Bibel und Tradition

Abschied von einer Illusion

„Der Weg ist gebahnt“, antwortete Butch Wipf, „wir müssen ihn nur noch gehen.“ Ich war bei meinem ersten Besuch auf einem Huttererhof zugegeben etwas überrascht, dass dort kaum neue Predigten gemacht werden. Stattdessen werden die Jahrhunderte alten „Lehren“ jeder Generation aufs neue vorgelesen.

Wer wie ich zwanzig Jahre lang „Sola Scriptura“ gepredigt bekam und gepredigt hat, findet dieses Hochhalten von “Menschenlehren“ befremdlich und bedenklich. Die Vorwürfe des Herrn Jesus and die Schriftgelehrten und Pharisäer müssten doch in unseren Ohren gellen! Seit die Reformation die Heilige Schrift als alleinige Glaubensgrundlage aufs Podest gestellt hat, sind besonders die Evangelikalen die konsequentesten und kompromisslosesten Verfechter von „Sola Scriptura“! So jedenfalls sehen wir uns selbst, doch wenn wir uns ein wenig ans Licht wagen, wo unsere Werke offenbar werden, müsste unser Eigenlob eigentlich verstummen.

„Gottes Wort und Luthers Lehr vergehen nie und nimmermehr“, ist zum Beispiel ein durchaus „orthodoxer“ Spruch der Nachfolger Martin Luthers. Neben Luthers Bibelübersetzung werden sein kleiner und großer Katechismus, die Confessio Augustana und einige seiner wichtigsten Schriften (z.B. „Von der Freiheit des Christenmenschen“) wieder und wieder gedruckt, gekauft, gelesen und – was noch bedeutender ist – ein lutherischer Christ liest die Bibel durch die Brille von Luthers Schriften. Dasselbe gilt für alle reformatorischen Kirchen. Dass die Täufer ihre Schriften in Ehren halten ist also weder verwunderlich noch außergewöhnlich.

Ich teile Luthers Theologie nicht, weil sie in wesentlichen Punkten, besonders in der Rechtfertigungslehre, dem Tauf- und Gemeindeverständnis, erhebliche Mängel aufweist. Keine Schrift auch des profiliertesten Theologen steht gleichberechtigt neben der Heiligen Schrift. Jede Meinung eines jeden Menschen, und alle Werke, die wir tun, müssen im Licht der Schrift beurteilt werden ehe wir vor dem Richterstuhl Gottes erscheinen. Die Schrift ist unerlässlich, um unser Leben nach dem Willen Gottes auszurichten.

Und doch ist es unmöglich, die Schrift alleine zu hören. Denn wir hören doch jeden Sonntag Auslegungen der Schrift gemäß menschlichen Einsichten, die uns die Schrift nahe bringen und uns zur Anwendung leiten sollen. In keiner Kirche der Welt beschränkt man sich auf das Lesen der Bibel allein. Fast alle Prediger, auch die der evangelikalsten Evangelikalen, verwenden Kommentare und verfassen Bücher zu aktuellen Fragen. Kurz: Unser ganz alltägliches Christenleben ist nicht „Sola Scriptura“, sondern Bibel und Menschenlehre. Das ist aber keineswegs falsch so; denn selbst Paulus beschränkte sich in Seinem Dienst nicht auf das geschriebene Wort allein:

„Also nun, Brüder, steht fest und haltet die Überlieferungen, die ihr gelehrt worden seid, sei es durch Wort oder durch unseren Brief.“ (2.Thess 2,15)

Die mündliche Unterweisung stand im Dienst des Paulus gleichwertig neben seinen schriftlichen Lehren. Ähnlich, vielleicht sogar noch pointierter, hielt es Johannes:

„Ich hätte dir vieles zu schreiben, aber ich will dir nicht mit Tinte und Feder schreiben, sondern ich hoffe, dich bald zu sehen, und wir wollen mündlich miteinander reden.“ (3.Joh 13; vgl auch 2.Joh 12)

