Die Lieb ist kalt jetzt in der Welt

Ludwig Hätzer vor 1529

Textlich etwas geglättet; zur Melodie “Kommt her zu mir, sprich Gottes Sohn”

Die Lieb ist kalt jetzt in der Welt

Die Lieb ist kalt jetzt in der Welt
nicht jung noch alt ihr mehr nachstellt
sie scheint zu Grund zu fahren.
Sie ist doch des Gesetzes End,
Der sie recht weiß, auch Gott wohl kennt,
und er wird neu geboren.

Freundlich ist sie und hat Geduld,
Sie eifert nicht, und nimmt die Schuld
Auf sich mit ganzem Willen.
Sie widerstrebt noch zanket nicht
Bläht sich nicht auf, ist langmütig,
will Wort und Werk’ erfüllen.

Ist züchtig, spricht kein schamlos Wort
Stellt sich nicht schwer, hält Maß im Spott
Nichts Eigens tut sie suchen
Nicht bitter, ohne jähen Zorn
Hebt überall das Gut’ hervor,
Enthält sich allen Fluchens.

Sie freut sich über Unrecht nicht
Am Ärger gar und am Unfried
Hat sie gar kein Gefallen.
Der Wahrheit doch freut sie sich sehr
Deckt zu die Sünd, hält auch die Lehr,
Gottes Befehl in allem.

All Ding sie duldet und erträgt
Beschuldigt nicht, sondern bewegt
All Ding zum rechten Grunde
Sie glaubt all Ding und hoffet alls
Und in Geduld streckt dar den Hals
Auf dass Unfried verschwinde.

Die Liebe nimmermehr vergeht,
alles hört auf, doch sie besteht
Kann uns zur Hochzeit kleiden
Gott ist die Lieb, die Lieb ist Gott
Hilft früh und spät aus aller Not
Wer will uns von ihr scheiden!

All Kunst bläht auf, die Lieb’ baut auf
Es geht zu Grund was sie nicht b’schaut
Und ordentlich regieret
O Lieb, o Lieb mit Deiner Hand
Führ uns mit Dir am Liebesband
Denn falsche Lieb verführet.

Lieb ist bereit ohne allen Trug
Gibt rechten Rat ohne Verzug
Und sie ist willig zu dienen
Die Lieb ist frei, teilt jedem mit
Mit allerlei nach Gottes Sitt
Und tut sich des nicht rühmen.

Durch Liebe klar in Gottes G’walt
Werden all Ding so mannigfalt
Geschaffen und ernähret
Durch Seine Lieb in jeder G’fahr
Gott alles behüt, das sonst schon wär,
durch Menschenhand verzehret.

Es liebt die Liebe alle gleich
Sie seien arm oder auch reich
Barmherzigkeit stets übet
In aller Welt mit rechtem G’müt
Das Urteil fällt aus ganzer Güt’
Nur fromm zu sein sie liebet. Amen.

Ludwig Hätzer (auch Hetzer, Hatzer), geboren um 1500, in Bischofszell, Thurgau, Schweitz, getötet am 4.2.1529 in Konstanz. Hätzer war ein enger Freund Hans Dencks und hat zusammen mit ihm die Propheten des Alten Testaments erstmalig ins Deutsche übersetzt.

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