Bruchstücke zusammenfügen

Von der Lehre zum Leben

Ehrlicherweise müssen wir uns eingestehen, dass all unser Erkennen Stückwerk ist. Das gilt gerade auch in unserem Bestreben, Gemeinde nach biblischen Grundsätzen zu bauen. Nicht aus eigenen Überlegungen, sondern als Mitarbeiter Gottes und unter Seiner Leitung wollen wir das tun. Doch so wie sich die Gemeinde Gottes weltweit darstellt, ist sie ein Trümmerfeld. Überall liegen Bruchstücke unserer verschiedenen Erkenntnisse herum, und allzu oft wird behauptet, dieser oder jener Teil sei das Ganze oder das Echte.

Ich will mein Denken davor hüten, meine Teilerkenntnisse als vollständige Wahrheit zu bezeichnen, und das sollten wir auch als Gemeinschaft tunlichst vermeiden. Ich folge dem Herrn Jesus jetzt seit 20 Jahren nach, und seit 15 Jahren diene ich am Wort. Niemals hatte ich eine abgeschlossene Erkenntnis, aber recht oft dachte ich „Jetzt habe ich es!“. Und ich wunderte und ärgerte mich über jene, die eine andere Sicht hatten. Und einige Jahre später verstand und teilte ich oft deren Erkenntnis als eine, wo zwei oder mehr Bruchstücke passend zusammengesetzt worden sind.

Ist nun alles relativ geworden? Um Himmels willen, nein! Ich nehme nur demütig zur Kenntnis, dass ich ein Schüler bin vor dem, der der einzige Meister ist. Ich muss nicht alles wissen und begreifen, denn – und das ist mehr als eine bruchstückhafte Erkenntnis! – der christliche Glaube ist zuallererst eine Beziehung zwischen dem himmlischen Vater und den Menschen durch Jesus Christus. Theologie und Lehre ist wichtig, aber es ist nicht die Hauptsache.

Die Beziehung zu Gott ist vergleichbar mit der Rebe am Weinstock. Der Weinstock ist gut und lebendig; wenn wir mit ihm verbunden sind, dann bringen wir hervor, was man von einem Weinstock erwartet: Frucht. Die Frucht kommt vom Weinstock, nicht von uns; aber die Frucht soll durch uns kommen. Deshalb hat der Vater Seinen Weinstock gepflanzt. Er ist der Weingärtner in diesem Gleichnis. Alles in diesem Gleichnis dreht sich um die Frucht. Der Vater sucht die Frucht, wir bringen die Frucht, wenn wir eng mit dem Weinstock verbunden sind; und wir werden abgeschnitten und verbrannt, wenn wir keine Frucht bringen.

Die Frucht ist das, was durch das Leben des Weinstocks aus uns Reben hervorkommt. Das Bleiben an der Rebe, beziehungsweise das Pflegen der Beziehung zum Herrn Jesus, wird mit Liebe und Gehorsam umschrieben. Wir sollen in Seiner Liebe bleiben, wir sollen die Glaubensgeschwister lieben, wir sollen Seine Gebote halten. Die Frucht sind die Auswirkungen der Liebe und des Gehorsams: Konkrete Taten, gute Werke, und ein Charakter, der den Charakter Christi widerspiegelt. So werden wir als Seine Jünger erkannt werden.

An keinem Punkt in diesem Bild ist von Lehre die Rede, außer in dem einen Wort „Gebote“ und dass das Gleichnis selbst gesunde Lehre ist. Das zeigt uns, dass unser Blick nicht auf Theologie sondern auf Liebe und Gehorsam ausgerichtet werden muss. Alle Predigt und Lehre soll zuerst die Nachfolge fördern, und erst dann geistliche Neugierde stillen, wie zum Beispiel was die Zeichen Seiner Wiederkunft seien und wann dies alles geschehen solle.

Die bruchstückhafte Erkenntnis bereitet mir also keine ernsthaften Sorgen, denn dies gehört offenbar zur Weisheit Gottes. Halten uns nicht gerade offene Fragen in der uns zugemessen Stellung als Schüler, die zum Lehrer aufblicken? Ja, gewiss, so ist es. Sorgen bereiten mir hingegen andere Bruchstücke: Ich bin ein solches. Ich bin eine Rebe am Weinstock, doch der Weinstock hat viele Reben. Die Liebe unter den Christen, der Dienst aneinander, das ist der Rahmen, in dem wir wachsen und Frucht bringen können. Das ist auch der Ort, an dem wir gemeinsam mit allen Heiligen die Dimensionen der Liebe Christi erfassen dürfen. Das ist die Schulklasse, in der wir gemeinsam zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen werden.

Ich bin nicht mehr davon überzeugt, dass die sonntäglichen Predigtgottesdienste ausreichen, um diese Ziele zu erreichen. Wo ist in diesem Rahmen der Dienst aneinander möglich? Steht nicht vielmehr wieder die bruchstückhafte Erkenntnis in theologisch sauberen Predigten im Vordergrund? Gleichzeitig verurteile ich nicht diese Form der Gemeinden, denn alle unsere Versuche, der Lehre unseres Herrn Jesus zu entsprechen, diese zu verstehen, sind bruchstückhaft. 20 Jahre lang habe ich mich mit dieser Gemeindeform völlig identifizieren können und ich bin geistlich nicht verdorrt. Gott sei Dank dafür! Ob meine „Wachstumskurve“ ideal war, ist eine andere Frage …

Dennoch strebe ich nach mehr, weil der Herr Jesus uns mehr vorlegt. Seine Gemeinde soll eine Gemeinschaft sein, wo die Bruchstücke zusammengelegt werden. Gemeint sind damit die einzelnen Menschen, die zusammen im täglichen Miteinander-Leben ein Bild des Reiches Gottes vermitteln sollen. Jesus ist gekommen, um die Zerstreuten zu sammeln, und dabei will ich nach Kräften mitwirken. Eine Herde, ein Leib, eine Familie (ein Haus), viele Reben an dem einen Weinstock Gottes: Als Zeugnis vor der Welt, wo die Liebe untereinander sichtbar werden kann. Und als idealer Rahmen, um im Glauben zu wachsen und die Frucht zu bringen, die der Vater, unser Weingärtner sucht.

Ich hoffe und bete, dass wir niemandem Anlass geben, uns als exklusive Perfektionisten wahrzunehmen, die andere Christen mit anderer Einsicht meiden und verachten; sondern dass das Licht der neuen Welt durch uns inmitten unserer verkehrten und verdrehten Generation Orientierung und Hoffnung vermittelt. Wer anders darüber denkt, dem möge es der Herr zu Seiner Zeit offenbaren. Wir wollen darüber nicht streiten.

Alexander Basnar, Februar 2007

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