Das Evangelium vom Reich Gottes

Mehr als Joh 3,16

Ist Joh 3,16 (So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass Er Seinen einzoiggeborenen Sohn gab, damit jeder, der an Ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben hat) tatsächlich das „Evangelium in der Nussschale“? Geht es dem Herrn Jesus vorrangig darum, dass unsere Sünden vergeben werden, oder ist das Thema Seiner Verkündigung nicht viel größer? Geht es – noch direkter gefragt – tatsächlich „nur“ um unser persönliches Seelenheil oder nicht vielmehr um Gottes Ehre?

Es ist eine überraschende Tatsache, dass in den Evangelien nur relativ selten von der Vergebung durch Sein Blut oder der Wiedergeburt die Rede ist. Vielmehr ist Seine ganze Botschaft durchdrungen von einem Begriff, der von uns wenig gebraucht und noch weniger verstanden wird: Das Reich Gottes. Ich habe von Kind auf den Begriff zwar gehört, schließlich lernte ich das Vater Unser auswendig, wo um das Kommen des Reiches gebeten wird; doch in meinem Verständnis bedeutete das lange Zeit nur, dass Jesus einmal wiederkommen wird, wie es auch im apostolischen Glaubensbekenntnis heißt, das ich ebenfalls auswendig gelernt habe. Das „Himmelreich“ war für mich jedoch einfach der Himmel, also eine rein jenseitige Erwartung.

Für jemanden, der so aufgewachsen und geprägt ist, müssen diese Worte des Herrn wie eine Bombe einschlagen:

„Von da an begann Jesus zu predigen und zu sagen: Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen!“ (Mt 4,17)

Das Reich der Himmel ist nahe gekommen – es ist nicht irgendwo hinter den Wolken in der Herrlichkeit, sondern es kommt zu uns herab! Diese Ankündigung wird als Evangelium bezeichnet (Mk 1,15), als gute Botschaft, die jedoch mit einer Aufforderung verbunden ist: „Tut Buße!“ Mit dieser Botschaft bereitete der Täufer Johannes dem Messias den Weg (Mt 3,1-12). Das Evangelium ist dabei vorrangig eine Gerichtsbotschaft! Der Aufruf zur Umkehr ist ein Angebot der Gnade, die Taufe die Annahme dieser Gnade und das äußere Zeichen der Umkehr.

Aber was ist das Königreich Gottes, dass es uns zur Buße treibt?

Das Matthäusevangelium – und damit unser Neues Testament – beginnt mit den Worten:

„Buch des Ursprungs Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.“ (Mt 1,1)

Jesus ist der Sohn Davids, damit werden alte Verheißungen an das Königshaus Davids erfüllt:

„Dieser wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und der Herr, Gott, wird ihm den Thron seines Vaters David geben; und er wird über das Haus Jakob herrschen in Ewigkeit und seines Königtums wird kein Ende sein.“ (Lk 1,32+33)

Jesus ist der verheißene König, und Sein Reich ist ein ewiges Reich. Warum ist gerade das eine gute Botschaft? Wir leben doch in einer relativ stabilen Staatsform, was will Gott uns damit sagen?

In der Wüste bot der Teufel dem Herrn Jesus sämtliche Reiche der Welt an:

„Und er führte ihn auf einen hohen Berg und zeigte ihm in einem Augenblick alle Reiche des Erdkreises. Und der Teufel sprach zu ihm: Dir will ich alle diese Macht und Herrlichkeit geben; denn mir sind sie übergeben, und wem immer ich will, gebe ich sie.“ (Lk 4,5+6)

Warum ist die Botschaft vom Reich Gottes eine gute Botschaft? Angesichts der Behauptung des Teufels, alle Reiche der Welt zu kontrollieren, bedeutet sie eine Rettung aus Seiner Gewalt. Wenn wir diese „Frontlinie“ betrachten, dann verstehen wir auch, warum die Reduktion des Evangeliums auf die persönliche Sündenvergebung der Botschaft Jesu überhaupt nicht gerecht wird!

„… und die ganze Welt liegt in dem Bösen“ (1.Joh 5,19)

Was bedeutet das für uns, die wir in dieser vom „Gott dieser Welt“ (2.Kor 4,4) beherrschten Welt leben?