Oder Judas, der in seinem Brief bezug nimmt auf seine ausführlichen Darlegungen und Ermahnungen, für den überlieferten Glauben zu kämpfen (Jud 3). Dieser Brief ist nicht erhalten, und seine mündlichen Lehren sind verhallt. Es ist uns nicht nur nicht alles in der Schrift enthalten, was die Apostel geschrieben haben; es wird an mehreren Stellen in den Briefen auf mündliche Unterweisungen verwiesen, die ebenso gültig waren wie die schriftlichen. Ganz allgemein war den Aposteln der Dienst vor Ort im persönlichen Umgang mit den Menschen weit wichtiger als das Schreiben von Briefen. Die meisten Apostel haben Gemeinden gegründet, aber nichts Schriftliches hinterlassen! Der Dienst an und mit Menschen hatte deshalb Vorrang, weil ihr Ziel nicht darin bestand, eine Theologie zu vermitteln, sondern einen Lebensstil. Den christlichen Lebensstil – die Nachfolge Jesu – kann man aber nicht durch Bücher lernen, sondern nur durch ein Vorbild, das man nachahmt. Deshalb schreibt Paulus:

„So, in Liebe zu euch hingezogen, waren wir willig, euch nicht allein das Evangelium Gottes, sondern auch unser eigenes Leben mitzuteilen, weil ihr uns liebgeworden wart.“ (1.Thess 2,8) und:

„Seid meine Nachahmer, wie auch ich Christi Nachahmer bin.“ (1.Kor 11,1)

Die Grundlage unseres Glaubens war also nie „Sola Scriptura“! Es war Botschaft und Leben; das Leben war sogar die erste und wichtigste Auslegung der Botschaft! Darum befassen sich vier Evangelien mit dem Leben des Herrn Jesus, dem wir nachfolgen sollen. Die Schriften der Apostel sind Auslegungen zu diesem Leben, sie beschreiben die Konsequenzen des Werkes Christi für uns; doch der Kern der Botschaft ist nicht ihre Auslegung, sondern das Zentrum ihres Lebens: Jesus Christus!

Wir Evangelikalen stellen meistens Paulus über Jesus, weil wir von seiner Theologie begeistert sind; und dabei übersehen wir, dass Paulus selbst nur ein Schüler Jesu war, der von sich weg auf Ihn verweisen wollte. Damit aber haben wir der Gelehrsamkeit den Vorrang vor der Nachfolge gegeben und bewundern unsere Theologen aufgrund ihrer Erkenntnis, ihrer Einsicht und ihres geschickten Umgangs mit besonders schwierigen Schriftstellen. Wir unterscheiden sie nach der Qualität ihrer Erklärungen und nach der Lückenlosigkeit ihrer systematischen Theologie.

Wichtiger aber ist das Leben, denn ob ein Prophet ein Prophet Gottes oder ein falscher Prophet ist, das wird am Lebenspraxis gesehen und nicht an der Theologie (Mt 7,15-23). Hier sind wir auch bei den Pharisäern, die Jesus so scharf kritisiert hat:

„Auf Moses Lehrstuhl haben sich die Pharisäer und Schriftgelehrten gesetzt. Alles nun, was sie euch sagen, tut und haltet; aber handelt nicht nach ihren Werken.“ (Mt 23,2+3)

Seinen Jüngern aber sagte Er:

„Ihr aber, lasst ihr euch nicht Rabbi nennen! Denn einer ist euer Lehrer, ihr alle aber seid Brüder!“ (Mt 23,8)

Sehen wir, wie falsch es ist, wenn wir selbst einen Apostel auf gleiche Ebene stellen wie Jesus? Oder gar höher achten, wie mir jemand sagte: „Für mich ist Paulus einfach der Größte!“ Um nicht missinterpretiert zu werden: Die Gemeinde ist erbaut auf der Grundlage aller Apostel und Propheten, wobei Christus der Eckstein ist (Eph 2,20). Die Apostel waren besonders erwählt und bevollmächtigt, und ich bin zu 100% überzeugt, dass das ganze Neue Testament vom Heiligen Geist inspiriert und fehlerfrei ist. Das bedeutet aber nicht, dass die Schriften nicht untereinander gewichtet sind. Jesus ist der Meister, Paulus ist sein Schüler und Nachahmer, dessen Lehre und Leben wiederum auf Jesus rückverweist. Die Schriften des Paulus verstehen wir durch die Evangelien, nicht umgekehrt, wie wir Evangelikalen das in der Regel tun.

