Liebe wird es ein Gott wohlgefälliges Opfer (ohne Liebe ist es nichts – 1.Kor 13,3).

Die Ermahnungen zum Teilen im übrigen Neuen Testament

Ich werde in der Folge einfach der Reihe nach vom Römerbrief beginnend Beispiele aus den Briefen bringen und kurz kommentieren. Was uns interessieren soll, ist die Verbindlichkeit der Anweisungen einerseits, und die Freiwilligkeit des Dienens andererseits. Aber auch die Art und Weise des Zusammenlegens ist interessant.

(Röm 12,13) an den Bedürfnissen der Heiligen nehmet teil; nach Gastfreundschaft trachtet.

Kurz und knapp, mitten unter anderen kurzen und knappen Anweisungen. Das Wort „Bedürfnisse“ ist insofern stark, als Gemeinschaft kein Selbstzweck ist, sondern notwendig in dem Sinn, dass Gemeinschaft Not wenden soll. Das Wort teilnehmen leitet sich übrigens von koinonia – Gemeinschaft – ab.

(1.Kor 13,3) Und wenn ich alle meine Habe zur Speisung der Armen austeilen werde, und wenn ich meinen Leib hingebe, auf dass ich verbrannt werde, aber nicht Liebe habe, so ist es mir nichts nütze.

Hier geht es um die Motivation zur Gemeinschaft. Das war der Unterscheid zwischen Barnabas und Ananias, letzterer handelte mit seiner Frau lieblos. Die Liebe kann soweit gehen, dass man wirklich alles für den Nächsten gibt; in der Regel will sie aber durch die Gemeinde so wirken, dass die Not auf mehrere Unterstützer verteilt wird.

(1.Kor 16,1-2) Was aber die Sammlung für die Heiligen betrifft: wie ich den Versammlungen von Galatien verordnet habe, also tut auch ihr. An jedem ersten Wochentage lege ein jeder von euch bei sich zurück und sammle auf, je nachdem er Gedeihen hat, auf dass nicht dann, wenn ich komme, Sammlungen geschehen.

Paulus konfrontiert die Korinther mit harter Kritik und hat die Stirn, noch Geld von ihnen zu verlangen! So jedenfalls kann es verstanden werden. In Wirklichkeit schätzt der Apostel die Gemeinde doch so hoch ein, dass die Liebe in ihrem Denken überwiegt. Es geht ja nicht um Geld für Paulus, sondern um eine Sammlung für die in Not geratene Jerusalemer Gemeinde. Die Ursache war eine Hungersnot. Hier und im zweiten Korintherbrief wird deutlich, dass das Teilen und Helfen nicht auf die örtliche Gemeinde beschränkt bleibt, sondern gemeindeübergreifend Gemeinschaft gelebt wurde. Die Sammlungen wurden am Tag des Herrn getätigt, in derselben Zusammenkunft, in der auch das Brot gebrochen wurde – die Symbolwirkung ist eindeutig.

Jeder soll nach den eigenen Möglichkeiten geben – es gab keine Vorschrift über die Menge, aber die Ermahnung, sich darüber die ganze Woche über Gedanken zu machen, ob und wie jeder einzelne mittragen kann.

(2.Kor 8,1-4) Wir tun euch aber kund, Brüder, die Gnade Gottes, die in den Versammlungen Macedoniens gegeben worden ist, dass bei großer Drangsalsprüfung die Überströmung ihrer Freude und ihre tiefe Armut übergeströmt ist in den Reichtum ihrer Freigebigkeit. Denn nach Vermögen, ich bezeuge es, und über Vermögen waren sie aus eigenem Antriebe willig, indem sie mit vielem Zureden uns um die Gnade und die Gemeinschaft des Dienstes für die Heiligen baten. Und nicht wie wir hofften, sondern sie gaben sich selbst zuerst dem Herrn und uns durch Gottes Willen,

Das ist mit Sicherheit einer der schönsten Texte zum Thema, zeigt er doch etwas vom Brennen der Liebe, die einen die eigene Not und Armut vergessen lässt, um nur an der Gemeinschaft (wieder: koinonia) mitzuwirken! Sie haben sich selbst zuerst Gott gegeben – er wird für sie sorgen. Sie können daher getrost sich selbst vergessen …

(2.Kor 8,13-15) Denn nicht auf dass andere Erleichterung haben, ihr aber Bedrängnis, sondern nach der Gleichheit: in der jetzigen Zeit diene euer Überfluss für den Mangel jener, auf dass auch jener Überfluss für euren Mangel diene, damit Gleichheit werde; wie geschrieben steht: “Wer viel sammelte, hatte nicht Überfluss, und wer wenig sammelte, hatte nicht Mangel”.