Wir leben unter der Regierung von Sündern, die ihre Macht mit Gewalt ausüben (Mt 20,25). Die Geschichte Israels ist ein Bild dafür: Die Knechtschaft unter dem Pharao war dermaßen hart, dass sie unsere Vorstellungen übersteigt, die wir hier im Westen in relativem Wohlstand leben. Das Evangelium des Mose war ein Evangelium des Reiches Gottes:

„Der HERR aber sprach: Gesehen habe ich das Elend meines Volkes in Ägypten, und sein Geschrei wegen seiner Antreiber habe ich gehört; ja, ich kenne seine Schmerzen. Und ich bin herabgekommen, um es aus der Gewalt der Ägypter zu erretten und es aus diesem Land hinaufzuführen in ein gutes und geräumiges Land, in ein Land, das von Milch und Honig überfließt.“ (2.Mose 3,7+8)

Rettung bedeutet also zuerst Rettung aus der Gewalt des Pharao. Das Ziel der Rettung ist ein gutes Land, in dem es keinen Mangel gibt: Das Königreich Gottes. Das Ziel der Berufung Israels wurde dem Volk am Berg Sinai offenbart:

„Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan und wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und euch zu mir gebracht habe. Und nun, wenn ihr willig auf meine Stimme hören und meinen Bund halten werdet, dann sollt ihr aus allen Völkern mein Eigentum sein; denn mir gehört die ganze Erde. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und eine heilige Nation sein.“ (2.Mose 19,4-6)

Gott sagt, Ihm gehört die ganze Erde. Der Teufel behauptet, er habe Macht über alle Königreiche (und Demokratien) dieser Welt. Das ist der unmittelbare Konflikt zwischen dem Licht und der Finsternis, zwischen Gott und dem Teufel. Das Evangelium vom Reich Gottes bedeutete damals: Errettung des Volkes Israel aus der Macht des Pharao. Dazu wurde es herausgeführt in die Wüste und in der Wüste auf seine Berufung vorbereitet: Ein Königreich von Priestern zu werden durch Gott, für Gott und in Gemeinschaft mit Gott.

Wie ist das mit unserer Situation zu vergleichen?

„Das Volk, das in der Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen, und denen, die im Land und Schatten des Todes saßen, ist Licht aufgegangen. Von da an begann Jesus zu predigen und zu sagen: Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen.“ (Mt 4,16+17)

„… um alle die zu befreien, die durch Todesfurcht das ganze Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren.“ (Heb 2,15)

Wir sind in Knechtschaft durch die Todesfurcht. Der Tod wirft seinen langen Schatten über unser Leben, weshalb wir in Finsternis sitzen. Hat das Evangelium also doch nur mit unserer persönlichen Erlösung von dem Tod zu tun? Nein, der Kampf wurde zwischen Jesus und dem Teufel direkt ausgefochten, ebenso wie damals zwischen Gott und dem Pharao:

„Weil nun die Kinder Blutes und Fleisches teilhaftig sind, hat auch er in gleicher Weise daran Anteil gehabt, um durch den Tod den zunichte zu machen, der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel.“ (Heb 2,14)

Der Teufel hat die Macht des Todes, sowie der Pharao über die Israeliten Macht hatte und sie knechtete. Sowie durch den Tod der Erstgeburt der Pharao vernichtet wurde, so hat das wahre Passahlamm nicht nur uns vor dem Würgeengel bewahrt, sondern zugleich den Teufel besiegt:

„Er hat die Gewalten und Mächte völlig entwaffnet und sie öffentlich zur Schau gestellt. In Ihm (im Kreuz) hat er den Triumph über sie gehalten.“ (Kol 2,15)

Nun ist noch zu fragen, wie es überhaupt dazu kam, dass der Teufel überhaupt Macht über uns und die Welt hat. Durch die Sünde. Unsere Sünde trennt uns von Gott und bringt uns in Knechtschaft:

„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Jeder, der die Sünde tut, ist der Sünde Sklave. … Ihr seid aus dem Vater, dem Teufel, und die Begierden eures Vaters wollt ihr tun.“ (Joh 8,34+44)

Das liegt daran, dass es kein Niemandsland zwischen der Machtsphäre Satans und dem Reich Gottes gibt. Entweder, man gehorcht der Gerechtigkeit oder der Sünde (Röm 6,16); wer der Sünde gehorcht, steht in einer Beziehung mit dem Teufel, wer die Gerechtigkeit tut mit Gott.

