Entschlüsse und Vorsätze

von Geert Groote (gestorben 1384)

Alles, was ich beginne, will ich im Namen des Herrn beginnen  und  will  dabei  meine  Hoffnung  auf den Herrn setzen, dass er mich damit auf den Weg meines Heils  leitet,  und  keine  Hoffnung  soll   sich  auf das Schicksal oder auf die Gestirne richten, meine einzige Hoffnung sei auf Gott und auf das Gebet, auf die gu­ten Geister und ihren Schutz. Was weiß ich, ob es mir nützlich ist, auf einem Wege oder in einer Sache voran­zukommen? Im Gegenteil: das ist oft sehr unnütz, denn oftmals sind Angst und Trübsal von großem Nutzen, darum will ich mich der Anordnung Gottes unterwer­fen. „Wirf also alle Sorge auf ihn, denn er sorgt für dich.”

Mit welchem Erbarmen hat er mich durch seine Züchtigung wider meinen Willen zurückgerufen! Auch sollen wir uns nicht sorgen, was wir essen, noch weniger sollen wir uns um die Gestirne und abergläu­bische Dinge kümmern. Denn es ist für jeden Chri­sten nötig, aus reinem Herzen sich selbst zu verlassen und sich Gott anzuvertrauen. Ebenso wenig will ich ein Urteil über die Zukunft abgeben, ich will mich über­haupt kaum um die Zukunft kümmern. Denn ich will mich und alle meine Angelegenheiten Gott unter­werfen.

Durch Ehren, durch Beziehungen und durch Gewinn­sucht, um die sich alle mühen, wird man verunreinigt, und durch solche gewinnbringenden Gewerbe wird der Mensch verdunkelt, er wird von Leidenschaften heim­gesucht,  seine  natürliche  Willensrichtung  wird  ver­kehrt und sein Wollen beeinträchtigt, so dass sie weder göttliche noch tugendhafte Dinge noch auch die Güter des Leibes recht betrachten können. Daher geschieht es höchst selten, dass derjenige, der sich mit gewinn­bringenden   Gewerben   oder  mit  Medizin,   mit   dem weltlichen oder mit dem kanonischen Recht befasst, in seinem Urteil rechtschaffen und billig ist oder gerecht oder ruhig ist oder den richtigen Blick behält.

Verwende  keine   Zeit   auf  Geometrie,   Arithmetik, Rhetorik, Grammatik, Dialektik, Lyrik, Poesie noch auf die urteilende Astrologie. All das wird von Seneca verworfen, und ein rechter Mann muss dergleichen auf Distanz betrachten, wie viel mehr muss ein geistlich Ge­sinnter oder ein Christ es verachten. Auch ist es eine unnütze Zeitverschwendung und nützt nichts für das Leben.

Unter allen Wissenschaften der Heiden sind die mo­ralischen am wenigsten zu verachten, denn oft sind sie sehr nützlich und förderlich sowohl für das  eigene Leben als auch für die Unterweisung anderer. Darum haben die Größeren unter den Weisen, wie zum Beispiel Sokrates und Platon, die gesamte Philosophie auf die Sittenlehre beschränkt… Denn alles,  was  uns nicht bessert oder vom Bösen zurückhält, ist schädlich. Keine Kunst studieren, kein Buch verfassen, keine Reise oder  Arbeit  unternehmen,   keine  Kunst   aus­üben zu meinem eigenen Ruhm, zum Ruhm meines Wissens, oder um Ehrungen oder um die Dankbarkeit der Mitmenschen zu erwarten oder um später ein Andenken an mich zu hinterlassen. Wenn ich nämlich solche Dinge oder irgendeine Tat um Lohn getan habe, so wird mir bei dem himmlischen Vater kein Lohn erstattet, und sollte ich etwas dergleichen tun, dann will ich es stets um des Guten und um des ewigen Lohns willen tun. Daher ist die Ausbreitung meines Namens auf alle Weise zu meiden…

Alle öffentliche Disputation meiden und verab­scheuen, welche Streit mit sich bringt oder zum Sieg oder zum Ruhm führen soll, so wie alle Disputationen der Theologen und Philosophen in Paris, ja, sie nicht einmal besuchen, um sie kennenzulernen, denn es ist offenbar, dass sie der Ruhe zuwider sind und dass Zank und Streit daraus entstehen und dass sie unnütz sind und stets abgeschmackt und meistens abergläubisch, ungeistlich, teuflisch, irdisch; ihre Lehre ist oft schädlich und immer unnütz, und der Zeitauf­wand ist nutzlos vertan. Inzwischen könntest du dir durch ein verdienstliches Gebet oder beim Studium eines Frommen geistlichen Gewinn erwerben.