Paulus ist hier sehr ausgewogen, und um Ausgewogenheit geht es auch. Die Mazedonier waren bereit, in ein Extrem zu gehen, das zwar in der Liebe lobenswert ist, aber nicht die Zielvorgabe an uns ist. Wir müssen hier sehr aufpassen, dass wir die Gemeinde nicht durch überzogene Forderungen überfordern. Aber eine Forderung steht im Raum, an der wir nicht vorbeikommen: Ausgleich. Der Überfluss des einen hat dem Mangel des anderen zu dienen – und dieses Prinzip begründet Paulus mit der Schrift. Das heißt: Das gilt unumstößlich – die Wege, diesen Ausgleich zu erreichen, sind vielfältig, aber das Ziel steht fest.

(2.Kor 9,6-9) Dies aber sage ich: Wer sparsam sät, wird auch sparsam ernten, und wer segensreich sät, wird auch segensreich ernten. Ein jeder, wie er sich in seinem Herzen vorsetzt: nicht mit Verdruss oder aus Zwang, denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb. Gott aber ist mächtig, jede Gnade gegen euch überströmen zu lassen, auf dass ihr in allem, allezeit alle Genüge habend, überströmend seid zu jedem guten Werke; wie geschrieben steht: “Er hat ausgestreut, er hat den Armen gegeben; seine Gerechtigkeit bleibt in Ewigkeit”.

Mitteilen und Gemeinschaft ist ein Opfer, aber es soll eine fröhliche Sache sein. Es ist ein Gebot, aber soll kein Zwang auf uns liegen. Das ist so paradox wie die Tatsache, dass das Wegstreuen von Saatgut reiche Ernte bringt. Aber so ist Gott. Er gibt eine wunderbare Verheißung jenen, die freudig geben. Es liegt an uns, diesen Segen zu ergreifen.

(Gal 6,2) Einer trage des anderen Lasten, und also erfüllet das Gesetz des Christus.

(Gal 6,9-10) Lasst uns aber im Gutestun nicht müde werden, denn zu seiner Zeit werden wir ernten, wenn wir nicht ermatten. Also nun, wie wir Gelegenheit haben, lasst uns das Gute wirken gegen alle, am meisten aber gegen die Hausgenossen des Glaubens.

Wieder greift Paulus das Bild von Saat und Ernte auf, und nennt das Tun des Guten im Kontext sogar das Gesetz Christi. Das ist ein starkes Wort, aber genau darum geht es, wenn der Herr Jesus von der Liebe spricht, oder? Zuerst ist unser Blick auf die Hausgenossen gerichtet – wir sind Familie, und eine Familie hält zusammen – aber darüber hinaus soll die Hilfsbereitschaft allen Menschen gelten. Wir dürfen da an die Brocken denken, die vom Tisch zu Boden fallen, wie es der Herr in einem Gleichnis sagte.

(Eph 4,28) Wer gestohlen hat, stehle nicht mehr, sondern arbeite vielmehr und wirke mit seinen Händen das Gute, auf dass er dem Dürftigen mitzuteilen habe.

Unser Geld wächst weder auf den Bäumen, noch liegt es auf der Straße herum – es muss erarbeitet werden. Paulus selbst ging hier mit gutem Beispiel voran, wie er es gerade den Ältesten von Ephesus in Erinnerung gerufen hat:

(Apg 20,34-35) Ihr selbst wisset, dass meinen Bedürfnissen und denen, die bei mir waren, diese Hände gedient haben. Ich habe euch alles gezeigt, dass man, also arbeitend, sich der Schwachen annehmen und eingedenk sein müsse der Worte des Herrn Jesus, der selbst gesagt hat: Geben ist seliger als Nehmen.