In der Huttergemeinde werden nun alte Lehren von Generation zu Generation abgeschrieben und vorgelesen. Wie denke ich jetzt darüber? Die Lehren sind gut, doch weit mehr als die Worte faszinieren mich die Lebenszeugnisse der Brüder, die sie verfasst haben! Was sie uns an Schätzen in ihren Büchern hinterlassen haben, das ist untrennbar mit ihrem Einsatz für das Reich Gottes bis zum Tod durch Feuer, Wasser oder Schwert verbunden. Die alten Täufer hatten keine Zeit und oft auch kein Interesse an akademischer Neugierde und theologischen Spitzfindigkeiten; sie hatten einen Kampf zu kämpfen und einen Lauf zu vollenden. Davon geben ihre „Lehren“ bis heute Zeugnis, weshalb sie es wert sind in Ehren gehalten zu werden.

Wenn schon unser Ruf „Sola Scriptura“ eine Illusion ist, dann will ich mir ganz bewusst darüber sein, was neben die Schrift tritt und mich beeinflusst! Denn dass ich die Schrift immer durch eine Brille lese, ist unvermeidbar. Jeder Evangelikale Christ folgt bewusst oder unbewusst einer Tradition, sei sie „fundamentalistisch“, „darbystisch“, „charismatisch“, „reformiert“ oder sonst eine der Prägungen der tausenden Konfessionen, in die jene zerrissen sind, die sich dem „Sola Scriptura“ verschrieben haben. Wer sich gegen alle Brillen wehrt, der betrügt sich selbst, und im schlimmsten Fall liest er die Schrift wie ein Westeuropäer des 21. Jahrhunderts; losgelöst von der KIrchengeschichte sind die Missverständnisse Legion!

Also – und das habe ich von den Täufern gelernt – will ich mehr auf das Leben achten als auf die Lehre. In der Lehre werden wir immer wieder irren, denn wir sind alle nur Schüler. Herr, bewahre mich davor, ein Meister der Schrift werden zu wollen! Und da finde ich in jeder Konfession Vorbilder, die mich beeindrucken und beflügeln; doch die frühe Täuferbewegung machte das zu ihrem Programm. Wer das Buch „Feuertaufe“ (Peter Hoover; Original: „The Secret of the Strength“) noch nicht gelesen hat, dem empfehle ich es auf das Wärmste. In den Schriften der Täufer fehlt die akadamische Exaktheit, doch da sie sich auf das Leben konzentrieren und nicht auf Systematik, und dabei fast durchgängig vom Vorbild unseres Herrn Jesus ausgehen, wird man auch selten grob Falsches darin finden. Ich kann mit den theologischen Mängeln dieser Tradition gut leben, denn auch die exakten Systematiker egal welcher evangelikalen Richtung, irren. Der größte Irrtum besteht aber darin, aus dem Glauben eine Wissenschaft zu machen. Das ist, so meine ich, der Hintergrund zu dem täuferischen Sprichwort:

„Je gelehrter, desto verkehrter.“

Begnügen wir uns damit, das zu sein, was der Herr Jesus uns zugedacht hat: Schüler.

Ich will nur ein Jünger sein vor meinem Herrn.
Der Meister ist Er allein, Ihn will ich hörn.
Er legt mir Sein Leben vor: “Folge mir nach!”
Er hat mir die enge Pforte weit aufgemacht.

Im Wasser der Taufe fing mein Weg einst an;
fortan will ich laufen so treu ich nur kann;
Die Gnade gibt Kraft und Vergebung zugleich;
durch sie wird geschafft, was kein Mensch sonst erreicht.

Ich folge den Schritten, die Er vor mir ging.
Dort, wo Er gelitten, dort leid ich mit Ihm;
Wo Er überwunden, ist Sein Sieg auch mein:
Das Heil wird gefunden in Jesus allein!

Alexander Basnar, Jänner 2007

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