Die Finsternis und Todesfurcht, in der wir alle gestanden sind, ist also die Auswirkung der Macht der Sünde und des Teufels in unserem Leben. Diese ist weltweit dieselbe, und in allen irdischen Reichen wirkt der Teufel federführend, um die Menschen noch mehr in Unfreiheit und Angst zu halten. Verleitete er in der Vorzeit bis in die Antike die Herrscher dazu, sich selbst Gott zu nennen und Anbetung zu fordern, so tat er dasselbe im „christlichen“ Abendland mit der Allianz von Thron und Altar und dem „Gottesgnadentum“. In den atheistischen Revolutionen in Frankreich und Russland konnte er sein Gesicht ungeschminkter zeigen, ganz diabolisch war es bei Hitler. Subtil und zugleich höchst effizient macht er es nun mit der globalen Wirtschaft und der Geldliebe, der sich sämtliche Regierungen der Welt beugen müssen. Die endzeitliche Offenbarung der Gesetzlosigkeit wird der Antichrist sein, der weltweit seine Macht ausüben wird und mit dem Malzeichen alle Menschen zur unbedingten Treue sich gegenüber verpflichten will.

Wir sind durch unsere Sünde all diesen Entwicklungen und Mächten hilflos ausgeliefert, weil wir keinen Stärkeren haben, der uns befreit.

Das Evangelium vom Reich Gottes zeigt uns aber einen Ausweg: Tut Buße – das heißt: Ändere deine Gesinnung, dein Leben gemäß dem Vorbild und Anspruch des Königs Jesus! – und lasst euch taufen auf den Namen Jesu Christi (Apg 2,38). Sterbt gegenüber der alten Natur und der Sünde und empfangt ein neues Leben (Röm 6,2-11), das eine Vorwegnahme der neuen Schöpfung ist (Offb 21,1).

Das Passahlamm vor dem Exodus hatte nur den Zweck, den Auszug aus Ägypten zu ermöglichen. Dasselbe gilt für das wahre Lamm Gottes. Sein Tod am Kreuz ist ein Lösegeld, das uns freikauft aus der Macht der Sünde und damit des Teufels. Damit hat Gott uns für sich selbst erkauft, um uns aus allen Völkern und Ländern der Erde herauszurufen und uns zu Seinem Volk zu machen:

„Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, eine heilige Nation, ein Volk zum Besitztum, damit ihr die Tugenden dessen verkündigt, der euch aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht berufen hat; die ihr eins nicht ein Volk wart, jetzt aber Gottes Volk seid; die ihr nicht Barmherzigkeit empfangen hattet, jetzt aber Barmherzigkeit empfangen habt.“ (1.Petr 2,9+10)

Hier wiederholt sich an uns, was sich am Volk Israel ereignete, allerdings im Rahmen des Neuen Bundes, für den der Alte ein Vorbild ist (1.Kor 10,11). Wir sind also nun ein neues Volk, eine neue Nation. Wir sind herausgenommen aus allen Nationen, Völkern, Stämmen und Sprachen (Offb 5,9+10). Verstehen wir das recht, dann begreifen wir, warum die Predigt des Evangeliums nicht bei der Vergebung der Sünden stehen bleibt, sondern …

„… mit vielen anderen Worten legte er Zeugnis ab und ermahnte sie und sagte: Lasst euch retten aus diesem verkehrten Geschlecht!“ (Apg 2,40)

Was hätte es den Israeliten genützt, das Passahlamm geschlachtet zu haben, wenn sie dann nicht mit Mose mitgezogen wären? Genauso bringt uns der Tod Christi keinen Nutzen, wenn wir nicht diese Welt hinter uns lassen! Paulus formulierte das ganz radikal am Anfang und am Ende des Galaterbriefes:

„Jesus Christus, der sich selbst für unsere Sünden hingegeben hat, damit er uns herausreiße aus der gegenwärtigen bösen Welt nach dem Willen unseres Gottes und Vaters“ (Gal 1,4)

„Mir aber sei es fern, mich zu rühmen als nur des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt.“ (Gal 6,14)

Die Folge ist eine völlig neue Sicht auf diese Welt. Wir verstehen, worum es in dem Konflikt zwischen dem Teufel und Gott geht: Die Erde ist des Herrn, aber durch die Sünde sind wir dem Feind unterworfen. Nun geht es darum, dass wir aus der Macht des Teufels befreit werden und aus der Welt hinausgehen, wie Israel aus Ägypten, ehe diese Welt vernichtet wird.