… Studiere niemals, um einen Grad in der Theo­logie zu erlangen und dich darauf zu stützen, denn ich will keinen Gewinn, keine Pfründe oder Ruhm damit erwerben, und das Wissen kann ich ebenso­wohl haben ohne akademischen Grad. Auch ist es fleischlich, und sie denken fleischlich. Auch würdest du in vielen Dingen vom Heil des Nächsten abgezo­gen, desgleichen vom Gebet, von der Reinheit des Geistes und von der Entäußerung, auch muss man vielen eitlen Vorlesungen beiwohnen und unter einer Menge von Menschen sein, in der man befleckt und verstört wird.

Jura und Medizin studiere niemals, es sei denn bei einem gegebenen Zufall, bei dem du etwas Gutes damit schaffen kannst, denn in sich selbst schaffen sie keine Speise, sondern lenken den Geist ab. Doch aus Liebe zum Frieden oder bei dringender Notwen­digkeit oder wenn sich ein wundersamer Zufall er­gibt, kann das Studium der Gesetze ratsam erschei­nen und die Medizin für den eigenen oder für den Leib des Nächsten. Denn es gibt weltliche Dinge, bei denen es besser ist, die Entscheidung der anderen auf sich zu nehmen, als selbst eine solche zu fällen. So ist den Theologen, den Mönchen und denjenigen, die nach dem Gesetz Gottes verlangen, das Studium der Rechte und der Medizin versagt…

Niemals sollst du um einer freundschaftlichen, ver­wandtschaftlichen oder anderen Beziehung willen vor einem Beamten oder einem geistlichen Richter erscheinen, es sei denn, die Frömmigkeit verlange es unausweichlich, und in einem solchen Fall sollst du einen anderen als Bevollmächtigten schicken, nicht aber selbst gehen. Denn wenn du gehen und dich in den Lärm und in das Unglück der Welt einmischen wolltest, so würde dein Geist in Unruhe versetzt. In allen übrigen Fällen lasse die Toten ihre Toten be­graben…

Wenn dein Verwandter geschlagen, getötet oder belästigt wird, so verletze den Übeltäter niemals. Gib nie einen Rat wider ihn zu seinem Nachteil. Ver­härte nie deinen Mund wider ihn und meide ihn nicht, vielmehr sollst du trösten und ermahnen oder auch eine Versöhnung herbeiführen. Und wenn die Freunde von dir eine Rache verlangen, so bringe sie von ihrer Rachsucht mit freundlichen Worten ab, da­mit sie kein Unrecht tun. Du aber vergib allen, und gib ein solches Beispiel, dass du andere dadurch er­mahnen kannst.

Ebenso wenig will ich mich jemals mit den Taten meiner Freunde oder Blutsverwandten oder Vorge­setzten befassen, es sei denn, sie seien ausschließlich fromm und dienten der Nächstenliebe, der Frömmig­keit und der Gerechtigkeit und sie seien derart, dass andere sie nicht ebensowohl tun können. Auch wäre es ein Übel, die Frömmigkeit, die Gerechtigkeit und den geistlichen Nutzen des Nächsten, den ein ande­rer nicht wahrnehmen kann, nur um der eigenen Beschaulichkeit willen außer acht zu lassen.

Ich komme noch einmal auf die Wissenschaft zu sprechen. Die Wurzel deines Studiums und der Spie­gel deines Lebens sei in erster Linie das Evangelium Christi,  denn  darin  ist das  Leben  Christi  enthalten; des  weiteren   die   Lebensbeschreibungen   und   Unter­redungen  der  Väter,   sodann  die  Briefe  des  Paulus, die kanonischen Briefe und die Apostelgeschichte, so­dann fromme Bücher wie die Meditationen Bernhards und das Horologium Anselms,  die Schrift Bernhards über das Gewissen, die Monologe Augustins und ähn­liche Bücher, desgleichen die Legenden und die Blü­tenlesen der Heiligen,  die moralischen Unterweisun­gen   der   Väter   wie   die   Hirtenschrift   Gregors,   die Schrift   des   seligen   Augustin   über   die   Arbeit   der Mönche,    Gregor   über   Hiob   und   dergleichen,   die Evangelienpredigten der heiligen Väter und der vier Lehrer’, die Auslegungen der heiligen Väter und die Postillen über die Paulusbriefe, weil sie in den Ab­schnitten der Kirche enthalten sind, das Studium der Gleichnisse  in  den  Büchern  Salomos  und  das  Buch Prediger und Jesus Sirach, weil sie in den Abschnit­ten und den Lesungen der Kirche enthalten sind,… das Studium und das Verständnis des Psalters, weil sie in der Kirche der heiligen Väter enthalten sind, …   das  Studium  der  Geschichten  der  Bücher  Mose, des Josua, der Richter und der Prophetenkönige so­wie die Auslegungen der Väter dazu .. .