Diese Haltung wird bestätigt durch ein Wort des Herrn Jesus, das über die mündliche Überlieferung in die Apostelgeschichte gelangt ist. So wichtig ist diese Aussage, dass Paulus damit die Erwartung an die Ältesten begründet: Selbst die Ältesten sollen arbeiten und einen Überschuss erwirtschaften, den sie mit den Bedürftigen teilen können – sagen Sie das Ihrem Pastor …

(Phil 2,3-4) nichts aus Parteisucht oder eitlem Ruhm tuend, sondern in der Demut einer den anderen höher achtend als sich selbst; ein jeder nicht auf das Seinige sehend, sondern ein jeder auch auf das der anderen.

Das ist die praktische Seite des großen Wortes „Selbstverleugnung“. Statt die Stillung der eigenen Wünsche einzufordern, blickt der Christusgesinnte auf die Bedürfnisse der anderen. Weil er den anderen für höher achtet als sich selbst.

(Phil 4,15-17) Ihr wisset aber auch, ihr Philipper, dass im Anfang des Evangeliums, als ich aus Macedonien wegging, keine Versammlung mir in Bezug auf Geben und Empfangen mitgeteilt hat, als nur ihr allein. Denn auch in Thessalonich habt ihr mir einmal und zweimal für meine Notdurft gesandt. Nicht dass ich die Gabe suche, sondern ich suche die Frucht, die überströmend sei für eure Rechnung.

Paulus war nicht nur ein Geber, er war auch ein Nehmer. Beides gehört zusammen, und beides schaffte den geforderten Ausgleich. ES geht um ein gegenseitig Geben und Nehmen. Wer in diesen Kreislauf einsteigt, offenbart die Frucht des Glaubens in seinem Leben. Paulus erinnert hier wieder, dass eine Haltung des Gebens die Verheißung Gottes hat – es zahlt sich einfach aus.

(1.Thess 4:9-12) Was aber die Bruderliebe betrifft, so habt ihr nicht nötig, dass wir euch schreiben, denn ihr selbst seid von Gott gelehrt, einander zu lieben; denn das tut ihr auch gegen alle Brüder, die in ganz Macedonien sind. Wir ermahnen euch aber, Brüder, reichlicher zuzunehmen und euch zu beeifern, still zu sein und eure eigenen Geschäfte zu tun und mit euren [eigenen] Händen zu arbeiten, so wie wir euch geboten haben, auf dass ihr ehrbarlich wandelt gegen die, welche draußen sind, und niemandes bedürfet.

Die Thessalonicher waren einer sehr dynamische junge Gemeinde, die sofort allen anderen Gemeinden in der Umgebung zum Vorbild geworden sind. Auch ihnen gab Paulus das Vorbild eines arbeitenden Apostels, und genau zu einem solchen Lebensstil fordert er die Thessalonicher auf. Die Liebe ist tätig, und bedeutet im Zusammenhang mit der Arbeit wohl das Wahrnehmen der Bedürfnisse der Gläubigen.

(2.Thess 3,6-13) Wir gebieten euch aber, Brüder, im Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr euch zurückziehet von jedem Bruder, der unordentlich wandelt, und nicht nach der Überlieferung, die er von uns empfangen hat. Denn ihr selbst wisset, wie ihr uns nachahmen sollt; denn wir haben nicht unordentlich unter euch gewandelt, noch haben wir von jemand Brot umsonst gegessen, sondern wir haben mit Mühe und Beschwerde Nacht und Tag gearbeitet, um nicht jemand von euch beschwerlich zu fallen. Nicht dass wir nicht das Recht dazu haben, sondern auf dass wir uns selbst euch zum Vorbilde gäben, damit ihr uns nachahmet. Denn auch als wir bei euch waren, geboten wir euch dieses: Wenn jemand nicht arbeiten will, so soll er auch nicht essen. Denn wir hören, dass etliche unter euch unordentlich wandeln, indem sie nichts arbeiten, sondern fremde Dinge treiben. Solchen aber gebieten wir und ermahnen sie in dem Herrn Jesus Christus, dass sie, in der Stille arbeitend, ihr eigenes Brot essen. Ihr aber, Brüder, ermattet nicht im Gutestun.

