Das reiche “christliche” Abendland

Eine kleine Provokation?

In der Antike war manuelle Arbeit verpönt. Der freie Mann ließ seine Sklaven im Haus und auf den Feldern schwitzen, während er selbst im Dampfbad transpirierte und sich der hohen Politik oder der Philosophie widmete.

Als das Christentum erschien, wurde nicht nur der Standesunterschied zwischen Sklaven und Freien (innerhalb der Gemeinde) aufgehoben, sondern auch die Einstellung zur Arbeit grundlegend revolutioniert. Die Apostel selbst gingen mit gutem Beispiel voran. Paulus arbeitete als Zeltmacher, um seine Bedürfnisse zu decken und darüber hinaus den Armen geben zu können. Arbeit wurde nicht mehr als Schande gesehen, sondern als Bekenntnis zur Gleichheit aller Menschen und als Möglichkeit zur karitativen Liebe.

In der Folge wurde selbst von den Hirten der Gemeinde erwartet, mit den Händen zu arbeiten. Wenn das Ausmaß der geistlichen Pflichten dies nicht zuließ, so waren sie auf Gaben der Gemeinde angewiesen, zugleich aber zu einem einfachen Lebensstil verpflichtet. Reichtum und Geldliebe waren in der frühen Christenheit äußerst schlecht angeschrieben.

Christ zu werden beinhaltete also (u.a.) eine grundlegend neue Einstellung zur Arbeit, zum Besitz und zu den Armen – etwas, den „freien Männern“ der Antike gegen den Strich ging. Das setzte eine tiefe Glaubensüberzeugung beim einzelnen voraus, und diese Überzeugung wirkte ihrerseits überzeugend, sodass das Christentum als glaubwürdige Religion trotz Verfolgung und radikal anderem Lebensstil rasant wuchs.

Als der christliche Glaube jedoch verpflichtende Staatsreligion wurde, wurden zwar die Massen „christlich“, was durchaus positiven Einfluss auf die allgemeine Moral der Gesellschaft hatte, doch diese tiefe Überzeugung des Glaubens ging abhanden. Langsam setzte sich auch eine positivere Einstellung zur Arbeit durch, und das schuf die Grundlagen für den Wohlstand des christlichen Abendlandes. Besonders die reformierten Kirchen, und da vor allem die Calvinisten, stachen durch ihre „biblische Arbeitsmoral“ hervor.

Doch etwas war dabei grundsätzlich anders. Ja, man arbeitete, und durch die Arbeit kam auch Geld ins Haus – und damit eine große Versuchung, der man nur durch einen überzeugten Glauben widerstehen kann: Die Geldliebe. Ein kleines Vermögen ermöglicht ein angenehmeres Leben, weil man dadurch weniger unangenehme Arbeit tun muss, um die Bedürfnisse des Alltags und den einen oder anderen kleineren und größeren Luxus zu ermöglichen. Das weite Herz, das bereit war, die Armen großzügig zu unterstützen, wurde zusehends enger. Gaben der Liebe verkümmerten zu sporadischen Almosen.

Und plötzlich – nach Jahrhunderten des schleichenden Wandels – wird offenbar, dass wir wieder dort sind, wo wir am Anfang standen: Wir streben nach Reichtum, um unabhängiger von der Arbeit zu sein. Wir unterscheiden wieder zwischen „guter“ und „unwürdiger“ Arbeit, die wir „auslagern“. Es gibt sie wieder, die Standesunterschiede, nur etwas anders formuliert. Das Christentum, das der Geldliebe und dem Mammon den Kampf ansagte, brachte schließlich den Kapitalismus hervor! Es gibt neue Reiche und neue Arme, und wir sind wieder Philosophen und sogar Theologen, die zwar unheimlich weise erscheinen, aber vom Christentum so weit entfernt wie der alte Römer im Dampfbad.

Geschützt werden die Außengrenzen unseres Abendlandes, der EU, das sich ja so gerne und zugleich verschämt auf seine christlichen Wurzeln beruft, wie einst das Imperium Romanum durch eine Art Limes: Schengen. Und draußen wartet der Islam auf seine Stunde wie dazumal die wilden Germanen …

Waren 2000 Jahre Christentum vergebens?

Alexander Basnar, Herbst 2006

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