. .. Um nichts in der Welt sollte sich der Mensch in Verwirrung bringen lassen. Wer tut, was er weiß, verdient viel zu wissen, und wer nicht tut, was er weiß, verdient viel Blindheit.

Es ist etwas Großes, in solchen Dingen gehorsam zu sein, die einem zuwider sind und schwer fallen, und das ist der wahre Gehorsam.

Vor allen und in allen Dingen trachte danach, dich zu demütigen, insbesondere im Herzen, aber auch nach außen vor den Brüdern. Die Weisheit der Weis­heiten ist es, zu wissen, dass man nichts weiß. Je mehr sich der Mensch bewusst wird, dass er von der Voll­kommenheit entfernt ist, desto näher ist er der Voll­kommenheit. Der Anfang eitlen Ruhmes ist es, sich selbst zu gefallen. An nichts ist ein Mensch besser zu erkennen als an dem, was man an ihm lobt. Immer musst du dich bemühen, am anderen Gutes zu bemerken und von ihm zu denken. Sooft wir wider die Ord­nung etwas anderes begehren als Gott, sooft werden wir Gott untreu. Darum spricht der Prophet: „Gott anzuhangen ist mir gut” (Ps. 73, 28).

Wir müssen mannhaft sein im Gebet und nicht leicht davon ablassen, noch dürfen wir denken: „Gott will mich nicht erhören.” Vielmehr sollen wir, sooft wir auch abgewiesen werden, niemals verzweifeln. Die Kleinmütigen sollen beten wie der Sohn zu sei­nem guten Vater, wie es im Evangelium heißt: „Wo bittet unter euch ein Sohn ums Brot, der ihm einen Stein dafür biete?” usw. (Lk. 11, 11).

In allen Dingen der Welt steckt Versuchung, auch wenn es der Mensch nicht bemerkt. Die größte Ver­suchung ist es, nicht versucht zu werden. Solange der Mensch etwas an sich findet, was er abtun muss, steht es wohl um ihn. Wenn dir etwas Böses eingegeben wird, so denke einfach: Darüber willst du deine Freunde befragen — so kommt der Teufel in Ver­wirrung.

Immer sollst du mehr auf die ewige Herrlichkeit hoffen als dich vor der Hölle fürchten.

Es hüte sich jeder, anderen durch seinen Wandel einen Anstoß zu geben, vielmehr trachte er danach, durch seinen Wandel die anderen zu korrigieren und sich allenthalben ehrbar zu verhalten, damit die an­deren mehr erbaut werden.

Der Mensch erhebt sich mit denselben Gedanken, mit denen er zu Bett geht. Es ist dann nützlich, zu beten oder Psalmen zu lesen.

Die geringe Beschämung, die man hier erleidet, macht die ewige Beschämung vor Gott und allen Heiligen unwirksam. Trachte allein ihm zu gefallen und ihn zu fürchten, denn er kennt dich und alle deine Sachen. Gesetzt, du gefielst allen Menschen, missfällst aber Gott, was wäre gewonnen? Wende also dein Herz von den Kreaturen ab, auch unter großem Auf­wand von Kraft. Wende dich ab, dass du dich selbst vollkommen besiegst, und erhebe dein Herz stets zu Gott, wie der Prophet sagt: „Meine Augen sehen stets zu dem Herrn” (Ps 25, 15).

1 Anselm von Canterbury (T 1109), Meditationes et orationes; Bernhard von Clairvaux (i 1153), De conscieutia (un­echt) i Augustinus {f 430) Soliloquia und De opere mona-chorum; Gregor I. (1 604) Regula pastoralis und Moralia in Job. — Die vier (Kirchen-)Lehrer sind: Ambrosius, Hieronymus, Augustinus, Gregor I.

Leave a reply