Gemeinschaft kann theoretisch auch ausgenützt werden. Darum geht es hier. Paulus weist solche scharf zurecht, die nicht arbeiten wollen – und er hat die vollste Autorität dazu, denn er gab ein gutes Beispiel mit seinem eigenen Leben. Wer die Gemeinschaft ausnützen will, dem wird die Gemeinschaft entzogen. Die übrigen sollen sich dadurch nicht entmutigen lassen im Gutestun. Es ist ein tragischer Nebeneffekt der Faulheit einzelner, dass dadurch die ganze Gemeinschaft zerstört werden kann, weshalb die Zurechtweisung scharf und deutlich ausfallen muss.

(1.Tim 5,3-4) Ehre die Witwen, die wirklich Witwen sind. Wenn aber eine Witwe Kinder oder Enkel hat, so mögen sie zuerst lernen, gegen das eigene Haus fromm zu sein und den Eltern Gleiches zu vergelten; denn dieses ist angenehm vor Gott.

Auch für Paulus ist klar, dass die Gemeinde für die Versorgung der Witwen aufkommen soll, aber die erste Verantwortung liegt dennoch bei den Kindern und Enkeln der Witwe.. ES mag ja ungemein bequem sein, wenn man Verantwortung an die Gemeinde delegieren kann, aber das ist nicht zulässig.; das wäre eine andere Form gemeinschaftszerstörenden Verhaltens. Das ist so schlimm, dass Paulus noch etwas nachsetzt:

(1.Tim 5,8) Wenn aber jemand für die Seinigen und besonders für die Hausgenossen nicht sorgt, so hat er den Glauben verleugnet und ist schlechter als ein Ungläubiger.

(1.Tim 5,16) Wenn ein Gläubiger oder eine Gläubige Witwen hat, so leiste er ihnen Hilfe, und die Versammlung werde nicht beschwert, auf dass sie denen Hilfe leiste, die wirklich Witwen sind.

Paulus erwähnt im Brief an Timotheus auch wieder die allgemeine Einstellung zum Besitz, und setzt:

(1.Tim 6,6-10) Die Gottseligkeit aber mit Genügsamkeit ist ein großer Gewinn; denn wir haben nichts in die Welt hereingebracht, [so ist es offenbar,] dass wir auch nichts hinausbringen können. Wenn wir aber Nahrung und Bedeckung haben, so wollen wir uns daran genügen lassen. Die aber reich werden wollen, fallen in Versuchung und Fallstrick und in viele unvernünftige und schädliche Lüste, welche die Menschen versenken in Verderben und Untergang. Denn die Geldliebe ist eine Wurzel alles Bösen, welcher nachtrachtend etliche von dem Glauben abgeirrt sind und sich selbst mit vielen Schmerzen durchbohrt haben. dann fort, indem er besonders die Reichen anspricht.

(1.Tim 6,17-18) Den Reichen in dem gegenwärtigen Zeitlauf gebiete, nicht hochmütig zu sein, noch auf die Ungewissheit des Reichtums Hoffnung zu setzen, sondern auf Gott, der uns alles reichlich darreicht zum Genuss; Gutes zu tun, reich zu sein in guten Werken, freigebig zu sein, mitteilsam,

Das Wort „mitteilsam“ bedeutet „Teilhaber machen“ und ist auch mit „koinonia“ (Gemeinschaft) verwandt. Die Rechen sollen also die Bedürftigen zu Teilhabern ihres Reichtums machen, indem sie freigiebig werden und Gutes tun. Das aus der Erkenntnis heraus, das Reichtum ja doch nur ein Fallstrick ist und keinerlei Sicherheit bieten kann. Sicherheit ist allein bei Gott, der uns seine Zusage gegeben hat (Mt 6,33).

(Tit 3,14) Lass aber auch die Unsrigen lernen, für die notwendigen Bedürfnisse gute Werke zu betreiben, auf dass sie nicht unfruchtbar seien.

Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass Liebe gelernt sein will. Man muss es einüben, sich zeigen lassen und nachahmen bis es zu einem Charakterzug geworden ist.

(Philem 1,5-6) da ich höre von deiner Liebe und von dem Glauben, den du an den Herrn Jesus und zu allen Heiligen hast, dass die Gemeinschaft deines Glaubens wirksam werde in der Anerkennung alles Guten, welches in uns ist gegen Christum [Jesum].

