Ein Gleichnis über Prioritäten

Weil ich es nämlich ganz genau nehme . . .

Rabbi Mordechai ist ein orthodoxer Rabbiner. Eigentlich wird diese Beschreibung ihm nicht ganz gerecht. Er ist mehr als orthodox. Im Vergleich zu ihm ist der berühmte Rabbiner Schneerson ein – pfui! – extrem liberaler Zeitgeistler. Rabbi Mordechai nimmt immer alles ganz genau.

So auch beim Fliesenkauf. So fragt er den Verkäufer: „Sagen Sie, haben Sie weiße Fliesen? Wissen Sie, sie müssen nämlich weiß sein wie die Priesterkleider Aarons.“ „Aber sicher“, antwortet kompetenzausstrahlend der Kundenbetreuer, „würden Sie mir bitte folgen?“ Rabbi Mordechai folgte.

Es gab eine große Auswahl weißer Fliesen, was den Rabbiner nötigte, seine Vorstellungen zu präzisieren. „Wissen Sie“, fragte er den Kundenbetreuer, „für uns Juden sind Zahlen von ganz großer Bedeutung. Was sagt Ihnen die Zahl sieben?“ Schulterzuckend und etwas verlegen antwortete sein Gegenüber: „Wenn ich an Zahlen denke, dann am ehesten an die Rechnung und das Bezahlen – aber ehrlich gesagt, bin ich mir nicht ganz sicher, was Sie meinen.“ Geduldig und mit der Begeisterung eines Rabbi, der einem neugierigen Bocher (Schüler) gegenübersitzt, beginnt jener zu referieren: „Sieben, guter Mann, ist die Zahl der Ruhe, denn in sechs Tagen schuf der Ewige Himmel und Erde und am siebenten ruhte er.“ „Aha.“ „Und was wissen Sie zur Zahl zwölf, Herr Fliesenleger?“ „Da bin ich ehrlich gestanden überfragt, Herr Rabbiner“, antwortete der Kundenbetreuer und ergänzte, um den potentiellen Kunden bei Laune zu halten, „aber ich bin begierig, es aus Ihrem gelehrten Mund zu
erfahren.“ „Zwölf Stämme hat Israel, das auserwählte Volk Gottes.“

Um nun wieder zum Geschäft zu kommen, verwies der undenbetreuer auf sein hervorragendes weißes Sortiment: „Hier hätten wir ein große
Auswahl aaronitischer Fliesen, Herr Rabbiner. Welche sollen es denn sein?“ „Hmm“, überlegte Rabbi Mordechai, „hätten Sie welche im Format 7 mal 12 Zoll? Sie müssen wissen, mir das sehr, sehr wichtig, da das Badezimmer ein auserwählter Ort der Ruhe sein soll, und alles andere würde mich ablenken oder gar unrein machen. Ich nehme das nämlich sehr genau.“

Der Kundenbetreuer blätterte in seinen Unterlagen und runzelte die Stirn: „Möglich wäre es schon, doch das wäre eine Sonderanfertigung. Soll ich Ihnen einen Kostenvoranschlag machen?“ „Gerne, ja“, antwortete Rabbi Mordechai, „das wäre mir sehr, sehr wichtig.“ „Wieviele Quadratmeter benötigen Sie?“ „Das kann ich Ihnen nicht genau sagen“, antwortete der Rabbiner. Der Kundenbetreuer versucht zu helfen: „Wie groß ist Ihr Badezimmer?“ „Das weiß ich doch noch nicht“, sagte der Rabbi, „ich habe noch keinen koscheren Baugrund gefunden.“

Eines mögen wir aus diesem Gleichnis mitnehmen: Bevor wir über Details der Gemeinschaft grübeln, wollen wir die großen Dinge in Angriff nehmen. Zu schnell wird die Frage nach Rocklängen, Hosenträgern oder Bärten gestellt – über all das kann und darf geredet (aber niemals gestritten) werden! – doch Jesus ist nicht in die Welt gekommen, um uns äußerlich einheitlich zu kleiden, sondern um uns mit Demut und Liebe zu kleiden. Selbst Salomo in all seiner Pracht war nicht herrlicher gekleidet als der einfachste Christ, der dies verstanden hat. Darum wollen wir die äußeren Dinge nicht zu den ersten Themen machen, wiewohl sie ihren Platz haben und wir die Schrift auch da ganz genau nehmen müssen. Doch zuerst geht es darum: Wie muss der Mensch innerlich sein, der nach dem Reich Gottes trachtet. Hat Gott in Dir und mir einen Baugrund gefunden, wo Er den Grundstein – Christus – legen darf?

Alexander Basnar

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