Darum steht die Buße sehr häufig im Zusammenhang mit dem Weltgericht:

„Nachdem nun Gott die Zeiten der Unwissenheit übersehen hat, gebietet er jetzt den Menschen, dass sie alle überall Buße tun sollen, weil er einen Tag festgesetzt hat, an dem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und er hat allen dadurch den Beweis gegeben, dass er ihn auferweckt hat aus den Toten.“ (Apg 17,30-31)

Und in der Offenbarung heißt es:

„Geht aus ihr hinaus, mein Volk, damit ihr nicht an ihren Sünden teilhabt und damit ihr nicht von ihren Plagen empfangt!“ (Offb 18,4)

Was bedeutet es aber, aus der Welt hinauszugehen? Wir sind ja mittendrin, und wenn die ganze Erde in der Gewalt der Finsternis ist, wohin sollten wir fliehen können?

„Geliebte, ich ermahne euch als Beisaßen und Fremdlinge, dass ihr euch der fleischlichen Begierden, die gegen die Seele streiten, enthaltet, und führt euren Wandel unter den Nationen gut, damit sie, worin sie gegen euch als Übeltäter reden, aus den guten Werken, die sie anschauen, Gott verherrlichen am Tage der Heimsuchung.“ (1.Petr 2,11+12)

Unmittelbar im Anschluss daran, dass Petrus uns zeigt, dass wir Volk Gottes sind, erklärt er uns, dass uns das zu Fremden macht inmitten dieser Welt. Wir leben hier wie Ausländer und Fremdkörper. Darum redet man schlecht über uns, weil wir unsere Trennung von der Welt bekennen. Das ist Teil unserer Verkündigung, wenn wir tatsächlich das Evangelium vom Reich Gottes predigen.

Unser Leben soll aber ein Hinweis auf das Reich Gottes sein. Die guten Werke und der neue Lebenswandel sollen den Menschen helfen, dass sie am Tag des Gerichts nicht zuschanden werden, sondern Gott verherrlichen können.

„Tut alles ohne Murren und Zweifel, damit ihr tadellos und lauter seid, unbescholtene Kinder Gottes inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts, unter dem ihr leuchtet wie Himmelslichter in der Welt.“ (Phil 2,14+15)

Wir sind als Volk Gottes dazu berufen, die Tugenden Gottes zu verkündigen; das sollen wir tun, indem wir gemäß Gottes Tugenden leben. Das ist ein Leben in Liebe, in Heiligkeit und Gerechtigkeit. Ein Leben, das Gott die Ehre gibt und Christus als König bekennt. Ein Leben, in dem der Teufel keinen Raum mehr findet.

„Dies nun sage und bezeuge ich im Herrn, dass ihr nicht mehr wandeln sollt, wie auch die Nationen wandeln, in Nichtigkeit ihres Sinnes; sie sind verfinstert am Verstand, fremd dem Leben Gottes wegen der Unwissenheit, die in ihnen ist, wegen der Verstockung ihres Herzens; sie die abgestumpft sind, haben sich selbst der Ausschweifung hingegeben, zum Ausüben jeder Unreinheit mit Gier.“ (Eph 4,17-19)

Vielmehr sind wir erleuchtet durch den Heiligen Geist, haben den Sinn unseres Daseins in einer lebendigen Beziehung zu Gott gefunden. Unser Herz ist nicht mehr verstockt, sondern erneuert worden; wir sind nicht mehr abgestumpft, vielmehr sind unsere Gewissen sensibilisiert worden. Reinheit und Bescheidenheit kennzeichnen unser Leben, und über allem steht die Liebe Gottes, die das Band der Vollkommenheit ist. Ist das der Fall in unserem Leben?

Das Evangelium vom Reich Gottes ist zusammengefasst eine Rettung aus der Gewalt und Macht des Teufels, indem wir von der Sünde befreit werden, die uns dem Widersacher versklavt hat. Jesus wird unser König, wir werden zu Seinem Volk, das in der Welt als Fremdkörper und Vorbote der kommenden Welt lebt, um dieses Evangelium in der Welt weiterzutragen.

Errettung ist deshalb nicht zu trennen von radikaler Absonderung von der Welt und von Heiligung. Christliche Gemeinden sind als Stützpunkte des Reiches Gottes dazu berufen, die Prinzipien und Gebote Gottes zu leben und zu verwirklichen, um der Welt ein Beispiel zu geben. Wir sollen – gemeinsam – als Licht inmitten der Finsternis leuchten. Dazu gehört, dass wir das Evangelium nicht länger auf Joh 3,16 reduzieren, sondern ganz bewusst den Herrschaftswechsel betonen, der in den Worten liegt: „Das Reich Gottes ist nahe gekommen!“

Alexander Basnar, Jänner 2007

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