Auch seinem alten Freund Philemon erbetete Paulus Wachstum in der Liebe und der Gemeinschaft. Man lernt nie aus darin. Wir verlassen nun Paulus und runden diesen Sbschnitt mit einem Text aus dem ersten Johannesbrief ab:

(1.Joh 3,16-18) Hieran haben wir die Liebe erkannt, dass er für uns sein Leben dargelegt hat; auch wir sind schuldig, für die Brüder das Leben darzulegen. Wer aber der Welt Güter hat und sieht seinen Bruder Mangel leiden und verschließt sein Herz vor ihm, wie bleibt die Liebe Gottes in ihm? Kinder, lasst uns nicht lieben mit Worten, noch mit der Zunge, sondern in Tat und Wahrheit.

Liebe, die nicht die irdischen Güter zu teilen bereit ist, ist keine Liebe, sondern heilsentscheidender Selbstbetrug! Die Liebe ist nicht nur ein Gefühl der Sympathie, sondern die Bereitschaft für den Bruder zu sterben, so wie es der Herr Jesus uns vorgelebt hat, in dessen Fußstapfen wir getreten sind. Alles, was weniger ist als das, ist nicht genug.

Wie wirken all diese Beispiele auf uns? Wo stehen wir? Sind wir tatsächlich so bedürfnislos, dass wir uns mit Nahrung und Kleidung (ggf auch Wohnung) zufrieden geben? Wofür arbeiten wir? Die meisten von uns erhalten mehr Lohn, als sie selbst benötigen. Was passiert mit dem Rest? Ein Teil geht in die Gemeindekasse (für Miete, Soundanlage, Pastorengehalt … aber für die Armen?). Aber nur ein relativ kleiner Teil des Überschusses, denn der größere Anteil dient der persönlichen Vermögensbildung und Besitzvermehrung, indem man das Geld für die Altersvorsorge anlegt, spart oder für Dinge ausgibt, die eigentlich Luxusgüter oder Statussymbole sind. Ich kann mich ehrlich gestanden von dieser Kritik selbst nicht ausnehmen und bin erschüttert, zutiefst erschüttert über die Diskrepanz zwischen der biblischen Lehre und meinem Lebensstil.

Und die Armen in unserer Gemeinde? Ja, es gibt ein paar Langzeitarbeitslose, aber die werden ohnedies vom Staat erhalten, oder? Und sie bekommen ja eine Arbeit zugewiesen vom Arbeitsamt – und dann pendelt der Arme drei Stunden täglich zwischen Wohnung und Arbeitsplatz hin und her … was das für seine Familie und seine Gemeinschaftsfähigkeit bedeutet, lieg auf der Hand. Aber wir haben uns damit abgefunden, dass es so ist. Dass der Wohlfahrtsstaat uns sozial entmündigt hat, und auf diese Art der Teufel selbst der Gemeinde die Kernkompetenz – Liebe in Tat und Wahrheit – weggenommen hat.

Das Zeugnis der frühen Kirche

Wahrscheinlich wird es uns kaum mehr überraschen, dass auch in diesem Punkt das Zeugnis der frühen Kirche die Gesamtaussage nicht nur bestätigt, sondern bekräftigt, sodass wir am Ende keine Ausreden mehr haben werden. Wir werden wieder bei den frühesten Schriften – Barnabasbrief und Didaché – beginnen.

(Barn 19,8) Teile alle deine Güter mit deinem Nächsten und behaupte nicht, dass etwas nur dir persönlich gehört. Denn wenn ihr das Unvergängliche miteinander teilt, um wieviel mehr könnt ihr das Vergängliche zur gemeinsamen Sache machen.

(Did 4,7+8) Sei nicht zögerlich beim Geben. Wenn du gegeben hast, klage nicht darüber, dass du es getan hast. Dann wirst du schon erfahren, dass Gott dir deine Gabe reich vergelten wird. Weise den Bedürftigen nicht ab, sondern teile alle Güter mit deinem Bruder und deiner Schwester und behaupte nicht, dass etwas nur dir persönlich gehört.

Das ist glasklar. Dabei beziehen sich beide Schriften, die übrigens weit verbreitet und höchst angesehen waren, ganz deutlich auf das Jerusalemer Vorbild. Wir sollen von nichts sagen, dass es nur uns gehört. Das ist eine ganz wesentliche Einstellungssache. Weiters ist die Freiwilligkeit des Gebens einerseits angesprochen, aber verbunden mit einem sehr starken Gebot zu geben. Was in unseren Ohren widersprüchlich klingt, macht Sinn, wenn wir uns vor Augen halten, dass das höchste Gebot Christi die Liebe ist. Wir MÜSSEN lieben, denn wenn wir das nicht tun, schärft Johannes uns ein, bleibt die Liebe des Vaters nicht in uns. Andererseits ist Liebe immer ein freier Entschluss und kann nicht erzwungen werden. Wie kommen wir also dahin, dass wir freiwillig einem Gebot nachkommen, das kompromisslos gefordert wird? Indem unsere Gesinnung verändert wird! Darum muss sich zuallererst unsere Einstellung Besitz ändern: Uns gehört nicht nur für uns selbst. Der Rest ist dann gewissermaßen eine Selbstverständlichkeit.

Die Didachè ruft die Verheißung Gottes für den freudigen Geber in Erinnerung, die uns zusätzlich motivieren soll, den Bedürftigen zu helfen. „Vergelt’s Gott“ ist eine leider aussterbende Antwort auf eine empfangene Wohltat. Als ich einmal einem Bettler mangels Kleingeld einen 10-Euro Schein in die Hand gedrückt hatte, antwortete dieser (durch den Heiligen Geist, wie ich meine): „Jetzt haben Sie dem Herrgott geholfen.“ Wenn Gott sich nicht spotten lässt, so lässt Er sich auch nichts schenken – Er belohnt die freudigen Geber reichlich.

Zuletzt haben beide Schriften eine sehr interessante Zusatzbegründung: Wenn wir schon geistlich eine Einheit sind, wieviel mehr dann im Materiellen! Das macht absolut Sinn, denn unser Glaube ist je keine reine intellektuelle Sache, sondern umfasst das ganze Leben. Spiritualität, die sich nicht auf unseren Besitz auswirkt, ist ein Trug. Dieses Argument kommt nicht aus der Schrift (jedenfalls nicht als direktes Zitat), umso bemerkenswerter ist es deshalb, dass es wörtlich in zwei der frühesten christlichen Schriften gebraucht wird. Das bedeutet, dass diese Art zu denken, tatsächlich die frühe Gemeinde geprägt hat. Die Gemeinde zur Spätzeit der Apostel, als Johannes noch lebte. Dieses Argument ist ein „Vernunft-Argument“, es ist dermaßen einsichtig, dass uns jede Ausflucht genommen wird. Wie stellen wir uns dazu?

Gehen wir einen Schritt weiter ins zweite Jahrhundert. Justin, der Märtyrer, erklärte in seiner Apologie um 160 n. Chr:

(JusMAp 15): Wir, die wir früher Dinge über alles schätzten, die Vermehrung von Reichtum und Besitz, legen nun alles in einer gemeinsamen Kasse zusammen, um mit denen zu teilen, die es benötigen.

Aus diesem Zeugnis geht hervor, dass dieses Teilen der Güter in der Gemeinde in Form einer gemeinsamen Kasse organisiert war. Das erinnert daran, dass die Jerusalemer Gemeinde ihre Gaben den Aposteln zu Füßen legte – das ist Loslassen in Vollendung! Wir sind bereit zu geben, aber wir üben keinerlei Kontrolle mehr darüber aus. Nicht mehr wir entscheiden, wem konkret geholfen wird, sondern die Gemeindeleitung. Damit soll verhindert werden, dass nach Parteilichkeit oder Freundschaft gegeben wird, sondern nach der tatsächlichen Not, die die Ältesten als Hirten der Herde wahrzunehmen haben. In unserem Gemeindelokal gibt es einen kleinen Kasten, indem jedes Gemeindeglied einlegt, was es vor dem Herrn erkennt zu geben. Damit endet die Kontrolle über das persönliche Geld, und die gesammelten Mittel werden von der Gemeindeleitung verwaltet und aufgeteilt, wie die verantwortlichen Brüder es vor dem Herrn für richtig befinden. Wie in den meisten Mainstream-Gemeinden ist der Fokus dabei nicht auf die Armen und Bedürftigen, oder einen Ausgleich ausgerichtet. Wir haben geringe Lokalkosten, dafür aber – und auch das ist wichtig und richtig – geht mehr als die Hälfte des Budgets in die Mission. Die gemeinsame Kasse gibt es in fast allen Gemeinden, aber wird sie nur aus dem entbehrlichen Bruchteil des Überschusses gefüllt oder gilt der Grundsatz, dass alles allen gehört, beim Geben?

Clemens von Alexandrien schreibt in seinem Werk „Der Lehrer“ um 195 folgendes zum Thema:

(ClemAInstr II,18) Gott gab Sein Wort für alle gemeinsam, und Er schuf alle Dinge alle. Deshalb haben wir alle Dinge gemeinsam, und der Reiche darf sich nicht einen ungebührlichen Teil davon aneignen. Deshalb ist der Ausspruch: „Ich besitze und besitze im Überfluss; warum sollte ich mich dessen nicht erfreuen?“ unpassend sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft. Der Liebe entspricht vielmehr: „Ich besitze – warum sollte ich das nicht mit jenen teilen, die es nötig haben?“ Denn solch ein Mensch, der das Gebot „Du sollst deinen nächsten lieben wie dich selbst“, erfüllt, ist vollkommen. … Ich weiß schon, dass Gott uns die Freiheit gegeben hat, die Dinge zu gebrauchen – doch nur, soweit es nötig ist! – und er hat bestimmt, dass wir sie gemeinsam haben sollen. Es ist abscheulich, wenn einer in Luxus lebet, während andere Mangel leiden!

Dieses Buch „Der Lehrer“ ist eine Zusammenfassung der christlichen Lehre und des christlichen Lebensstils, was diesen Aussagen besonderes Gewicht verleiht. Clemens argumentiert von der Schöpfung her: Die Schöpfung ist für alle da, niemand darf daraus ein Stück für sich alleine beanspruchen. Die Indianer Nordamerikas, die dieses Bewusstsein offenbar bewahrt haben, waren deshalb nicht in der Lage zu verstehen, was der weiße Mann meinte, er wolle Land von ihnen erwerben – die Folgen waren schrecklich für sie. Aber es ist viel schrecklicher, dass der Mensch sich ein Stück Land unter den Nagel reißt und sagt: Das ist meins! So war die Schöpfung nicht gedacht! Die Gemeinde soll nun aber den ursprünglichen Willen Gottes widerspiegeln, deshalb hat sie Gemeinschaft der Güter. Das Argument ist biblisch, logisch und zwingend. Die Frage ist, ob wir als Gemeinde, diesem Willen Gottes Ausdruck verleihen wollen. Kann die Welt an uns erkennen, wie gut Gott es eigentlich mit uns meint?

Ich schließe mit einem leicht ironischen Zitat von Tertullian, der um 197 n.Chr in seiner Apologie schreibt:

(TertApol 39) Der Familienbesitz, der bei euch die Bruderschaft in Regel zerstört, schafft unter uns brüderliche Verbundenheit. Ein Herz und eine Seele, zögern wir nicht, unseren irdischen Besitz untereinander zu teilen. Alles gehört uns gemeinsam – außer unseren Frauen.

Fazit

Wir haben in den letzten Seiten gesehen, dass das Beispiel der Jerusalemer Gemeinde tatsächlich die Vorgabe für alle Gemeinden ist. Im gesamten Neuen Testament und dem Zeugnis der frühen Kirche finden wir bestätigt, dass (möglichst) tägliches Zusammenkommen, möglichst häufige gemeinsame Mahlzeiten und das Teilen aller Güter Grundlage christlichen Gemeindelebens ist. Davon sind wir meilenweit entfernt – anders gesagt: Wir sind nachweislich nicht bibeltreu.

Eines der ältesten christlichen Bekenntnisse, das auf das zweite Jahrhundert zurückgeht, ist das apostolische Glaubensbekenntnis. Dort heißt es: „Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen.“ Glauben wir das wirklich?

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